14.11.2017 03:30 |

Klimawandel: Interview mit Biologin Claudia Kammann: „Ist der Riesling in Gefahr?“

Der Riesling ist eines der Markenzeichen des Rhein-Main-Gebiets. Was aber, wenn es bei uns immer wärmer wird – müssen sich Weißweinfreunde Sorgen um den edlen Tropfen machen? Klaus Späne sprach mit der Biologin Claudia Kammann. Die Professorin an der Hochschule Geisenheim erforscht die Zukunft des Rebsafts in einer Langzeituntersuchung.

Die Professorin der Hochschule Geisenheim Claudia Kammann in einem Versuchs-Weinberg neben einem Co2-Ausstoß-Gerät.
Die Professorin der Hochschule Geisenheim Claudia Kammann in einem Versuchs-Weinberg neben einem Co2-Ausstoß-Gerät. Bild: Fredrik Von Erichsen (dpa)

Frau Kammann, Sie untersuchen in einem großen Freilandversuch die möglichen Folgen des Klimawandels an Reben. Was nehmen Sie genau unter die Lupe?

CLAUDIA KAMMANN: Wir wollen wissen, wie der Wein in 35 Jahren schmeckt. Dazu untersuchen wir auf sechs Ringflächen mit jeweils zwölf Metern Durchmesser zwei Rebsorten: Riesling, die für den Rheingau und Deutschland insgesamt bedeutendste Weißweinsorte, und Cabernet Sauvignon, die weltweit zweit- bis dritthäufigste Rotweinsorte. Insgesamt sind es über 70 Rebstöcke pro Ring, die Hälfte ist Rotwein, die Hälfte Weißwein. Dabei werden drei kreisförmige Flächen unter erhöhtes Kohlendioxid (CO2) gesetzt. Das heißt das Treibhausgas CO2 wird künstlich zugeführt. Dies soll den durch den Klimawandel bedingten steigenden CO2-Anteil simulieren. Außerdem haben wir drei genau gleich gestaltete Kontrollflächen, die aber kein CO2 freisetzen.

Und welche Erkenntnisse haben Sie bisher gewonnen?

KAMMANN: Die Reben unter erhöhtem Kohlendioxid haben eine deutlich höhere Nettoasimilationsrate. Das heißt, sie fixieren durch die Photosynthese mehr CO2 und bilden auch mehr Biomasse, also mehr Blätter und Triebbiomasse. Sowohl der Riesling als auch der Cabernet Sauvignon zeigten bisher für die Jahre 2014, 2015 und 2016 auch einen erhöhten Ertrag.

Was bedeutet das genau?

KAMMANN: Während die Anzahl der Trauben pro Stock nicht stieg, hat sich aber die Struktur der Traube an sich geändert. Das heißt die Einzelbeeren sind größer geworden, und auch die Traube ist dadurch insgesamt größer geworden. Länge und Breite des Stilgerüsts waren gesteigert, ebenso das Traubengewicht und die Beerenanzahl. Zudem nahm der Anteil größerer Beeren zu.

Hat sich auch die Qualität der Beeren verändert?

KAMMANN: Bei den Inhaltsstoffanalysen waren keine gravierenden Veränderungen festzustellen. Wir hatten ja einige Veränderungen erwartet, die aber so bisher nicht eingetreten sind. Um aber die Einflüsse auf die Weinqualität abzuschätzen, muss das Experiment noch einige Jahre laufen. Bisher gab es keine Unterschiede. Was wir aber auch untersuchen, ist, wie gut sich die Weine lagern lassen. Hier deuten sich erste Veränderungen an, aber wir haben jetzt erst den zweiten Jahrgang, der wirklich komplett unter erhöhtem CO2 entstanden ist und der zu lagern beginnt. Von daher mag ich mich jetzt noch mit keinen Aussagen aus dem Fenster lehnen. Aber das prüfen wir in den nächsten Jahren.

Und wirkt sich das Ganze nun auf den Geschmack aus – schmeckt der Riesling in 35 Jahren anders?

KAMMANN: Das ist die große Frage. Wir haben pro Ringfläche in jedem Jahrgang auch einen roten und einen weißen Wein ausgebaut. Das sind ungefähr zehn Liter. Es gibt auch Blindverkostungstests, ob tatsächlich geschmackliche Unterschiede auftreten.

Was ist dabei herausgekommen?

