Gesundheit

Gewerkschaften fordern Tarifvertrag in der Pflege

Von BASIL WEGENER UND SASCHA MEYER
Symbolbild
Oliver Berg/Symbolbild/FNP

Hunderttausende Pflegekräfte in Deutschland fühlen sich durch Überlastung, Dauerstress und geringe Bezahlung ausgezehrt. Eine Erhebung von Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) und Verdi zeigt ein Bild von Überarbeitung als Dauerzustand. Trotz zahlreicher Ankündigungen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), den Pflege-Alltag zu verbessern, fordern die Gewerkschaften stärkere Anstrengungen. Helfen soll ein neuer Tarifvertrag.

 

 

 

 

Drei von vier Pflegerinnen und Pfleger klagen laut der Studie über ständigen Zeitdruck. In der Krankenpflege sagen 80 Prozent, sie müssten ihre Arbeit sehr häufig oder oft in Hetze erledigen, in der Altenpflege 69 Prozent. Im Schnitt aller Branchen fühlen sich Beschäftigte demnach lediglich zu 55 Prozent gehetzt. Ein angemessenes Einkommen vermissen dabei 73 Prozent der Pflegekräfte.

46 Prozent der Beschäftigten in Pflegeberufen sagen, sie müssten oft Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen, um ihr Pensum zu schaffen – 49 Prozent in der Kranken-, 42 Prozent in der Altenpflege. DGB-Vorstand Annelie Buntenbach meint: „Die Personaldecke in der Alten- und Krankenpflege ist viel zu knapp, die Entlohnung bescheiden und die Arbeitsbedingungen sind belastend.“

Dass sie in den letzten zwölf Monaten mehr Arbeit in der gleichen Zeit schaffen mussten, finden 59 Prozent in der Kranken- und 46 Prozent in der Altenpflege. Dabei handelt es sich oft um körperliche Schwer- sowie um Schicht- und Nachtarbeit: 73 Prozent müssen oft schwer tragen, heben oder stemmen. Zwei von drei Pflegenden sind oft im Schicht-, und jeder Dritte ist oft im Nachtdienst. Ausgepowert und zermürbt, meinen 71 Prozent der Alten- und Krankenpfleger, dass sie ihren Beruf nicht bis zum Rentenalter ausführen können.

Mindestgrenzen für Heime

DGB-Funktionärin Buntenbach fordert: „Bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen – das sind die zentralen Hebel, an denen die Bundesregierung in einer konzertierten Aktion Pflege ansetzen muss.“ Zum Auftakt einer solchen „konzertierten Aktion“ versprach Minister Spahn im Juli Verbesserungen. Im August brachte er Untergrenzen für das Pflegepersonal in Kliniken auf den Weg.

Verdi kritisiert die geplanten Mindestgrenzen. So solle eine Pflegekraft nachts für 24 Patienten auf einer geriatrischen Station ausreichen, bemängelt Sylvia Bühler, Mitglied im Verdi-Vorstand. „Untergrenzen auf solch niedrigem Niveau werden so staatlich legitimiert.“ Das sei fahrlässig. Der Bundespflegebevollmächtigte Andreas Westerfellhaus forderte im „Tagesspiegel“ Personaluntergrenzen auch für Pflegeheime. Ende September will eine Verdi-Tarifkommission zur Altenpflege laut Bühler nun die Forderungen für einen neuen Tarifvertrag beschließen.

BASIL WEGENER UND SASCHA MEYER