09.11.2017 03:00 |

Unfälle: Tödlicher Leichtsinn an Bahnübergängen

Frankfurt Die gute Nachricht: Die Zahl der Unfälle und Toten an Bahnübergängen ist so niedrig wie. Die schlechte Nachricht: Fast alle Todesfälle wären vermeidbar gewesen. Aufklärung soll hier gegensteuern.

Havarierter Lkw nach dem Zusammenstoß mit einer Regionalbahn bei Königsbronn. Bei dem Zusammenstoß kam ein Mensch ums Leben.
Havarierter Lkw nach dem Zusammenstoß mit einer Regionalbahn bei Königsbronn. Bei dem Zusammenstoß kam ein Mensch ums Leben. Bild: Jan-Philipp Strobel (dpa)

Ein junges Paar auf dem Heimweg nach einer fröhlichen Gartenparty bei Freunden. Die Sonne spielt im Haar der jungen Frau, am Bahnübergang blinkt das Warnlicht. Schnell tritt der Fahrer aufs Gaspedal, doch da ist auch schon der Zug. Es wird dunkel. „Rot heißt Stopp. Man sollte meinen, das ist eigentlich ganz einfach. In der Praxis sieht es leider oft anders aus“, sagt Roland Bosch, Vorstand Produktion der DB Netz AG, am Mittwoch in Frankfurt zu den Unfällen an Bahnübergängen.

Der Horrorcrash des jungen Paares ist nur eine Filmszene, Teil der Präventionskampagne „Sicher drüber“ der Bahn und ihrer Partner bei Polizei, ADAC und dem Verband der Verkehrsunternehmen (VDV). Doch obwohl es noch nie so wenig Unfälle an Bahnübergängen gab, starben im vergangenen Jahr 29 Menschen, 157 erlitten bei insgesamt 140 Unfällen teils schwere Verletzungen.

Jeder Tote einer zu viel

„Jeder Tote ist einer zu viel“, betont Bosch. Besonders bitter dabei: Technisches Versagen der Warnmelder oder der Bahnschranken führte nur in den seltensten Fällen zum Unfall. „Mehr als 90 Prozent der Kollisionen hätten durch richtiges Verhalten vermieden werden können“, erklärt Bosch.

Unsicherheitsfaktor Mensch: Mal sind es Leichtsinn und Risikobereitschaft nach dem Motto „Das schaffe ich noch rechtzeitig“. Aber auch Unwissenheit spielt eine Rolle. Eine infas-Studie im Auftrag der Bahn unter 2500 Befragten kam zu dem Ergebnis, dass fast ein Viertel der Befragten der Meinung war, ein blinkendes Licht am Bahnübergang entspreche dem Gelb der Ampel – Anhalten sei demnach noch nicht erforderlich.

Technische Verbesserung

Die Präventionskampagne soll alle erreichen – von Kindern bis Senioren. „Sicher drüber“ existiert bereits seit 15 Jahren und hat nach Einschätzung der Bahn zur Verringerung der Unfallzahlen beigetragen. Doch nun sollen mit einer Neuauflage der Kampagne ganz besonders auch junge Menschen und Fahranfänger erreicht werden – eine Generation von Fahrern, die laut Unfallstatistiken besondern durch Risikobereitschaft auffällt.

Daneben wird auf technische Verbesserungen gesetzt. „Ich bin etwas im Zweifel, ob man dem österreichischen Beispiel von Blitzern an Bahnübergängen folgen sollte“, sagt VDV-Vizepräsident Veit Salzmann. Doch Investitionen über die technische Aufrüstung der 16 871 Bahnübergänge in Deutschland könnten Leben retten.

In Frankfurt arbeitet ein sechsköpfiges Team der Bahn bereits an solchen Lösungen, etwa an benutzergesteuerten Bahnübergängen. Dort wäre die Schranke dauerhaft geschlossen. Wer sie passieren will, muss einen Knopf drücken – kommt kein Zug, öffnet sich die Schranke automatisch.

Mehr Sensibilisierung von Autofahrern erhoffen sich die Bahnspezialisten auch von der Anzeige von Bahnübergängen und entsprechenden Warnhinweisen in Navigationsgeräten.

Wichtig ist die Vermeidung von Unfällen an Bahnübergängen nicht zuletzt auch wegen der besonders großen Folgeauswirkungen, betont Michael Schuol, Ständiger Vertreter der Bundespolizei Koblenz. Im Fall eines Unfalls mit einem schwerverletzten Autofahrer im Bereich Frankfurt etwa musste die Strecke fünf Stunden lang gesperrt werden. Der Lokführer konnte wegen eines Schocks die Fahrt nicht fortsetzen, die Reisenden den Zug erst nach 90 Minuten verlassen. Rechtlich könne der Autofahrer in so einem Fall wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr zur Verantwortung gezogen werden: „Das sind keine Lappalien.“

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