12.10.2017 03:00 |

Interview: „Frag dich, was du selbst lesen willst“

Wer bei Facebook ist und sich für Bücher interessiert, der kennt Gunnar Kaiser. Kaiser wiederum kennt alle, die schreiben oder je geschrieben haben. Kaiser ist der Literaturpapst des Netz-Zeitalters.

Gunnar Kaiser: Im Frühjahr erscheint sein erster Roman.
Gunnar Kaiser: Im Frühjahr erscheint sein erster Roman. Bild: Fabian Jansen

Kaiser lebt in Köln, im Brotberuf Lehrer. Auf Facebook, das ja gegen das Vorurteil kämpft, hirnfreie Zone zu sein, stößt er täglich Diskussionen an: über Literatur, Philosophie, Politik. Er stellt Bücher vor, erfindet kluge Sätze oder Quizfragen, führt Autoren-Interviews. Im Sommer wanderte er durch Deutschland, besuchte Dichter, Denker, Buchläden. Andere Facebooker wanderten mit und gewährten ihm Unterkunft. Seine Begegnungen hielt er in einem Online-Tagebuch fest. Michael Kluger sprach mit einem der hurtigsten und originellsten Köpfe, die ihm auf Facebook bislang begegnet sind.

Herr Kaiser, wann schlafen Sie mal?

GUNNAR KAISER: Wieso fragen Sie, Herr Kluger?

Wann immer man sich in Facebook einloggt, haben Sie schon wieder was Neues ausgebrütet. Haben Sie eine Hirn-Anomalie? Wie kommen Sie auf all die Ideen?

KAISER: Früher habe ich immer gedacht, ich wäre ein genialer Schriftsteller, weil ich viele Ideen und Plots für Romane hatte. Ich habe aber nur einen Bruchteil umgesetzt, geschweige denn fertiggestellt. Heute denke ich, dass es nicht darauf ankommt, wie viele Ideen man hat, sondern wie viele man ernsthaft in die Tat umsetzt. Insofern ist Facebook für mich ein Segen: Ich kann viel mehr Ideen „umsetzen“, weil ich mir vormachen kann, dass eine Idee zu formulieren und Reaktionen darauf zu erhalten schon so was ist wie einen Roman zu schreiben. Für meine Freunde ist das natürlich ein Fluch.

Sie nennen sich Schriftsteller, Philosoph, Blogger – wie passt das alles zusammen?

KAISER: Ich habe mit solchen Selbstzuschreibungen lange gewartet. Eigentlich hasse ich sie noch immer. Labels definieren, schränken also auch ein. Aber wenn man ins Leben hinausgeht, machen sich andere sowieso ein Bild – es kann hilfreich sein, wenn man dann ein klares Selbstbild hat, um es mit der Wahrnehmung der anderen abzugleichen. Und sie sogar bewusst zu beeinflussen. „Schriftsteller, Philosoph, Blogger“ – das schien mir definierend, aber auch offen genug. Im Grunde so was wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“.

Wissen Sie eigentlich, dass ich immer noch an einem Zitat knabbere, dass Sie vor Monaten mal gepostet haben? „Eine Singularität einer holomorphen Funktion kann genau dann behoben werden, wenn die Funktion in einem Gebiet um die Singularität beschränkt ist.“ Was bedeutet das?

KAISER: An diesem Tag hatte Fritz Riemann Geburtstag, der Satz stammt von ihm. Ich nahm an, dass es sich um den Serienmörder handelt, und dachte, er gebe hier einen Hinweis auf die Motivation für seine Verbrechen. Aber ich habe mich auf Wikipedia wohl vertippt.

Mal eine klassische Frage: Warum machen Sie das?

KAISER: Meine Mutter sagte immer: „Tu, was du nicht lassen kannst.“

Es hieß ja immer, die FB-Gemeinde sei zu doof für Literatur und Philosophie. Stimmt das? Wer sind Ihre Fans?

KAISER: Hier würde mich die Precht’sche Frage mal wirklich interessieren: „Und wenn ja, wie viele?“ – Aber in der Tat verbergen sich hinter den FB-Profilen ja echte Menschen, oft zumindest, und die haben menschliche Bedürfnisse, zum Beispiel nach Verbundenheit, intellektueller Anregung, Vergnügen. Diese Bedürfnisse sind ja genau der Grund dafür, warum Literatur und Philosophie überhaupt existieren. Und vielleicht auch die Antwort auf Ihre vorige Frage.

Wozu braucht man eigentlich Bücher, man kann doch den ganzen Tag Kaiser in Facebook lesen?

KAISER: Wozu braucht man die Tiefe, wenn man sich an der Oberfläche gut amüsieren kann?

Wie wählen Sie Ihre Themen aus?

KAISER: Sie wählen mich aus. Sie begegnen mir – in Gesprächen, im Internet, in Büchern. Bisweilen schicken mir auch Freunde interessante Anregungen: „Das wär’ doch was für dich!“

Was unterscheidet Facebook von der Volkshochschule?

KAISER: Die Massenüberwachung und die Kommerzialisierung. In der VHS habe ich bisher selten meine sexuellen Träume, Unterwäschevorlieben und Weltverbesserungsfantasien an die Geschäftsführung übermittelt, damit die sie dann ans Schwarze Brett hängt.

Sie sind selbst Lehrer: Werden Sie noch für voll genommen?

KAISER: Wie Sie sicher wissen, Herr Kluger, rangieren „Lehrer“ und „Journalist“ seit Jahrzehnten auf den untersten Rängen der Berufe-Beliebtheitsskala. Daher fallen wir nur wenig, selbst wenn wir noch tiefer fallen.

