Stadthalle Offenbach

Mike Shinoda – Co-Frontmann von Linkin Park – gibt hinreißendes Solo-Konzert

Von MAXIMILIAN STEINER
Mike Shinoda in der Stadthalle Offenbach.
Julian Sajak/FNP

Mike wer? Erst wenn die Stichworte „Linkin Park“ und „Chester Bennington“ fallen, macht es Klick. Ach den meinst du, heißt es dann lapidar. In der ausverkauften Offenbacher Stadthalle hingegen muss man keinem der Besucher erklären, wer Mike Shinoda ist.

Als Co-Frontmann und Gründungsmitglied partizipierte er am globalen Erfolg von „Linkin Park“ seit dem Durchbruch mit dem 2000er Debüt „Hybrid Theory“. Mit mehr als 70 Millionen weltweit verkauften Alben, zwei Grammy-Awards, sieben internationalen Nummer-eins-Alben und mehr als 5,5 Milliarden YouTube-Klicks zählt die Nu-Metal-Truppe aus dem kalifornischem Agoura Hills unbestreitbar zu den wichtigsten Rock-Acts der Gegenwart.

Kehrseiten des Erfolgs

Erst der Freitod des an schweren Depressionen erkrankten Co-Frontmanns Chester Bennington im Juli 2017 stellte diese Superlative in Frage. Wie es mit „Linkin Park“ weitergeht, gilt derzeit als ungewiss. Chester Bennington jedenfalls ist nicht vergessen. Sein Antlitz prangt auf jedem zweiten T-Shirt. Seit dem frühen Nachmittag vertreiben sich die aus nah und fern zum Zusatzkonzert angereisten Horden die Zeit vor der Mehrzweckhalle. Nachdem endlich alle durch den peniblen Security-Check gewandert sind, lässt sich ein erklecklicher Müllberg begutachten.

Drinnen herrschen feuchtheiße Temperaturen wie in Südostasien zur Monsun-Zeit. Im Vorprogramm sorgt „Don Broco“, eine Formation aus dem britischen Bedford mit einer stark amerikanisierten Alternative-Rock-Variante für noch mehr Hitzeschübe. Wie zu erwarten, fliegen beim vehementen T-Shirt Song“ diverse „Don Broco“-Klamotten in die Menge.

Als die Hallenlichter später wieder angehen, erfolgt endlich die Erleichterung: Die Security öffnet auch am hinteren Hallenende sämtliche Türen, sorgt für Durchzug bis hinauf in die Sitzgalerie. Weniger ist mehr, lautet das Credo des Sängers, Rappers, Pianisten, Gitarristen, Komponisten und Produzenten, der einen hinreißenden Auftritt hatte.

Zwar ohne Begleitung, aber mit Musik aus der Konserve rappt sich der 41 Jahre alte gelernte Graphic-Designer und Illustrator Michael Kenji Shinoda durch „Petriefied“, den ersten von mehreren Songs seines Parallelprojekts „Fort Minor“. Seinem Credo bleibt Shinoda auch verhaftet, nachdem sich seine beiden Begleiter, ein Schlagzeuger und ein Multiinstrumentalist, zu ihm gesellt haben. Mit poppigem „I.O.U.“ gibt es den ersten Auszug aus seinem im Juni 2018 erschienen Solodebüt „Post Traumatic“. Allein schon der Titel legt nahe: Shinoda arbeitet künstlerisch Benningtons Freitod auf.

Auch die weiteren Beispiele „About You“, „Over Again / Papercut“ „Crossing A Line“, „Hold It Together“ und „Make It Up As I Go“ zeigen einen durchweg souveränen Songwriter, der ein Händchen hat für Ohrwürmer zwischen Pop, Rock und R ’n’ B.

Virtuoses Multitalent

Mal singt, mal rappt Shinoda, greift versiert zur E-Gitarre oder in die schwarz-weiße Tastatur seines Keyboards. Untermischt sind jede Menge Klassiker von „Linkin Park“, für die sich der Sohn einer amerikanischen Mutter und eines japanischen Vaters ja von Anbeginn der Band auch als Co-Komponist verantwortlich zeigte: „When They Come For Me“, „Roads Untraveled“ und „Sorry For Now“ etwa landen in einem überblendenden Triptychon. Für „Numb“ und „In The End“ übernimmt eine junge Akustikgitarristin den instrumentalen, das Publikum den gesanglichen Teil – Shinoda hat das virtuose Nachwuchstalent, angeblich aus dem Rhein-Main-Gebiet, über seinen Instagram-Account aufgespürt. Fleißig wirkt die Anhängerschaft mit, hält selbstgebastelte Schilder hoch.

Beim flotten „Ghost“ im Zugabenteil winken die Fans mit weißen Socken oder werfen sie in Richtung Bühne – ein Gag, den nur der versteht, der den Videoclip kennt. Abermals wird an „Linkin Park“ erinnert: Bei „Castle Of Glass“ singen noch einmal alle ganz laut mit und wähnen sich in Wolkenkuckucksheim.

MAXIMILIAN STEINER