14.11.2017 03:30 | Dierk Wolters

Kunst-Experiment: Schirn-Rotunde: Philipp Fürhofer schafft einen Raum, den es vorher noch nicht gab

Frankfurt In der Schirn-Rotunde veranstaltet der Künstler und Bühnenbildner Philipp Fürhofer ein frappierendes Experiment, das tief, aber auch sehr hoch blicken lässt.

Philipp Fürhofers aufsehenerregende Schirn-Rotunde.
Philipp Fürhofers aufsehenerregende Schirn-Rotunde. Bild: NORBERT-MIGULETZ

Wer vom Frankfurter Römer an der Schirn entlang Richtung Dom flaniert, passiert unweigerlich die Rotunde. Man meint den Eingangsbereich der Kunsthalle, der immer wieder mal selber für künstlerische Experimente herhalten muss, gut zu kennen – doch in diesen Tagen ist alles anders. Im Innern fragt die Diorama-Schau, wie sich Wirklichkeit im Schaukasten täuschend echt darstellen lässt und mit welchen illusionistischen Tricks man arbeiten muss, um den Effekt von Wahrheit und Authentizität zu erreichen. Und außen, in der Rotunde, setzt Philipp Fürhofer genau dies um. Er schafft einen Raum, den es vorher noch nicht gab, oder vielmehr: die Illusion eines Raumes. Und inmitten dieses Dioramas steht der Mensch, stehen wir, die Betrachter, und reiben uns die Augen und fragen verwundert: Was von der Wirklichkeit, die wir sehen, ist wirklich wirklich?

Illusionsprojekt

Philipp Fürhofer ist Künstler und Bühnenbildner. Er lebt in Berlin, hat für Opernhäuser auf der ganzen Welt gearbeitet. Die Musik hat den 1982 in Augsburg Geborenen zutiefst geprägt, um ein Haar wäre er Pianist geworden, hat sich dann aber letztlich für ein Studium der Malerei entschieden. In der Hauptstadt vertritt ihn die Galerie Judin, und hier hat Direktor Philipp Demandt Bekanntschaft mit seinem Werk geschlossen. Kurzfristig sprang Fürhofer ein, als das Projekt eines anderen Künstlers in letzter Minute scheiterte – „[Dis]Connect“, so der Name des Illusionsprojekts der Philipp-Connection, ist insofern ein glücklicher Zufall.

In der Rotunde setzt Fürhofer seine Erfahrungen mit Spiegeln ein, um aus dem Schirn-Vorplatz einen unendlich hohen und tiefen Raum zu machen. Wer das Rund durchquert, erblickt sich selber unter einem Spiegel und also wie von oben. Doch ehe man sich versieht, ändert sich die Perspektive – eine geschickte Lichtregie macht das möglich. Die vermeintlich feste Spiegeldecke wird durchlässig und öffnet nach oben hin einen unendlichen Kreisraum (ein Spiegel spiegelt einen Spiegel, der einen Spiegel spiegelt, undsoweiter). In Intervallen von 13 Sekunden ändert sich dadurch die Umgebung total.

13 Sekunden, das ist ungefähr die Zeit, die man braucht, um die Rotunde zu durchqueren. Wer am Rand steht und zuschaut, merkt rasch: Die Effekte sind erstaunlich. Passanten bleiben stehen, zücken ihre Handys, um zu fotografieren, staunen.

Genau umgekehrt

Das geht übrigens am besten, wenn man sich in die Schirn und dort in die erste Etage begibt. In Gruppen schwellen laute Diskussionen an. Einzelne werden ganz still, denn es weckt durchaus erhabene Gefühle, sich selbst unvermittelt in einem Turm von scheinbar unendlicher Höhe wiederzufinden. Manche werden nachdenklich, und ein kleiner Junge kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.

Wenn ich etwas sehe, was ist da Realität, was Illusion? Fürhofers Installation macht Spaß, regt aber auch zum Nachdenken über solche Fragen an, genau wie die Diorama-Schau im Innern des Hauses. Von Licht, sagt Fürhofer selber, nimmt man normalerweise an, dass es dem Erkennen förderlich ist. In seiner Installation ist es genau umgekehrt: Wenn die Scheinwerfer unter dem Spiegel erstrahlen, schließt sich die Illusionswelt, sieht sich der Betrachter im Spiegel. Durchaus ein Spiel mit narzisstischen Motiven. Die Realität ist etwas Kompliziertes, und die Zeiten, in denen wir uns arglos und im unumstößlichen Glauben in ihr bewegen konnten, dass alle anderen um uns herum dasselbe wahrnähmen wie wir, sind vorbei. „Wer etwas sieht, sieht andere Dinge nicht“, sagt Fürhofer. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

 

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Welche Farbe hat eine reife Banane?: 

Weitere Artikel aus Kultur

Weitere Artikel aus Kultur

Totenköpfe leben länger: Alice Cooper zelebriert  alles, was laut und wahnsinnig ist, und so konnte auch die Jahrhunderthalle wieder was erleben.
Alice Cooper in der Jahrhunderthalle

Er kann’s nicht lassen, aber er kann’s

Rubrikenübersicht