17.03.2017 03:00 |

Judith Holofernes spielt in der Kulturkirche St. Peter: Hängematte, Morgenlatte

Ein besseres Alibi kann man sich kaum vorstellen. Judith Holofernes hat den Titel ihres zweiten Soloalbums "Ich bin das Chaos" auch zu ihrem Tournee-Motto gemacht. Da kann man sich alle Freiheiten nehmen.

Trifft nicht immer den Ton, stimmt aber: Judith Holofernes.
Trifft nicht immer den Ton, stimmt aber: Judith Holofernes. Bild: Julian Sajak

Der Star des Abends, der kein Star sein will, lässt sich weit vor Beginn seines Auftritts auf der Bühne sehen. Judith Holofernes stellt ihrem Publikum in St. Peter in Frankfurt das Vorprogramm vor. „My brother from another mother“, nennt sie den färengischen Singer/Songwriter Teitur. Zu ihm hat sie einen besonderen Draht. Er hat neun der elf Stücke auf „Ich bin das Chaos“ mitkomponiert und geholfen, mit ganz speziellen Instrumentierungen ihre assoziativen Liedtexte – nicht selten Marke Neo-Dada – in farbenfrohe Arrangements zu kleiden.

Auf Neustart

Da muss man der sechsköpfigen Live-Band auch einen fantasievoll-kryptischen Namen geben. „Imaginary Doomsday Orchestra“ heißt sie also. Dem Färöer Teitur gelingt ein stimmungsvoller Einstieg. Nur mit Gesang zu Piano oder Gitarre erfüllt er den Kirchenraum mit sehnsuchtsvollen, dabei niemals larmoyanten Liedern. Sympathisch, wie er die Konzertbesucher auf Judith Holofernes, für ihn eine „Top-Songschreiberin“, „die beste“, einstimmt.

Die so Gelobte kommt kurz vor Neun auf die Bühne. Schon die ersten Xylofon-Klänge von Jarita Freydank werden von den Fans dankbar angenommen, um mitzuklatschen. Allein, die Frontfrau bricht das Intro von „Danke, ich hab’ schon“ ab. „Das machen wir noch mal.“ Der einzige Anflug von Nervosität. Dann reimt sie Hängematte auf Morgenlatte, Wasserratte und kaputte Platte, und die Party nimmt ihren Lauf. Mit dem „Analogpunk“, dem „Nichtsnutz“, alles Figuren, die in der Welt der einstigen „Heldin“ ihren Platz haben.

Waren die gefeierten „Wir sind Helden“ eigentlich deutscher Indie-Rock oder doch Synthie-Pop-Punk? Holofernes hat sich vollkommen befreit von Erwartungshaltungen und Stilfragen. Das Solodebüt „Ein leichtes Schwert“ überraschte fast als Countryalbum. Lässig. Jetzt liebt sie es chaotisch. Holofernes (auch Gitarristin), Perkussionistin Freydank, Keyboarderin Katrin Hafner, Bassist Jörg Holdinghausen, Schlagzeuger Hanno Stick und natürlich Teitur Lassen gestalten die fünfundsiebzig Minuten wie ein Mixtape. Erlaubt ist, was gefällt.

Und da werden viele Genres gestreift: Wahlweise Ukulele oder eine typische Einatmen-Ausatmen-Mundharmonika Marke Bob Dylan wecken Folk-Assoziationen. Eine verzerrte E-Gitarre klingt zumindest nach Metal light. Ein Twang-Motiv gemahnt an Rock ’n’ Roll; getriebene Uptempo-Nummern erinnern an Rhythm & Blues, die im Funk enden. Am anderen Ende der Skala wird „Der letzte Optimist“ zu einem taumelnden Walzer. Selbst der gute alte Beethoven wird in „Oder an die Freude“ großzügig zitiert – mit sehr freier Textbearbeitung à la „Freude, schöner Götterfunken, Tochter mach’ Dein Physikum“. Establishment-Kritik.

All das in ganz eigener Manier, versteht sich. Denn der spielerische Umgang mit den Stilen hat Priorität, die Songs wirken nicht totgeprobt, wie improvisiert von einer Gute-Laune-Kapelle. Manchmal hat das etwas von Kindergeburtstag oder Klassenfahrt. Ein ständiger positiver Energiefluss ist da, selbst wenn „Die Leiden der jungen Lisa“ ironisch als getragene Ballade inszeniert werden.

Subjektiv richtig

Holofernes’ Gesang steht über allem. Mutig, wie präsent und prägnant er dabei großes Selbstvertrauen signalisiert. Perfektion beherrschen andere. Da sitzt nicht jeder Ton, da scheint ihre Stimme auch mal zu wackeln, wirkt brüchig. Objektiv klingt sie oft falsch, subjektiv aber richtig, weil sie zu ihrer Performance passt. Wer empfänglich dafür ist, hat Gänsehaut. Der Vortrag hat eher den Duktus einer Liedermacherin oder einer Theatersängerin. Wer einmal eine ausgebildete Musicalsängerin wie Ute Lemper „Die Dreigroschenoper“ hat singen hören, weiß Lotte Lenyas ausdrucksstarke Artikulation erst richtig zu schätzen. Und Holofernes ist schließlich ein Berliner Gör’.

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