17.03.2017 03:00 | Dierk Wolters

Ausstellung im Goethehaus: Johann Heinrich Füssli: Dem Wahnsinn ganz nah

Frankfurt In der Schau „Füsslis Nachtmahr. Traum und Wahnsinn“ kann man die dunkle Seite der Romantik kennenlernen – und auch ihre komisch-karikaturistischen Auswüchse.

Die zweite und subtilste Variante des „Nachtmahrs“ (1790/91), von Goethehaus-Direktor Ernst Beutler erworben. Bilder >
Die zweite und subtilste Variante des „Nachtmahrs“ (1790/91), von Goethehaus-Direktor Ernst Beutler erworben. Bild: FDH

„Dort lag sie, quer über das Bett, leblos und bleich. Ihr Haupt hing hinab und ihr Haar bedeckte zum Teil ihr verzerrtes Antlitz.“ Es war Mary Shelley, die dies 1818 in ihrem Schauerroman „Frankenstein“ schrieb. Bis auf die Haare, die in Johann Heinrich Füsslis Gemälde „Der Nachtmahr“ nach unten hängen und den Eindruck völliger Schutzlosigkeit verstärken, wirkt die Beschreibung, als hätte die jugendliche Autorin in ihrer Horrorgeschichte Füsslis Nachtmahr vor Augen gehabt, keine drei Jahrzehnte zuvor entstanden und bis heute ein rätselhaftes Bild, das seinen Betrachter sofort in den Bann zieht: gespenstisch, unheimlich, irritierend, sexuell aufgeladen, undeutbar. Der Schweizer Johann Heinrich Füssli, eminent talentiert, von seinem Charakter her ein Rebell und unangepasst, bevorzugt die starken Töne.

Vom „Nachtmahr“ gibt es drei Versionen. Die drastischste hängt in Detroit, die subtilste gehört seit ihrem Erwerb durch den legendären Direktor Ernst Beutler dem Goethehaus, eine weitere befindet sich in Schweizer Privatbesitz. Füssli entwirft darin eine hochdramatische Szene, in der ein monsterhafter Alb auf dem Leib einer schönen Frau hockt, im Hintergrund schaut sein Geisterpferd dem Geschehen zu. Im Altnordischen ist „Mara“ ein Dämon, der Schlafende quält, aus Füsslis englischer Wahlheimat stammt das Wort „mare“ für ein weibliches Pferd, das heute noch im deutschen „Mähre“ lebt. Die Doppelbedeutung schillert im Gemälde durch.

Der wilde Schweizer

Um dieses herrliche Bild herum, das den Betrachter packt, gerade weil es die Nähe zum Kitsch nicht scheut, hat das Freie Deutsche Hochstift eine Ausstellung gebaut, die den Arkadensaal in einer Art doppelten Ringstruktur bespielt. Sie zeigt andere hochdramatische Zeichnungen und Gemälde des talentierten Malers wie die rechts ebenfalls abgebildete „Queen Mab“, gibt einen Einblick in Füsslis ungestümes Leben und widmet sich schließlich den zahlreichen Nachahmern und Anverwandlern des Motivs durch die Jahrhunderte, von Daumier und Hogarth bis zu Delacroix. Weil sich zahlreiche Karikaturisten an der dankbaren Vorlage versuchten, gibt es in dieser Ausstellung auch viel zu lachen: Seinerzeit musste es schon Lord Nelson ertragen, auf seiner Skandalliebschaft Emma Hamilton hockend dargestellt zu werden. Napoleon wurde so als Albtraum Europas gezeigt, und ein gefräßiger Londoner Bürgermeister, der ein opulentes Festbankett gegeben hatte, als von den Speisen geplagter „Night-Mayor“.

