21.04.2017 03:30 |

Niederlassung für neue Ideale: Vor 180 Jahren gründeten feinsinnige Bürger den Kunstverein Darmstadt

Insgesamt vier Jubiläen kann der Darmstädter Kunstverein bereits begehen. Noch immer genießt er in der Stadt des Jugendstils und des Designs hohes Ansehen und Zuspruch.

Das Gespräch über die Kunst von heute verbindet den Kunstvereins-Direktor Léon Krempel mit den Besuchern. Bilder >
Das Gespräch über die Kunst von heute verbindet den Kunstvereins-Direktor Léon Krempel mit den Besuchern. Bild: mail@gregor-schuster.de

In Deutschland gibt es mehr als 300 Kunstvereine. Sie gelten als wichtige Vermittler von zeitgenössischer Kunst, auch wenn sie nicht über so große Budgets wie die Ausstellungshallen und Museen verfügen. Die ersten Kunstvereine wurden zwischen 1818 und 1827 in Karlsruhe, Bremen, München und Stuttgart gegründet; erst 1829 folgte Frankfurt. Damals wollte man vor allem den Kunstsinn beim Publikum wecken, aber auch den Künstlern eine Chance bieten, ihre Arbeiten zu verkaufen. Und man engagierte sich für Kunst im öffentlichen Raum, sammelte etwa Geld für die Denkmäler von Dichtern und anderen Heroen.

Adliger Schenkungswille

Doch die Aufgaben haben sich über die zwei Jahrhunderte hinweg gewandelt. Ohnehin ist Kunstverein nicht gleich Kunstverein. Zu verschieden sind die Programme, Finanzen, Mitgliedszahlen, Räume und die Personalausstattung. Das liegt nicht nur am städtischen oder ländlichen Umfeld, sondern auch am jeweiligen Leiter und seinen Interessen. Aber beim Darmstädter Kunstverein ist es noch komplizierter. Er ist, streng genommen, kein Kunstverein. Offiziell nennt er sich Kunsthalle Darmstadt, aber de facto ist es eine verzwickte Verknüpfung von Kunstverein, Kunsthalle und Stadt. Der historische Träger der Kunsthalle ist der 1837 gegründete Kunstverein, maßgeblich betrieben vom Künstler Jacob Felsing.

Der meinte nach der Rückkehr aus Italien, seine Heimat sei ein „liebes Nest“, aber eine „unkünstlerische Stadt“. Und das, obwohl der Großherzog bereits 1820 seine Kunstsammlung der Allgemeinheit zugänglich gemacht hatte. Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts blühte die Vereinsmeierei. Kunstvereine waren damals so etwas wie Bürgerinitiativen, die Kunst für alle verbreiten wollten. Diesem Bildungsprogramm für das junge Bürgertum stand auf der anderen Seite der freie Künstler entgegen, der nicht mehr auf Kirche, Hof oder Adel angewiesen war, sich aber nach anderen Auftraggebern umschauen musste.

In Darmstadt wuchs der Kunstverein rasch und gründete Filialen in Mainz, Worms, Offenbach, Friedberg und Gießen. Durch den Verkauf von Kunstwerken wurde er so vermögend, dass er 1889 ein Gebäude an der Rheinstraße bezog, unter Einbeziehung des alten Rheintores. Damals war man progressiv, stellte Max Liebermann oder Franz von Stuck vor, widmete sich aber auch dem Jugendstil und bereitete damit die berühmte Schau auf der Mathildenhöhe von 1901 vor, die den hehren Titel trug „Ein Dokument deutscher Kunst“.

Am heutigen Freitag werden gleich vier Jubiläen ab 16 Uhr mit Kurzvorträgen und einem anschließenden Empfang gefeiert. Neben der Gründung vor 180 Jahren fand 1947 die erste Schau nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg statt. 1957 folgte dann die Eröffnung des heutigen Gebäudes am alten Standort, nun aber hinter dem Rheintor. Mittlerweile ist das Gebäude denkmalgeschützt – offensichtlich wurde 1987 der Erweiterungsbau geschickt eingefügt.

Ort am Stadtrand

Heute erweist sich der Ort am Stadtrand als schwierig. In den 60er und 70er Jahren aber strömte dorthin das Publikum. Denn bevor die Mathildenhöhe ab 1976 als Ausstellungshaus tauglich war, zeigte die Kunsthalle als Ausweichquartier der Stadt vor allem die italienische Moderne. So gab es über Jahre hinweg eine enge Verbindung von Kunstverein und Stadt. Inzwischen übernimmt die Stadt mit einem Jahresetat von 190 000 Euro lediglich die Kosten für Haus und Personal.

Folglich braucht es weitere Geldgeber für Ausstellungen, etwa den Kulturfonds, die Hessische Kulturstiftung, das Wissenschaftsministerium und Darmstädter Unternehmen. Die 500 Vereinsmitglieder bringen noch einmal 20 000 Euro in die Kasse. Aber dafür muss León Krempel, nun schon seit fast dreieinhalb Jahren Direktor der Kunsthalle, den Mitgliedern auch einiges bieten auf 800 Quadratmetern Fläche.

León Krempel möchte das Haus als begehrten Ausstellungsort im Rhein-Main-Gebiet etablieren, auch gerne darüber hinaus. Es soll, kurzum, „auf der Landkarte des Kunstbetriebs stehen“. Bis zu zehn Ausstellungen gibt es pro Jahr, die thematisch miteinander verbunden sind. Im vergangenen Jahr ging es um Grenzbereiche zwischen Film, Fotografie und Malerei, in diesem Jahr geht es um das Reisen und die Existenz. Doch Krempel ist seit Amtsantritt auch mit der Sanierung des Hauses beschäftigt, die im nächsten Jahr beendet werden soll, mit der Neugestaltung des Vorplatzes. Dann fällt der Zaun um das Haus, und es wird ein öffentlicher Platz zum Verweilen entstehen.

Damit dürfte die Kunsthalle einiges an Attraktivität gewinnen. Ohnehin reiht sich in Darmstadt nicht Kunstinstitut an Kunstinstitut. Es gibt nur noch die Mathildenhöhe und das Landesmuseum. Insofern ist der mittelgroße Darmstädter Kunstverein noch näher an den einstigen bürgerlichen Idealen dran als Kunstvereine in den Metropolen.

 

Kunsthalle, Steubenplatz 1, Darmstadt. Ausstellung von Hans Schabus noch bis 1. Mai, dienstags, mittwochs und freitags 11–18 Uhr, donnerstags 11–21 Uhr, samstags und sonntags 11–17 Uhr.
Eintritt 6 Euro. Telefon (06151) 89 11 84.
Internet www.kunsthalle-darmstadt.de

 

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