Heimlich verliebt in Roxy

Schülerromanze "Das schönste Mädchen der Welt" kommt in die Kinos

Von Martin Schwickert
Roxy (Luna Wedler) freut sich über die Liebeslyrik, die der schöne Nick ihr zu seiner Gitarre vorsingt. Das „schönste Mädchen der Welt“ ahnt nicht, dass die warmen Worte in Wahrheit vom schüchternen Cyril mit der großen Nase stammen.
Nadja Klier (TOBIS Film GmbH)/FNP

Cyril (Aaron Hilmer) ist Kummer gewohnt. Seit den ersten Schultagen wird er wegen seiner riesigen Nase geärgert. In der sechsten Klasse haben sie ihn sogar mit Abführmitteln vollgestopft und in den Spint gesperrt. Das Leben auf dem Schulhof ist für ihn immer noch ein fortwährendes Spießrutenlaufen. Aber auch wenn Mobbing längst zum Bestandteil des Alltags geworden ist, hat Cyril sein Selbstwertgefühl nicht verloren. Er weiß, dass er mehr auf dem Kasten hat als viele andere, und er hat ein Ventil gefunden, durch das er seine Wut und seine Sehnsüchte hinaus lassen kann. Mit einer Maske über dem Gesicht tritt er nachts in Musik-Clubs auf und liefert sich in Hip-Hop-Battles erbitterte Reimgefechte. Er ist schnell, er ist schlagfertig, und seine Worte fliegen direkt aus seinem schmerzerfüllten Herzen ins Freie.

Mann mit der Maske

Der geheimnisvolle Maskenmann wird in der Szene gefeiert und am Morgen danach wieder von seinen Mitschülern verachtet. Und jetzt geht es auch noch auf Klassenfahrt. Nach Berlin. Krankstellen hilft nicht. Die ebenfalls recht großnäsige Mutter (Anke Engelke) ist unerbittlich. Aber dann, kurz bevor der Bus seine Türen schließt, fährt Roxy (Luna Wedler) vor. Die neue Mitschülerin, die gerade von einem englischen Internat geflogen ist, setzt sich neben Cyril und hat genauso wenig Lust auf Klassenfahrt. Die beiden verstehen sich prächtig. Aber trotz tosendem Herzen rechnet sich Cyril keine Chancen bei diesem Mädchen aus, das bald schon von allen umschwärmt wird. Oberaufreißer Benno (Jonas Ems) hat schon eine Wette abgeschlossen, dass er die Neue samt Beweisvideo ins Bett kriegt.

Schön, aber stumm

Roxy hingegen interessiert sich eher für den superhübschen, aber auch superhohlen Rick (Damian Hardung), der sich malerisch mit Gitarre auf dem Mäuerchen niederlässt, jedoch im direkten zwischenmenschlichen Umgang kein Wort herausbekommt. Um Bennos Pläne zu durchkreuzen hilft Cyril dem unbedarften Nick, denn die Worte, die dem Schönling fehlen, hat er im Übermaß. Herzerweichende Liebesgedichte fliegen Roxy über den WhatsApp-Account des tumben Strohmannes entgegen. Dramatische amouröse Verwicklungen nehmen Tempo auf.

Große Nase, eine unerreichbare Frau und fein geschmiedete Liebesverse – die Handlungsteile, die Aron Lehmann in „Das schönste Mädchen der Welt“ auf der Leinwand ausbreitet, kommen einem irgendwie bekannt vor. Kein Wunder, denn Lehmann hat den Literatur- und Kinoklassiker „Cyrano de Bergerac“ frech ins hippe Jugendfilmformat übersetzt. Der Erzählrahmen einer Klassenfahrt und die coolen Sprüche schließen unübersehbar am Publikumsliebling „Fack ju Göhte“ an. Aber tief drinnen schlägt das Herz eines klassischen Verwechslungsdramas. Kann das gutgehen? Eigentlich nicht, tut es aber trotzdem. Weil die Drehbuchautoren Lars Kraume („Das schweigende Klassenzimmer“) und Judy Horney sich dem jungen Zielpublikum nicht durch Pennälerhumor anbiedern. Vielmehr bringen sie ihre Geschichte genau in jenes Gleichgewicht zwischen leichter Komödie und Herzblut-Drama, das ja auch dem Wesen pubertärer Liebesfindung innewohnt. Mit dem Wechselverhältnis zwischen äußerer und innerer Schönheit wird hier zudem ein ewiges und trotzdem hochaktuelles Thema der Adoleszenz glaubwürdig und ohne fadenscheiniges Moralisieren in den Mittelpunkt gerückt.

Gegen Verblödung

Aaron Hilmer und Luna Wedler geben ein herzallerliebstes, verhindertes Liebespaar ab, gerade weil hier die klassischen Geschlechterzuschreibungen gut aufgemischt werden. Mit „Das schönste Mädchen der Welt“ zeigt Aron Lehmann („Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“), dass man eine jugendliche Zielgruppe bestens unterhalten und trotzdem ernstnehmen kann. Damit setzt der Film sich mit Selbstbewusstsein von allen Verblödungsstrategien ab, die jemals eine deutsche oder amerikanische Teeniekomödie angetrieben haben. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinestar, E-Kinos, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx. Hanau: Kinopolis. Mainz: Cinestar

Martin Schwickert