20.03.2017 03:30 |

Verleger Axel Dielmann im Interview: Neue Literaturzeitschrift "Schritte": "Kaffeehaus-Kultur ist wieder da"

Es ist soweit: In mehr als tausend Cafés in Deutschland wird die Zeitschrift "Schritte" ausliegen, allein in Frankfurt an 46 Orten - für Freunde von Geschichten und Gedichten.

Axel Dielmann sitzt und liest gerne in den Frankfurter Cafés. Und er glaubt, dass es anderen Leuten genauso geht. Seine Literaturzeitschrift „Schritte“ soll ein geistiger Beitrag zu dieser Café-Kultur sein. Der bewährte Zeitungshalter zum bequemeren Lesen gehört dazu.
Axel Dielmann sitzt und liest gerne in den Frankfurter Cafés. Und er glaubt, dass es anderen Leuten genauso geht. Seine Literaturzeitschrift „Schritte“ soll ein geistiger Beitrag zu dieser Café-Kultur sein. Der bewährte Zeitungshalter zum bequemeren Lesen gehört dazu. Bild: Holger Menzel

„Schritte“ gab es schon einmal. 1993 ging aus der Zeitschriften-Initiative der Frankfurter Axel-Dielmann-Verlag hervor. Seit sechs Jahren denkt der Verleger darüber nach, dieses Projekt wiederzubeleben. Jetzt ist es wirklich geworden – auch dank eines Crowdfunding-Zuschusses durch die „Kulturmut“-Initiative der Aventis-Stiftung. In Cafés von Berlin bis Bayreuth, von Bielefeld bis Basel und natürlich auch in Frankfurt, Mainz, Wiesbaden und Darmstadt finden Kaffeehausbesucher ihre Zeitschrift: Allein in Frankfurt werden 46 Cafés damit bestückt. Dierk Wolters hat sich mit Axel Dielmann über Literatur und Leselust in schönen Cafés unterhalten.

Herr Dielmann, Glückwunsch zur gelungenen „Kulturmut“-Bewerbung. Wie geht es weiter mit Ihrer Caféhaus-Zeitschrift?

AXEL DIELMANN: Das erste Heft ist gedruckt, und um den 20. März herum hängen die ersten Hefte in den Cafés. In den jeweiligen Städten haben wir „Schritte“-Botschafter, die sich um die Verteilung kümmern.

Wie kam es zu der Idee?

DIELMANN: Die ursprüngliche Wurzel der Zeitschrift in den frühen 90ern war, ehrlich gesagt, Eitelkeit. Ich wollte eigene Texte unter die Leute bringen und habe sie, auf Din-A-3 fotokopiert, in 40 Frankfurter Cafés getragen.

Die Wiederauflage der „Schritte“ soll 1100 Cafés bestücken – das ist eine Menge. Warum so viele, warum jetzt?

DIELMANN: Es ist die richtige Zeit. Erstens gibt es mittlerweile wieder eine richtige Kaffeehaus-Kultur mit sehr charmanten Orten, man entdeckt und schätzt Cafés wieder als diskursiven Ort. Der zweite Grund für die Zeitschrift ist: Ich merke, dass ich mit einem relativ kleinen Verlag nicht so unterwegs sein kann wie ein Konzernverlag. Die klassischen Zugänge zum Publikum, die wir über viele Jahre hatten, bis hin zu Radiosendungen, sind sozusagen abgeschnitten. Da ist es natürlich spannend, ein eigenes Medium zu haben, das unterm Strich 250 000 Leser erreicht – eine Plattform für Autoren, die sonst systematisch durch die Gitter rauschen.

Was erwartet die Leser in Ihrer Zeitschrift?

DIELMANN: Es gibt klassische Erzählungen, Gedichte mit Reim und ohne, essayistische Texte bis hin zu Briefauszügen – letztlich die ganze Bandbreite. Dies gilt auch für den Zugänglichkeitsgrad. Mein Prinzip ist eine Art Collage: Einen vielleicht etwas sperrigeren Text stellen wir neben einen leichteren, die ergänzen sich dann. Letztlich ist es ein Angebot, das jeder wahrnehmen kann, wie es ihm gefällt.

Das literarische Angebot wird in unmittelbarer Konkurrenz zu den Tagesblättern stehen. Da fürchten Sie sich nicht?

DIELMANN: Nein, ich setze auf diese derzeit wiedererstehende Café-Kultur. Es gibt etliche Leute, die ihre Pause im Café nutzen, um sich umzuschauen und sich tragen zu lassen. Da ist solch eine Zeitschrift ein prima Anker. Bundesweit gibt es zwischen zweieinhalb- und viereinhalbtausend Cafés, da sind wir schon ganz gut dabei.

Wie oft sollen die „Schritte“ erscheinen?

