20.04.2017 03:30 |

Projekt "Bridges - Musik verbindet": Konzert der geflüchteten Musiker: Lieder der Sehnsucht

Im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt sorgten geflüchtete Musiker aus aller Welt bei einem großartigen Konzert für bewegende Momente.

Walid Khatba (Mitte) war Erster Violinist im Syrischen Nationalorchester in Damaskus, jetzt geigt er für das Flüchtlingsprojekt „Bridges“. Bilder >
Walid Khatba (Mitte) war Erster Violinist im Syrischen Nationalorchester in Damaskus, jetzt geigt er für das Flüchtlingsprojekt „Bridges“. Bild: Heike Lyding

Seine Stirn ist voller Narben, sein Blick voll Stolz. Abbass Nour ist aus Afrika geflohen. Seine Familie wurde umgebracht. Er wird nie zurückkehren können nach Darfur. Abbass Nour ist der berühmteste Rapper des Sudan. Diktator al-Baschirhat hat Jagd auf ihn gemacht. Wenn Abbass Nour jetzt seine Verzweiflung ins Mikro schreit, ist die Stimmung im HR-Sendesaal auf dem Siedepunkt.

Das Konzert der Flüchtlingsinitiative „Bridges – Musik verbindet“, für das der Hessische Rundfunk den Saal, Moderator Klaus Krückemeyer, Tontechniker und Equipment zur Verfügung stellte, wird zu einem triumphalen Fest der Integration. Seit Wochen ausverkauft, reiht sich in über drei Stunden ein musikalischer Höhepunkt an den nächsten. Abbass Nours Rap-Solo ist einer davon. In „Refugee-Walk“, komponiert für das „Flüchtlingsorchester“ von dem Frankfurter Filmkomponisten Rainer Michel, besingt er die unmögliche Liebe zwischen einem Jungen und einem Mädchen aus unterschiedlichen Ethnien. Die Musiker stampfen während des streicherintensiven Stücks immer wieder mit dem Fuß auf, die Perkussion ahmt den stumpfen Trott der Flüchtlingszüge nach.

Wie eine Familie

Komponist Rainer Michel spricht vielen aus dem Herzen, als er den Flüchtlingsausweis seiner Mutter hochhält, die im Zweiten Weltkrieg zu Fuß floh: „Meine Mutter war auch einmal Flüchtling. Ihr Musiker seid mir alle ans Herz gewachsen. Wenn ich nicht mehr mit euch musizieren könnte, ich würde das vermissen. Wir sind eine Familie geworden.“

Die anspruchsvollste Komposition des Abends stammt vom Profi-Klarinettisten S. Sina Sadeghpour aus Teheran, der „ein Fan von Luciano Berio“ ist. Für sein Stück „Farsh“ (Teppich) hatte er eine traditionelle Teppichknüpferei vor Augen: „Damit das Knüpfen schneller vorangeht, singt eine Knüpferin die Muster vor.“ Er habe insgesamt einen „Quadratzentimeter eines Teppichmusters“ vertont. Die Sängerin, die Hornisten und Streicher des „Bridges-Dezetts“ unter Leitung von Dirigent Matthias S. Krüger widmen sich dem Klangteppich aus raffinierten Pizzicati, hohem Sopran und geklopften Hornmundstücken mit höchster Professionalität.

Die Stimmung im Frankfurter HR-Sendesaal köchelt bereits, da setzt Mustafa Kakour am Schluss noch eins drauf: „Allen Rassisten dieser Welt“ widmet er seine Komposition. Ein sinnliches Orchesterwerk, dem traditionellen syrischen Liebeslied „Hal Asmar Ellon“ nachempfunden. Der 32-jährige Flüchtling und einstige Horn-Student an der Universität Homs hat es extra für das Ausnahme-Konzert geschrieben. Eine mitreißende Hommage an die Toleranz, in der er die Musik aller Ethnien und Religionen Syriens vereint. Und die 80 Künstler des „Flüchtlingsorchesters“ singen und spielen seine berückende Liebesmelodie an Violine, Cello, Tar und Tabla mit einer Inbrunst, die den Zuhörern Gänsehautwellen über den Rücken jagt.