Wer war dieser Füssli, von Beginn seiner Malerkarriere an auf Wirkung bedacht? Auch darüber gibt die Ausstellung Auskunft: 1741 wurde er in eine Zürcher Malerfamilie geboren. Sein Vater zwang ihm ein ungeliebtes Theologiestudium auf, doch das bereitete seiner Neigung zu den schönen Künsten kein Ende. Bei aller „Glut und Ingrimm“, die ihm Goethe einmal in einem Brief an Herder bescheinigte, war er doch ein sehr systematischer Arbeiter und deswegen bald ein intimer Kenner der Literatur, dabei geistreich und stets erfrischend bösartig. Von Homer über Dante bis zu Shakespeare reicht sein Wissen, und in seinen Darstellungen greift er auf Motive dieser Literatur zurück. Als Henry Fuseli zieht er schließlich nach London, stellt dort in der Royal Academy aus und erreicht 1782 mit der besonders grellen Erstfassung des „Nightmare“ das, was er erreichen will: Aufmerksamkeit. Das Gemälde wird umgehend zu einer Ikone der Schauerromantik, die literarisch mit dem „Schloss von Otranto“ des englischen Exzentrikers Horace Walpole zu einem Höhepunkt gelangte: Es war eine Zeit, in der sich die Ideen der Aufklärung ihre politische Bahn brachen. Zugleich wurde die Freude am Schrecken, am unauflösbaren Rätsel, an der dunklen Kehrseite und den Gefahren des Lebens kultiviert. Sie waren das Andere der Vernunft, all das nämlich, was sich nicht mit dem Verstand allein erfassen ließ – und dazu gehörte in erster Linie auch der Traum.

Traumscharf kalkuliert

Nicht zuletzt dort war Johann Heinrich Füssli zu Hause. „Zu den am wenigsten erforschten Bereichen der Kunst zählen die Träume“, dekretierte er in einem seiner Aphorismen. Schon in dem Wunsch, den Traum, also das sich per se der Vernunft Entziehende, erforschen zu wollen, zeigt sich die ganze Janushaftigkeit seiner Kunst: aufs Gefühl setzend und doch gedankenscharf kalkuliert.

Zum Traum zählt natürlich auch der Alptraum und, als seine gesteigerte Variante in der Wirklichkeit, der Wahn. Das Goethehaus wäre nicht es selber, würde es nicht all diesen Verzweigungen akribisch nachspüren und in Vitrinen einschlägige Bücher zum Thema präsentieren, von Dantes Höllenkreis-Zeichnung bis zu Shakespeare und Shelley: Aus all dem zieht Füssli Anregungen und vermischt, was er findet, skrupellos: Hauptsache, es wirkt. Und das tut es fast immer.

Kuratorin Petra Maisak zieht an diesem wirkungsmächtigen Bild nicht nur eine eklektische Geschichte der Karikatur auf, sondern auch eine Geschichte des Wahns. Den Schauder, den ein Blick in Irrenanstalten auslösen kann, machten sich Zeichner von William Hogarth bis Wilhelm von Kaulbach zunutze.

Die Schau, von zahlreichen Begleitveranstaltungen garniert, liefert einen fulminanten Rundumschlag, der sogar historische und zeitgenössische Kinofilme einfasst – und zeigt damit beispielhaft, wie das künftige Romantikmuseum, an dem gleich nebenan heftig gebaut wird, dereinst wird funktionieren können. Wenn es dem Haus gelänge, an die Werke der bestehenden Sammlung mit solchen gleichermaßen exzellenten wie eingängigen Sonderschauen anzudocken, hätte diese bedeutsame Epoche 2018/2019 ein Haus und eine Frankfurter Heimat für das, was Romantik war und heute ist, in all ihren Facetten. Dass das Freie Deutsche Hochstift neben dem Goethemuseum und seiner Bildersammlung auch über ein exzellentes und in Deutschland einmaliges Archiv verfügt – hier könnte es, wie in dieser Füssli-Schau, endlich öffentlich erstrahlen.

 

Ab Sonntag bis 18. Juni. Geöffnet täglich 10–18, So bis 17.30 Uhr. Eintritt 5 Euro. Begleitprogramm unter www.der-nachtmahr.info. Tel.: (069) 13 88 00.

 

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