DIELMANN: Alle zehn Wochen. Danach sind die Hefte dann meist schon recht zerlesen, und es ist Zeit für ein neues.

Sie haben angedeutet, dass Sie es zunehmend schwer haben, im literarischen Betrieb wahrgenommen zu werden – weil die Konzentration auf einige wenige Bestseller alles andere verdrängt?

DIELMANN: Ein Beispiel – ich habe sieben Bücher mit dem Frankfurter Autor Martin Bullinger gemacht, ein wirklich großer Erzähler. Wenn ich bei mir zu Hause Gäste habe und lese ihnen etwas daraus vor, lachen sie sich kaputt vor Vergnügen. Aber wenn er auftrat und die Leute sahen, dass er alles in Kleinschrift schreibt – dann war er allein deswegen schon unten durch. Das zeigt, dass es kaum begründbare Barrieren gibt, die man nicht unterlaufen kann. Und das setzt sich fort: Literaturveranstalter müssen ihren Geldgebern Quote nachweisen – und setzen deshalb auf Seller. Ein Literaturkritiker hat mir mal gestanden: Er hat 30 Verlagsprogramme auf dem Radar, alles andere fällt weg. Psychologisch kann ich das nachvollziehen, aber es ist natürlich elend für das, was es an Vielfalt und tollen Stimmen gibt. Die „Schritte“ haben da einen anderen Zuschnitt, weil ich damit auf Publikumsdirektheit setzen kann.

Woran liegt es, dass sich alles immer mehr auf Spitzentitel hin orientiert? Der Markt?

DIELMANN: Verlage müssen sich konzentrieren, und auch die Literaturpreise funktionieren gewissermaßen nach diesem Prinzip. Das sind ganz wuchtige, selbstverstärkende Strukturen, die aber letztlich das Angebot in der Breite schwächen.

Was ist mit den Lesern? Haben die sich verändert?

DIELMANN: Ich glaube nicht, dass die Leute ungebildeter oder weniger wach sind. Wenn man jemandem etwas Interessantes hinhält, sind die Leute neugierig. Aber der Betrieb schränkt sich selbst ein. Von einem Kritiker habe ich mal den Satz gehört: „Ich würd’s gern besprechen, aber da kommen zu viele Figuren vor. Und wir haben neulich beschlossen, das können wir unseren Lesern nicht zumuten.“ Und wenn man über eine Besprechung die gutgemeinte Überschrift schreibt: „Dies ist ein schwieriger Roman“ – dann hat man schon 90 Prozent der potenziellen Leser verloren.

Sie werden in den „Schritten“ aber schon eher auf die literarischen Ränder setzen? Oder wird man dort auch Auszüge aus aktuellen Bestsellern lesen?

DIELMANN: Es gibt Autoren, die ich großartig finde und von denen ich länger nichts gehört habe, von denen hätte ich gerne etwas im Heft. Das sind Autoren, die sind arriviert im guten Sinne, aber interessante Autoren. Mit Felicitas Hoppe zum Beispiel bin ich im Austausch. Und auch mit Rabih Mroué, ein ausgezeichneter bildender Künstler libanesischer Herkunft, dessen Texte eine hohe literarische Qualität haben.

Die Cafés und Ihre „Botschafter“ in den Städten bieten Ihnen nicht nur die Chance auf neue Leser, so schaffen Sie gleich auch eine neue Vertriebsstruktur mit.

DIELMANN: Mein Wunsch wäre, dass wir einen richtigen literarischen Diskurs hätten. Ich empfinde es durchaus als Manko, dass wir in Frankfurt nicht einen Ort haben, wo man hingehen kann und weiß: Hier wird über Literatur gesprochen. Das macht erst das Salz in der Suppe – und auf lange Sicht den Betrieb auch virulent.

Nun ist ja Frankfurt eine Stadt, in der es viele Lesungen gibt. Liegt das möglicherweise an der Literatur an sich? Ist Literatur nicht mehr so wirksam?

DIELMANN: Ich fände es gut, wenn es uns Büchermenschen öfter gelänge, über die Grenzen des Betriebs hinausdenken. Je mehr es uns gelingt, auch an den Rändern Wellenbewegungen zu erzeugen, desto mehr verblüffende, ungewohnte Fragen werden auch reinkommen, und die können wir dann auch wieder nach draußen transportieren. Ich habe eine Buchreihe namens „Etikett“, in der wir mit Unternehmen kooperiert haben. Da hatten wir Leserschaften, an die ich sonst nie herangekommen wäre. Das ist ein Beispiel für eine grenzüberschreitende Brücke.

Also ist es eher die Frage „Wie erreicht man die Leute“ als „Gibt es diese Leser überhaupt noch?“

DIELMANN: Auf jeden Fall. Und ich hoffe sehr, die „Schritte“ werden eine Brücke in diesem Sinne sein.

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