09.11.2017 03:30 | Dierk Wolters

Romantik-Museum: Rauchwolken am Horizont

Das Freie Deutsche Hochstift hat zwei Kostbarkeiten ersteigert, die sich prächtig ins Archiv und in die Schau-Sammlung des geplanten Museums einfügen.

Winzig, doch mit allergrößter Sorgfalt gemalt: Johan Christian Clausen Dahls Ölskizze „Der Vesuv“ von 1847. Abbildung: Hochstift
Winzig, doch mit allergrößter Sorgfalt gemalt: Johan Christian Clausen Dahls Ölskizze „Der Vesuv“ von 1847. Abbildung: Hochstift

Er kam aus Norwegen, war Professor an der Dresdner Kunstakademie und reiste zig mal zwischen dem hohen Norden und Italien hin und her: Johan Christian Clausen Dahl war ein großer Reisender – und ein großer Maler. Das zeigt sich nicht nur in Riesenformaten wie seinem spektakulären Bild eines Vesuvausbruchs aus nächster Kraterrandnähe, wie es im Städel hängt, sondern auch und gerade in seinen kleinsten Miniaturen.

Hinreißende Details

Eine „Ölskizze“ nennt sich das gerade einmal sieben mal elf Zentimeter messende Werk, das das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt jetzt für seine Sammlung – und damit für die Bestände des künftigen Romantik-Museums hat ersteigern können. Doch diese Skizze ist in Wahrheit ein bis ins Kleinste ausgetüfteltes Gemälde, mit dem einen kleinen Nachteil, dass die Augen allein kaum hinreichen, jedem der hinreißenden Details auf die Spur zu kommen. Mit einer Lupe allerdings lassen sie sich alle bewundern: von der roten phrygischen Mütze der Fischer im Vordergrund bis zur Takelage der Segelschiffe vor der Kulisse des rauchenden Vesuv.

Das ist das Motiv, das Dahl seiner Freundin und Gönnerin Wilhelmine von der Decken als Weihnachtsgabe schenkte und das auf verschlungenen Wegen und über verschiedene Vorbesitzer jetzt seine Heimat in der Sammlung des Romantik-Museums finden wird. Ein wunderbares „Missing Link“ zwischen einer Vesuv-Skizze Carl von Blechens und den bis ins Feinste ausgestalteten Gemälden Caspar David Friedrichs, sagt Sammlungsleiterin Mareike Hennig. Friedrich übrigens war ein enger Freund Dahls, zeitweise lebten sie in Dresden in einer Art Männer-WG zusammen. Überliefert ist auch, wie sehr Dahl die umfassende Bildung seines Malerkollegen bewunderte.

Eine weitere Neuerwerbung fügt dem umfangreichen Novalis-Bestand des Hochstifts eine neue Facette hinzu: Dabei handelt es sich um einen Brief in Gedichtform, den der gerade einmal 17-jährige Dichter an Gottfried August Bürger schrieb, als der nahe seiner elterlichen Heimat unterwegs war, um dort seinen unehelichen Sohn zu besuchen. Der sich später Novalis Nennende, damals noch bürgerlich Friedrich von Hardenberg, umwarb den ein Vierteljahrhundert älteren Dichter und brachte sich zugleich selber als Jungtalent ins Spiel. 300 Gedichte hatte er da bislang geschrieben, in denen er sich in den Stilen früherer Epochen versuchte: Übungen im Ton, die den späteren originären Meister noch nicht erahnen lassen.

Schwärmerische Verse

Der klassische Faltbrief, inhaltlich ein bisschen verschmockt, zeigt eindrücklich, wie sehr sich das junge Genie um Anschluss an etablierte Dichterkreise bemühte und wie wichtig es ihm war, Teil eines poetischen Netzwerks zu werden und so wirken zu können. Kurze Zeit später übrigens schloss Novalis sich Friedrich Schiller an, der wiederum, so Konrad Heumann, Leiter der Handschriften-Abteilung im Freien Deutschen Hochstift, eine der bösartigsten Bürger-Rezensionen schrieb, die es je gegeben hatte, „eine veritable Hinrichtung“.

Zeitlich liegen die beiden Erwerbungen, das Gedicht aus dem Revolutionsjahr 1789, das sich mit höchst individuellen Befindlichkeiten denkbar fern von den umstürzlerischen Ereignissen in Paris bewegt, und die Ölskizze von Johan Christian Clausen Dahl von 1847, innerhalb der romantischen Epoche denkbar weit auseinander – und umfassen damit zugleich die gesamte zeitliche Bandbreite dessen, was von 2019 an im künftigen Romantik-Museum zu sehen sein wird.

Thematisch werden in beiden Objekten unterschiedliche Stränge sichtbar: hier der junge Adelige, der sich schwärmerischen Versen dem (Noch-)Idol Bürger zu Füßen wirft, dort der norwegische Maler aus Handwerkskreisen. Hier der junge Dichter, der in seinem kurzem Leben kaum je seine Heimat Oberwiederstedt verlassen wird, dort der Maler aus dem hohen Norden, der ganz Europa für sich erobern wird.

Insgesamt sieben Stiftungen haben sich am Erwerb der Preziosen beteiligt.

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