18.10.2017 03:00 |

Projekt Junge Zeitung: Renate Künast sagt im Interview, was jeder Einzelne gegen Hass tun kann

Hasskommentare sollen den Diskurs im Internet gezielt verändern. Das ist die Überzeugung der Grünen-Politikerin Renate Künast. Über ihre Erfahrungen, die sie auch in ihrem neuen Buch „Hass ist keine Meinung“ schildert, sprach sie mit Jana Anhamm, Julia Mutter und Mareike Uhlmann vom „Projekt Junge Zeitung“. Das Projekt steht diesmal unter dem Thema „Werte“. Daher wollten die Studentinnen von der Politikerin auch wissen, wie die Demokratie gestärkt werden und was jeder Einzelne tun kann.

Trotz des ernsten Themas waren die Studentinnen (von links) Mareike Uhlmann, Jana Anhamm und Julia Mutter beim Interview mit Renate Künast gut gelaunt. Bilder >
Trotz des ernsten Themas waren die Studentinnen (von links) Mareike Uhlmann, Jana Anhamm und Julia Mutter beim Interview mit Renate Künast gut gelaunt. Bild: Holger Menzel

Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass sich moralische Standards unserer Gesellschaft durch das Internet veränderten. Welche Werte leiden besonders?

RENATE KÜNAST: Respekt und Anstand. Es hat vorher schon rechtsextreme und rassistische Einstellungen gegeben. Aber diese wurden früher nur am Stammtisch geäußert, bekommen jetzt aber ein viel breiteres Publikum. Man verstärkt sich gegenseitig. Deswegen haben sie eine deutlich größere Wirkung und verändern die Art, wie wir miteinander umgehen.

Seit wann haben die digitalen Beschimpfungen Ihrer Meinung nach ein solches Ausmaß angenommen?

KÜNAST: Für mich geht es zeitlich mit der Pegida-Gründung vor zweieinhalb Jahren einher, auch wenn die Bewegung in anderen Städten anders heißt. Das Netz wurde seitdem gezielt eingesetzt, auch um zu provozieren.

In Ihrer Hass-Nettiquette begegnen Sie den Hasskommentaren mit Humor und Ironie. Ist das der beste Weg mit Hasskommentaren umzugehen, oder welche anderen Wege halten Sie ebenfalls für sinnvoll?

KÜNAST: Ich weiß den Weg auch noch nicht. Ich weiß nur, dass es nicht geht, auf den Hass und die Abwertung mit Worten wie „Mob“ und „Pack“ zu reagieren. Wir dürfen nicht uns nicht wie die Rechtsextremen verhalten und Menschen so nennen. Man kann nicht von anderen erwarten, dass sie sich respektvoll verhalten – und es dann selbst nicht tun.

Lernt man mit der Zeit, sich von beleidigenden Posts zu distanzieren?

KÜNAST: Man darf das nicht an sich heranlassen. Bisher habe ich das gut geschafft. Es geht denjenigen ja auch nicht um mich als Person, sondern sie wollen Emotionen schüren, indem sie Hass auf einzelne Personen setzen. Bei Frauen kommt häufig noch die Androhung sexualisierter Gewalt hinzu.

Lesen Sie die an Sie gerichteten Posts selbst?

KÜNAST: Nicht alle. Mein Büro liest sie auch, nicht nur zu seiner Freude. Neulich gab es wohl Bilder, wo mein Kopf auf Sex-Fotos montiert wurde. Die wollte ich anschauen, bevor das Büro Strafanzeige stellte. Aber meine Mitarbeiterin sagte: „Das willst du nicht sehen.“ Und das war vielleicht besser so.

Wann kam der Punkt an dem Sie gesagt haben: Jetzt ist Schluss, jetzt gehe ich dem Hass auf den Grund?

KÜNAST: Das hat sich eher langsam entwickelt. Nach einer Fernsehsendung hatte ich am nächsten Morgen 271 Posts, fast alle mit Beleidigungen unterhalb der Gürtellinie. Da haben wir uns zehn herausgesucht und Anzeigen erstattet. Es gibt immer diese Debatte um Meinungsfreiheit. Aber Hass ist keine Meinung. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Wir haben uns jedoch überlegt: Was für Leute sind das eigentlich? Warum handeln sie so? Deswegen habe ich das Gespräch mit ihnen gesucht.

Hatten Sie gar keine Angst davor, sich mit so viel Hass zu konfrontieren?

KÜNAST: Es war eher eine leichte Anspannung. Aber ich bin schließlich alt genug und habe schon als Sozialarbeiterin gearbeitet. Da habe ich mir angewöhnt, in schwierigen Situationen einfach ruhig zu bleiben.

Welche Begegnung war für Sie am eindrucksvollsten?

KÜNAST: Die mit einem Facharbeiter und Meister aus Potsdam. Er hat mir vermittelt, wie verloren er sich in dieser immer internationaleren und globalisierten Welt fühlt. Bei mir blieb sein Satz hängen: „Wann kümmert sich mal einer um uns?“ Da ist mir klargeworden, dass es sich nicht immer um manifeste rechtsextreme Einstellungen handelt. Es gibt einzelne Personen, die sich im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr verorten können und einfach wütend werden, weil sie sich fragen: „Denkt auch mal jemand an mich?“ Das sind aber andere als die, die den Diskurs im Internet gezielt verändern und ideologisch Politik machen wollen.

