18.03.2017 03:30 |

Frankfurts Künstlergruppe „Quadriga“: Die Farbe braucht Freiheit

Das Frankfurter Museum Giersch zeigt etwa 75 Werke von Malern, Zeichnern und Bildhauern, die nach dem Krieg den Anschluss an die weltweite Avantgarde suchten.

Seiner „Hymne an das Licht“ fügte Heinz Kreutz 1958 ein „Violettes Bild“ hinzu. Es zeigt den Rausch der Farbe, dem sich die abstrakten Künstler bei der Auflösung aller Gegenständlichkeit hingaben. Bilder >
Seiner „Hymne an das Licht“ fügte Heinz Kreutz 1958 ein „Violettes Bild“ hinzu. Es zeigt den Rausch der Farbe, dem sich die abstrakten Künstler bei der Auflösung aller Gegenständlichkeit hingaben. Bild: Uwe Dettmar

Endlos wurde diskutiert, aber nicht über Inhalte, sondern über Vorurteile. Immerhin standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: Freiheit und Fortschritt gibt es nur in der Abstraktion, so die eine Seite, die vehement die gegenständliche Kunst ablehnte – sie war ihnen zu sehr politisch verstrickt und zu reaktionär. Die Vertreter der gegenständlichen Kunst hingegen gifteten zurück, die abstrakte Kunst bilde nur Chaos, Trieb- oder Wahnhaftes ab und sei folglich inhuman.

Raus aus der Doktrin

So einfach war nach 1945 die Welt, aber auch zu sehr von Doktrinen geprägt. Doch damit wurde eine Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte verdrängt. Heute wirkt dieser Streit eher müßig, das „Darmstädter Gespräch“ von 1950 und Karl Hofers empörte Äußerung von der „Diktatur der Abstraktion“ 1955 waren typische Aufgeregtheiten der Zeit.

Das macht der klug bilanzierende Rückblick deutlich, den Birgit Sander und Christian Spies für das Frankfurter Museum Giersch der Goethe-Universität kuratiert haben. „Ersehnte Freiheit“, so der Titel der bis 9. Juli laufenden Schau, versammelt 74 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von 20 Künstlern, abgerundet von zahlreichen Zeitdokumenten.

Hängen zuerst noch abstrakte und figurative Bilder von Willi Baumeister und Karl Hofer friedlich nebeneinander, so verengt sich dieser Fokus im zweiten Raum auf vorsichtige Versuche von Emil Schumacher, die Gegenständlichkeit abzuschütteln. Sein „Strandbild“ von 1950 zeigt eine verfremdete Realität mit einem Badetuch da, einem Liegestuhl dort, einer Sonnenbadenden woanders. Schon damals legte Schumacher mehr Wert auf das Malen an sich und die Bildoberfläche.

So deutet sich an, dass der Siegeszug der Abstraktion nicht aufzuhalten war; bald galt sie als neue Weltsprache der Kunst, in der viele Künstler ihr Heil suchten – ohne genau zu wissen, was sie wollten. Nur weg von der Figuration, die durch die Nazis in Verruf geraten war. Und schnell wieder Anschluss finden an die lange verpönte internationale Avantgarde. Ein klares Programm gab es nicht, dafür einen absoluten Freiheitsdrang.

Rein in die Gruppe

Die Geschichte der Kunst nach 1945 ist aber auch voll von Künstlergruppen – damals suchten die Künstler nach einem Rückhalt und einem Forum für Informationen. Die drei wichtigsten deutschen Vereinigungen stellt die Schau vor, zuerst die 1948 in Recklinghausen startende Gruppe „Junger Westen“, dann die 1949 in München gegründete „ZEN 49“ und zuletzt die 1952 in einer Frankfurter Schau auftretende „Quadriga“ – allesamt Privatinitiativen. Die meisten Museumsdirektoren kümmerten sich nicht um die junge Kunst, sie hatten genug zu tun mit ihren beschädigten Häusern, mit den ausgelagerten Werken und den Lücken in den Sammlungen.

Doch mit der neu gewonnenen Freiheit schoss die Zahl der künstlerischen Sprachen in die Höhe. Malte Heinrich Siepmann eher geometrisch-streng und Schumacher eher organisch-vegetativ, so suchte Brigitte Meier-Denninghoff von „ZEN 49“ in ihren Skulpturen das Verbindende zwischen Konstruktivem und Organischem. Rupprecht Geiger wiederum, auch bei „ZEN 49“ aktiv, lässt einen Raum aus nur einer Farbe entstehen. So ist die abstrakte Kunst kaum noch auf einen Nenner zu bringen.

Von K. R. H. Sonderborg sind sogar Fußabdrücke auf einem unbetitelten Bild von 1960 zu sehen – offenbar bewegte sich der „ZEN 49“-Künstler mit dem Bild, um seine spontan-gestische Malerei voranzutreiben. Ähnlich arbeitete auch Karl Otto Götz, der aber zur „Quadriga“-Gruppe gehörte. Dem Quartett, das schon nach zwei Jahren auseinanderging, wird mehr Raum eingeräumt als den anderen beiden Gruppen, nämlich die komplette zweite Museumsetage. Zwar war der „ZEN“-Einfluss im kulturkonservativen Klima der Adenauer-Ära wohl größer, aber so viel Lokalpatriotismus sei einem Museum zugestanden, zumal die „Quadriga“ einiges bewegte, nicht nur in Frankfurt.

Der inzwischen 103-jährige Götz malt an guten Tagen noch immer im alten, halbspontanen Gestus mit Tapetenkleister, Farbe und Wischer. Viel experimentierfreudiger waren Otto Greis und Heinz Kreutz. Während Greis das freie Spiel mit der Farbe bevorzugte, nutzte der impressionistisch angehauchte Kreutz sein sattes Farbspektrum auch als Licht. Und Bernard Schultze, der Vierte im Bunde, verlor sich gern im Gewirr seiner spindeldürren, zittrigen Linien.

Verwirrte Betrachter

Die Kehrseite der Abstraktion, das intellektuell überforderte Publikum, steht zum Schluss im Zentrum der dritten Museumsetage. Als 1959 in Kassel die zweite „Documenta“ eröffnete, strömte das bildungshungrige Publikum in die Weltkunst-Schau und stand ratlos vor den abstrakten Bildern. Diese Szenen fotografierte der junge Künstler Hans Haacke und zeigte so, wie die moderne Kunst schon damals den braven Bürger verwirrte.

 

Museum Giersch der Goethe-Universität, Schaumainkai 83, Frankfurt. Bis 9. Juli, dienstags bis donnerstags 12–19 Uhr, freitags bis sonntags 10–18 Uhr.
Eintritt 6 Euro, Katalog 29 Euro.
Telefon (069) 13 82 10 10.
Internet www.museum-giersch.de

 

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