Die Fans stehen auf. Bravorufe. Am Ende singen sie unisono das deutsche Volkslied „Es führt über den Main“, in dem es auch um Brücken geht. Um eine Brücke aus Stein allerdings, nicht um eine aus Musik. Doch der „Bursch ohne Schuh und in Lumpen dazu“ tanzt einfach über sie hinweg. So wie „Bridges“ allen Vorurteilen entgegentritt – mit Flötentönen, Saitenklängen und wilden Trommeln.

Schlimme Schicksale

Das Orchester und der jetzt neu gegründete Chor bestehen aus Menschen mit ergreifenden Einzelschickalen. Abbass Nour, der heute am Frankfurter Berg lebt, sang seine kritischen Songs fünf Jahre auf Französisch, weil das Regime diese Sprache nicht verstand, und wurde später von seinen „eigenen Studenten angezeigt“. Al-Baschir hatte sie für seinen Geheimdienst rekrutiert und ließ die Rapsongs übersetzen. Der seit Jahren anerkannte Flüchtling rappt auch mit der Münchner Gruppe „Blumentopf“ und ist mit dem einstigen Straßenmusiker und Instrumentensammler Rainer Michel verbunden.

Sofort als Flüchtling anerkannt wurde auch der stille, in sich gekehrte Mohanad Almossli, der vor knapp zwei Jahren aus Syrien kam und für die Flucht nach Deutschland wegen der teuren Schlepper seine „geliebte, hochwertige Flamenco-Gitarre“ verkaufen musste. „Mit der bin ich sogar in der Oper von Damaskus aufgetreten“, erinnert er sich. „Es ist alles so ordentlich hier in Deutschland,“ sagt er auf Englisch. „Meine Nerven beruhigen sich langsam. Endlich kann ich meinen zwei kleinen Söhnen ein besseres Leben bieten“. Mittlerweile hat er eine exzellente Gitarre von einer Sammlerin aus dem Taunus geschenkt bekommen, aus der er jetzt seine rassigen spanischen Improvisationen hervorzaubert.

Ein syrischer Landsmann ist auch der Top-Violinist Walid Khatba, der noch bis 2011 als Konzertmeister im National Syrian Symphony Orchestra geigte, dann aber die Stadt der Künste verlassen musste. Er ist crossovererprobt und spielte 2015 bereits vor 100 000 Menschen beim Glastonbury Festival mit der Pop-Band „Gorillaz“.

Der junge Violinist Arman Kamangar war noch minderjährig, als er sich vor drei Jahren auf die Flucht aus dem kurdischen Teil Irans machte. Mit überwältigender Disziplin hat der mittlerweile 21-Jährige druckreifes Deutsch gelernt und ist von der immensen Hilfsbereitschaft hierzulande sehr gerührt: „Wie viele Menschen mir geholfen haben, einfach so, das hat mich wirklich überwältigt.“ Neben der klassischen Violine (Lieblingskomponist: Mendelssohn), hat er bei seinem Vater das Trommeln gelernt. Die gesamte Familie des Vaters hat schon einst gegen die Mullahs und den religiösen Führer Chomeini gekämpft. Musik war im Iran verboten und konnte nur in den Hinterzimmern bei geschlossenen Türen geprobt werden. Er findet es toll, dass die Jugendlichen hier so frei seien, sie hätten Zugang zu jeder Form von sozialen Netzwerken, zu Musik, zum Tanz. „Die Teenager bei uns haben dagegen gar nichts.“

Auch Arman Kamangar vermisst seine gesamte Familie. Genau wie Abbass Nour kann er nicht in seine Heimatstadt zurückkehren, es sei „einfach zu gefährlich“.

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