Sind es nur die so genannten „Abgehängten“, die sich mit Hassmails äußern?

KÜNAST: Nein. Diejenigen, die wir besucht haben, waren alle sozial gut abgesichert.

Sie haben die Absender gefunden. Warum ist es aber oft so schwer, die Täter ausfindig zu machen und zu bestrafen?

KÜNAST: Nach einer Anzeige muss die Polizei oder Staatsanwaltschaft die Täter ermitteln. Aber bei Facebook zum Beispiel kann sich jeder unter einem anderen Namen anmelden. Es erfordert manchmal schon viel Recherche, damit man die Leute aufspüren kann. Und diese Recherche erwarte ich auch von den Staatsanwälten.

Würden Sie sich da manchmal ein härteres Durchgreifen wünschen?

KÜNAST: Ja. Aber es handelt sich in den genannten Fällen oft um eine konzertierte Aktion mit politischem Hintergrund. Der kommt man nicht mit einzelnen Strafverfahren bei.

Wäre der Erfolg der AfD ohne Internet-Hass und Fake-News überhaupt möglich?

KÜNAST: Er wäre ohne das Internet bei weitem nicht so groß. Aber natürlich wäre die AfD trotzdem da, schließlich gibt es diese Bewegung in vielen Ländern.

Sehen Sie eine Möglichkeit, Fake News im Internet unter Kontrolle zu bringen?

KÜNAST: Wir müssen eine Methode entwickeln, sie zu kennzeichnen. Daran ist Facebook nach vielem Druck von außen jetzt endlich auch dran.

Wie groß ist die Gefahr für die Demokratie?

KÜNAST: Es ist das Ziel der Organisierten, demokratische Prinzipien abzuschaffen. Deswegen werfen sie ja alle Politiker und Medien in einen Topf. Also ist die ganze Gesellschaft gefordert.

Was kann jeder Einzelne gegen den Hass im Netz tun?

KÜNAST: #ichbinhier ist ein Beispiel – das ist eine Facebook-Gruppe, die gegen Hasskommentare und Hetze im Internet vorgeht. Da setzen sich Menschen mal abends eine halbe Stunde hin, schreiben zu Beleidigungen „Nein“ oder loben jemanden.

Wie kann man als Politiker soziale Netzwerke für sich nutzen, um das Vertrauen in die Politik und die Demokratie wieder zu stärken?

KÜNAST: Wir müssen mehr miteinander reden, besser erklären, ohne sich in fünf Millionen Details zu verlieren. Wir müssen Wege finden, um die Lebenswelt von Menschen zu treffen. Wir müssen selbst wieder klar machen, welche Werte uns bewegen. Und fragen, wo der Schuh drückt.

„Mein Frust und meine Verunsicherung über all den Hass sollen nicht dazu führen, dass ich meine Werte aufgebe“, schreiben Sie. Wie gelingt Ihnen das?

KÜNAST: Man muss sich selbst immer wieder ermahnen, dass man sich nicht auf das Niveau der anderen herablässt. Bertolt Brecht hat einmal gesagt: „Auch der Hass gegen Ungerechtigkeit verzerrt die Züge.“ Man kann nicht sagen, alle AfD-Wähler seien Nazis – und alle in eine Schublade packen. Man darf in diesem Land natürlich anderer Meinung sein. Aber die Grundprinzipien der Menschenrechte darf man nicht aufgeben.

 

Kommentare

  • Leute mit Ihrem Gedankengut
    geschrieben von bandog (520 Beiträge) am

    .... sorgen dafür, dass innerhalb einer Generation jede Debatte über Gewalt und ihre Ursachen​ obsolet wird. Demagogen und Lügner von ihrem Schlage profitieren von der zunehmenden Gewalt und Agression in dieser Gesellschaft.
    Ihr reibt euch die Hände in Vorfreude, ich nicht !

  • Aber auch nur für bestimmte Gewaltopfer, ne?
    geschrieben von Kay (198 Beiträge) am

    Denn so oft wie Sie hier zu Gewalt aufrufen und selbst Mord gutheißen, ist diese Behauptung ein Hohn.

  • @Kay Ne,ne, ne, Sie sind nur eine primitive "Orwell-Proles",
    geschrieben von ellenwild (331 Beiträge) am

    die ihre Minderwertigkeitsprobleme mit Hassorgien in Primitivsprache zu kompensieren versucht.
    Eine schlecht erzogene, indoktrinierte "Proles" aus der untersten Schublade.
    George Orwells "Großer Bruder aus 1984" hat sie bereits "geheilt".
    Sollten Sie vielleicht mal lesen und sei es die Kurzfassung von https://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)
    Mehr dürfte Sie auch überfordern.

  • Sie verbreiten Lügen wie gewohnt
    geschrieben von bandog (520 Beiträge) am

    Im Gegensatz zu Ihnen habe ich sehr wohl Mitgefühl mit Gewaltopfern.

  • Und bandog gehört zu der Sorte Mann,
    geschrieben von Kay (198 Beiträge) am

    die sexuelle Gewalt verharmlosen und gutheißen. Natürlich nur solange es keine Ausländer begehen.

    Sexuelle Belästigung muss Deutsch bleiben!



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