10.11.2017 03:00 | Cornelie Barthelme

Pflegebedürftige junge Erwachsene: Selbstbestimmtes Wohnen bleibt zu oft ein unerfüllter Wunsch

Pflege klingt nur nach alt und dement. Pflegebedürftige junge Erwachsene wollen so leben wie ihre ganze Generation – aber darauf sind Gesellschaft und Pflegekassen noch nicht gut vorbereitet.

Eine Krankheit oder ein Gendefekt können Kinder zu einem Pflegefall machen. Für Eltern wird es dann schwierig, die passende Unterstützung zu finden. Foto: Victoria Bonn-Meuser
Eine Krankheit oder ein Gendefekt können Kinder zu einem Pflegefall machen. Für Eltern wird es dann schwierig, die passende Unterstützung zu finden. Foto: Victoria Bonn-Meuser

Berlin. Allein oder zu zweit oder in einer betreuten Wohngemeinschaft: Für junge Pflegebedürftige ist das ein Hauptgewinn. Wer so lebt, nennt sich viel häufiger zufrieden als Bewohner von Pflegeheimen. Wobei der Begriff „junge Pflegebedürftige“ problematisch ist: Die Barmer, die sich in ihrem „Pflegereport 2017“ dieser Gruppe zugewandt hat, fasst darunter Menschen vom Säuglings- bis zum Rentenalter, von 0 bis 60.

Andere Krankheitsbilder

„Die Stiefkinder in der Pflegeversicherung“ nennt Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, die Jungen mit Pflegebedarf. Knapp 400 000 waren es im Jahr 2015, 13,5 Prozent aller Pflegebedürftigen in den damals noch geltenden Stufen I bis III. Ihre Krankheitsbilder unterscheiden sich grundsätzlich von denen Älterer: Schlaganfall und Demenz sind selten, häufig dagegen Lähmungen, Intelligenzminderungen, Epilepsie und Down-Syndrom.

Individuell und selbstbestimmt leben: Das ist das große Ziel der Jungen, erst recht als Jugendliche und junge Erwachsene. Die Umfrage unter den Barmer-Versicherten aber ergab: Mehr als die Hälfte von ihnen ist mit dem Wunsch nach dem Leben ohne Eltern gescheitert. Selbst in Heimen fehlen Plätze, erst recht in betreuten Wohngruppen.

Ein klares Indiz, so Straub, dass die Kommunen schnell neben dem altengerechten Wohnen auch das altersgerechte als Aufgabe erkennen müssen – und sich um entsprechende Planung und Umsetzung kümmern.

Deutlich zufriedener

„Im Prinzip“ wollten junge Pflegebedürftige nicht anders leben als andere Gleichaltrige: „Ausgehen, Freunde treffen, im Internet surfen.“ Und sie vermissen, so Professor Heinz Rothgang von der Uni Bremen, der für die Barmer den Pflegereport erarbeitet hat, so sie in Pflegeheimen leben, auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Pflege. Deutlich zufriedener mit ihren Pflegerinnen und Pflegern sind Bewohner von Wohngruppen und Heimen für Behinderte.

Das Defizit im Bereich jung und pflegebedürftig trifft aber auch schon Kinder und Jugendliche, die noch bei ihren Eltern leben. Das Angebot an Tages- und Kurzzeitpflege für sie ist viel zu knapp. Insgesamt, so Barmer-Chef Straub, müsse „die Situation der jungen Pflegebedürftigen dringend verbessert werde, und zwar kurzfristig“. Gefragt sieht er außer den Pflegekassen auch die sogenannten Leistungserbringer und die Politik.

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