09.11.2017 03:30 | Martin Schwickert

"Mord im Orient-Express": Der Schnurrbart sitzt perfekt

Für seine Kino-Version von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ hat Regisseur Kenneth Branagh ein Star-Ensemble versammelt. Er selbst gibt den legendären Kommissar Poirot.

Kenneth Branagh gibt der Figur des Hercule Poirot, der mit dem Orient-Express im Schneesturm steckengeblieben ist, geradezu Shakespeare’sche Züge. Foto: Twentieth Century Fox
Kenneth Branagh gibt der Figur des Hercule Poirot, der mit dem Orient-Express im Schneesturm steckengeblieben ist, geradezu Shakespeare’sche Züge. Foto: Twentieth Century Fox Bild: - (Twentieth Century Fox)

Sidney Lumets „Mord im Orient-Express“ gehört zu den großen Kino-Klassikern der 70er Jahre. Von Lauren Bacall, Albert Finney, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset bis hin zu Sean Connery, Anthony Perkins und Vanessa Redgrave reichte der Aufmarsch der Filmlegenden, die sich auf engstem Raum versammelten, um Agatha Christies populären Kriminalroman aus dem Jahr 1934 auf die Leinwand zu bringen. Die Messlatte hängt also ungewöhnlich hoch, wenn die Fox-Studios nun ein Remake des Fernverkehr-Kammerspiels in Angriff nehmen. Aber mit Kenneth Branagh wurde ein bekennender Enthusiast als Regisseur unter Vertrag genommen, der in seine Shakespeare-Adaptionen genauso viel Herzblut steckte wie in die Comic-Verfilmung „Thor“ oder zuletzt in die Wiederbelebung des Disney-Klassikers „Cinderella“.

Männliches Gegenstück

Auch in seinem „Mord im Orient-Express“ ist der Wille zum großen Kino von den ersten Filmminuten an sichtbar, wenn die Kamera einem Marktjungen durch die belebten Gassen Jerusalems folgt, der die Frühstückseier für den belgischen Kommissar Hercule Poirot ins Hotel bringt. Branagh spielt selbst den legendären Kriminalisten, den Agatha Christie als etwas angeberisches männliches Gegenstück zu ihrer gewieften Ermittlerin Miss Marple entworfen hat. Poirots pittoresker Schnurrbart ist das weithin sichtbare Zeichen für die Exzentrik der Figur, deren genaue Beobachtungsgabe und perfektionistische Ordnungsliebe die Schlüssel zum detektivischen Erfolg bilden. Auf dem Weg zurück nach London besteigt er in Istanbul den Orient-Express, und mit ihm 13 weitere Fahrgäste. In einer langen Plansequenz fährt die Kamera durch den Bahnhof und langsam am Zug entlang, um durch die Fenster hindurch das Figurenarsenal vorzustellen, dessen prominente Besetzung es durchaus mit dem Original aufnehmen kann. Johnny Depp spielt den kriminellen US-Geschäftsmann Ratchett, der mit Assistent (Josh Gad) und Butler (Derek Jacobi) reist und die erste Nacht im Schlafwagen nicht überleben wird. Michelle Pfeiffer gibt die Witwe (und tritt damit in die Fußstapfen von Lauren Bacall) und Judi Dench die hochherrschaftliche Prinzessin. Penelope Cruz übernimmt von Ingrid Bergman die Rolle der verhuschten Missionarin. Willem Dafoe, Lucy Boynton, Daisy Ridley und Tom Bateman ergänzen die Erstliga-Besetzung.

In cineastischer Eleganz erstrahlt diese Aufbruchsequenz, die fast ohne Schnitt die Einfahrt des Zuges, die Ankunft der Fahrgäste und die Ausfahrt aus dem Istanbuler Bahnhof ins Bild fasst. Hier zeigt sich schon, dass sich das verwendete 65-Millimeter-Breitwandformat auszahlt, in dem zuletzt Christopher Nolans „Dunkirk“ gedreht wurde. Am Anfang scheint es, als wollte sich Branagh ganz eng an das Original halten. Erst langsam beginnt er den Stoff vorsichtig zu variieren, flicht kleine Action-Einlagen ins Geschehen ein und findet schließlich zu einem eigenen, dynamischen Erzählstil, der von der hervorragenden Kameraarbeit von Haris Zambarloukos effizient flankiert wird.

Dabei gelingt Branagh das Kunststück, dass auch diejenigen, die das Original und somit die Auflösung des Mordfalls kennen, dem Geschehen dennoch gebannt folgen. Dadurch, dass jeder der zwölf Mitreisenden in Verdacht gerät, bietet der Film dem Ensemble nahezu ausgewogene Entfaltungsmöglichkeiten. Denn genau wie Lumets Vorlage ist auch Branaghs „Mord im Orient-Express“ in allererster Linie großes Schauspielerkino.

Moralischer Konflikt

Es ist müßig, darüber zu sinnieren, ob die Neuen den Alt-Stars das Wasser reichen können, aber das, was etwa Michelle Pfeiffer als Wiedergängerin von Lauren Bacall im Finale aus dem Hut zaubert, muss den Vergleich mit dem Kino-Klassiker nicht scheuen. Branagh selbst spielt den schrägen Kriminalisten deutlich weniger als Witzfigur, schreibt sich am Schluss sogar noch einen moralischen Konflikt von Shakespeare’scher Wucht ins Drehbuch und findet damit eine weitaus zufriedenstellendere Auflösung als das Original. Ein durch und durch gelungenes Remake, das die Vorlage mit Liebe und Respekt behandelt, diese genau an den richtigen Stellen auffrischt und ohne angestrengte Modernisierungen einen eigenen Zugang findet. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinema, Cinestar, E-Kinos, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Mainz: Cinestar. Offenbach: Cinemaxx. Hanau:
Kinopolis

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