KAMMANN: Geschmacklich hat sich durch erhöhtes CO2 bisher nichts Wesentliches geändert. Durch den Klimawandel in der Region Rheingau über die letzten Jahrzehnte aber sehr wohl: Wir haben mittlerweile immer höhere Alkoholgehalte, bei einer gleichzeitigen Abnahme des Säuregehalts. Viele der schönen Aromen, die wir so schätzen am Riesling, entwickeln sich, wenn es in der Nacht kühl ist.

Was aber ein Problem sein dürfte, wenn die Weinlese früher stattfindet als bisher...

KAMMANN: Da mittlerweile oft Mitte September gelesen wird statt wie früher Anfang bis Mitte Oktober, und wir im September wesentlich wärmere Nächte haben, gibt es zwei Probleme: Einmal ist die Aromatik eine andere. Das andere ist, dass wir häufig sehr schnell lesen müssen. Denn wenn der Botrytispilz oder andere Rebkrankheiten bei so hohen Temperaturen auftreten verläuft die Ausbreitung viel schneller. Wenn früher Anfang bis Mitte Oktober bei vier Grad gelesen wurde, waren die Probleme viel geringer: Es war einfach kühl.

Wie haben sich generell die Bedingungen für Riesling in der Region durch den Klimawandel verändert?

KAMMANN: Die Bedingungen für den Weinbau haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Austrieb, Blüte und Lese finden im Rheingau mittlerweile viel früher statt. Das Weinbauamt Eltville beispielsweise unterhält eine schöne phänologische Beobachtungsreihe, die seit 1955 läuft. Dabei wird immer das gleiche Rieslingfeld (auf jahreszeitlich-klimatologische Einflüsse, die Red.) untersucht. In den Daten ist deutlich sichtbar, dass sich der Austrieb deutlich verfrüht hat, im Schnitt um zehn Tage, er kann aber auch zwei bis drei Wochen früher stattfinden. Zusätzlich zum Austrieb beschleunigt sich die ganze Entwicklung übers Jahr gesehen durch den Temperaturanstieg, so dass wir im Mittel um 25 Tage früher lesen als das noch vor über 60 Jahren der Fall war.

Das heißt, die Bedingungen für den Riesling-Anbau in unserer Region sind nicht mehr optimal?

KAMMANN: Ganz so kann man das nicht sagen, es hängt vom Witterungsverlauf ab. Manches verbessert sich, zugleich aber bringt der Klimawandel neue Herausforderungen: Durch Extremwetterereignisse oder schwierige Witterungsverläufe, gepaart mit der Erwärmung und der beschleunigten und verfrühten Entwicklung. Denken Sie an 2016, mit den viel zu hohen Niederschlägen im Mai und Juni, die die Reben-Peronospora (der falsche Mehltau, die Red.) begünstigt haben und intensiven Pflanzenschutz erfordert haben. Oder das viel zu trockene erste Halbjahr 2015, gefolgt von hohen Niederschlägen im Spätsommer.

Müssen die Winzer dieser Entwicklung denn machtlos zusehen?

KAMMANN: Generell haben die Winzer schon viele Möglichkeiten des Handelns, um sich diesen Herausforderungen zu stellen. Aber sie müssen sehr wachsam sein, schnell reagieren, und alle Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt konsequent durchführen. Und das können die Winzer nur, wenn sie wissen, was auf sie zukommt; und wenn Beratungstools bereitstehen, die sie unterstützen. Auch die Erkenntnisse aus unserem Experiment sollen hier einfließen, zum Beispiel in das Vorhersagemodell für die Reben-Peronospora. Diese Prognose ist Bestandteil des „Wetterfax“, das heute schon wöchentlich über die zu erwartenden Pilzinfektionen im Zuge des vorhergesagten Witterungsverlaufs und vor allem die notwendigen Pflanzenschutzmaßnahmen informiert. Mit dem Klimawandel kommen viele Veränderungen auf die Winzer zu.

Bedeutet dies unterm Strich, dass Rebsorten, die wärmere Temperaturen vertragen wie Cabernet Sauvignon oder Merlot, sich in unseren Breitengraden heute schon ziemlich wohlfühlen?

KAMMANN: Ja, das tun sie bereits, vor allem der Merlot. Allerdings ist die Tradition, das Markenzeichen unserer Region der Riesling und nicht der Merlot oder der Cabernet Sauvignon. Zwar werden heute deutlich mehr Rotweine angebaut als vor 30, 40 Jahren und bereichern das Produktspektrum, was die Kunden auch zu schätzen wissen. Bekannt aber ist der Rheingau für den Riesling.

dfg f dgh tg

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Aus wie vielen Bundesländern besteht Deutschland?: 

Weitere Artikel aus Politik

Weitere Artikel aus Politik

Rubrikenübersicht