Finden Ihre Schüler das lustig, was Sie da machen?

KAISER: Zumindest begrüßen sie mich oft freundlich mit: „Ich hab Sie abonniert!“. Nach den Zeugnissen auch schon mal gern mit „Ich hab Sie deabonniert!“

Ist es möglich, auf Facebook was Geistreiches zu posten, das länger als zwei Sätze ist?

KAISER: Im Grunde warten die ganzen Aphorismen und Aperçus von Philosophen doch seit Jahrtausenden auf so eine Plattform, auf der Menschen einem einzelnen Zitat so viel messbare Aufmerksamkeit schenken. In Büchern verbergen sich diese Schätze ja oft, müssen erst geborgen werden, und wer blättert heute noch im Marc Aurel? Höchstens bei Festtagsreden hört man solche Sätze dann noch als bildungsbürgerliches Bonmot, die Halbwertszeit dürfte aber ähnlich kurz sein wie bei Facebook.

Muss alles witzig sein, oder darf man auch langweilen?

KAISER: Es gibt eine Art innere Zensur, weil das Medium die Message ist. Wer auf Facebook postet, gibt vorher zu, dass er nicht langweilen will, sondern Aufmerksamkeit in Form von Kommentaren und Likes. Aber der Humor kann dazu führen, dass Menschen die Auseinandersetzung vertiefen möchten – sie kommen dann auf den Blog, hören sich die Videos an oder lesen ein Buch. Mein Buch.

Wie erzielen Sie Quote?

KAISER: Da gibt es ja eine Unmenge von Marketingexperten ausgearbeitete Strategien. Die wichtigste scheint mir aber zu sein: „Frag dich, was du selber gerne lesen würdest und worauf du selber gerne antworten möchtest.“

Haben Sie Angst, dass die Schwarmintelligenz zu schlau ist für Sie?

KAISER: Das ist sie auf jeden Fall. Die Menschen wissen so viel, jeder auf seinem Gebiet. Es macht demütig, sich das einzugestehen. Und es ist sehr fruchtbar – wie in der Schule bin auch auf Facebook ich derjenige, der am meisten dazulernt.

Sind Sie traurig, wenn ein Beitrag von Ihnen nur zehnmal gelikt wird?

KAISER: Ich bin dankbar. In armen Ländern bekommen viele Menschen gar keine Likes.

Was haben Sie falsch gemacht, wenn ein Beitrag nicht funktioniert?

KAISER: Es gibt drei Stufen der Ursacheforschung, sie gehen vom kleinsten Subjekt bis zum höchsten Wesen: 1. Ich habe den Beitrag aus Versehen auf „privat“ gestellt. 2. Die Community schläft noch oder wieder. 3. Facebook hat seinen Algorithmus umgestellt.

Haben Sie schon einmal einen Shitstorm erlebt?

KAISER: Ein Stürmchen, höchstens. Mein Profil ist so angelegt, dass ich eine möglichst große Vielfalt an Meinungen möglichst ungefiltert zu Wort kommen lassen will – damit ein fairer, aber ernsthafter Austausch entsteht, der Filterblasen zum Platzen bringt. In den heutigen Zeiten ist das schwierig, weil Segregation bequemer, Bestätigung besser fürs Selbstwertgefühl und das Klima intoleranter ist. Mir wurde vorgeworfen, dass ich Meinungen, die abseitig erscheinen, nicht lösche – dahinter schwebt immer der Vorwurf des Sich-gemein-Machens oder der, dass ich unerwünschten Meinungen eine Plattform gebe, weil ich derselben Meinung wäre. Aber wenn man den Kopf herausstreckt in die Öffentlichkeit, ist man eine Projektionsfläche für die Menschen, die dann beginnen, sich an einem abzuarbeiten. Mir hat mal jemand gesagt: „Deine Feinde lieben dich dafür, dass sie dich hassen dürfen.“

Wollen Sie alle, die hinter Ihnen her sind, auch persönlich kennenlernen?

KAISER: Unterbewusst will man lieber, dass die Projektionsfläche erhalten bleibt. Aber die Resonanz auf meine Frage, wer mich in Deutschland eine Nacht bei sich aufnehmen würde, war riesig. Wahrscheinlich weil sie da noch dachten, ich meine es nicht ernst.

Wollte schon einmal eine Leserin Sex mit Ihnen?

KAISER: Nicht nur LeserIN, und nicht nur Sex!

Und wie lange soll das noch so weitergehen?

KAISER: Facebook ist zum Verbinden und Vorstellen gut, aber eben kurzlebig – im Grunde erfüllt es, was Neil Postman in den 70ern über das Fernsehen sagte: eine unterschiedslose Konsumption von Informationshäppchen. Man scrollt weiter und sagt sich: „Und nun zu etwas komplett Anderem“. Wissen oder Bildung gar ist das nicht. Wenn es mir aber auch so gelingt, ausführlichere und tiefergehende Debatten anzustoßen und zu führen, kehre ich Facebook den Rücken – falls es nicht vorher mir den Rücken kehrt. Facebook ist nur ein Tool – ein nützliches, aber auch schwieriges und sogar gefährliches. Man macht sich leicht abhängig von diesem Konzern oder verliert sich in der Zerstreuung. Mein Ziel ist es, die Menschen zu meinen Büchern, Artikeln und Videos zu verführen, um dort eine etwas freiere Plattform für die Auseinandersetzung mit Literatur und Philosophie zu haben.

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