17.10.2017 08:11 | Ulrich Feld

TV-Kritik: "Angst – Der Feind in meinem Haus": Selbstjustiz als Kapitulation

Nach dem autobiographisch gefärbten Bestseller von Dirk Kurbjuweit: Eine bürgerliche Familie sieht sich den Bösartigkeiten eines Stalkers ausgesetzt.

Randolph Tiefenthaler (Heino Ferch, l.) und seine Frau Rebecca (Anja Kling, r.) warten angespannt auf die Eröffnung der Gerichtsverhandlung.
Randolph Tiefenthaler (Heino Ferch, l.) und seine Frau Rebecca (Anja Kling, r.) warten angespannt auf die Eröffnung der Gerichtsverhandlung. Bild: Simon Vogler

Was es heißt, Opfer eines Stalkers zu werden, können ja nur die wirklich nachvollziehen, die sich in einer solchen Situation befinden oder schon einmal befunden haben. So etwas geht nämlich meilenweit über Nachbarschaftsstreitigkeiten hinaus. Dieses Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen und perversen Schikanen und Bösartigkeiten eines Stalkers hilflos ausgeliefert zu sein.  Nirgendwo mehr sicher zu sein.
 
Wenn das eigene Heim keinen Schutz mehr bietet, sondern das Gefühl vermittelt, in einer Falle zu sitzen. Und man irgendwann sogar noch Angst vor der eigenen Reaktion auf diese Schikanen bekommt: vor dem Moment, in dem man, ständig bis aufs Blut provoziert, die Beherrschung verlieren könnte - weil man weiß, dass man es dadurch dem Stalker nur noch leichter macht, seine Attacken fortzusetzen: Auch Rebecca (Anja Kling) und Randolph Tiefenthaler (Heino Ferch) lernen in diesem ZDF-Film zum Thema Stalking dieses Gefühl kennen.
 

Am Anfang noch freundlich

 
Dabei scheint ihr Leben beinah glänzend: Die beiden haben eine wunderschöne Villa mit Garten gekauft. Bedingung dabei: Dieter Tiberius (Udo Samel), der Bruder des Vorbesitzers, durfte die  Souterrainwohnung behalten. Der dickliche Mann überrascht die neuen Hausbesitzer zunächst mit selbstgebackenen Kuchen und Plätzchen, freundlich bis zur Aufdringlichkeit. Dann kommen bizarre Liebesbriefe, an Rebecca Tiefenthaler adressiert.
 
Als die Tiefenthalers ihren Nachbarn auf Distanz halten, geht Tiberius zur nächsten Stufe über: Er behauptet, die Tiefenthalers würden ihre Kinder sexuell missbrauchen. Wie der Film die Hilflosigkeit des Paares samt ihrer ungeschickten Reaktion darauf nachzeichnet, das kommt schon sehr glaubhaft rüber. Stalking-Opfer sehen sich zu Beginn in den meisten Fällen heillos überfordert. Überhaupt ist das Szenario des Films ziemlich glaubhaft gezeichnet: Wie viele Stalker im wirklichen eben etwa arbeitet Dieter Tiberius nicht.
 

Bilderbuch-Familie mit Brüchen

 
Die Tiefenthalers zeigen sich trotz des gehobenen Lebensstandards mit Villa und schicken Kombi-BMW auch als Paar mit Problemen: So hadert Randolph mit seinem Vater wegen des Tods der Mutter und geht nach Feierabend nicht nach Hause, sondern setzt seine berufliche Arbeit in einem Edelrestaurant fort. Die Besetzung Randolphs mit Heino Ferch ist dabei ein großer Pluspunkt, weil Ferchs maskuline Ausstrahlung zu der Hilflosigkeit Randolphs angesichts der ständigen Schikanen ihres Mitbewohners einen besonders wirkungsvollen Kontrast ergeben.
 
Bei einem Stalker kann eben auch in der Wirklichkeit ein Kerl wie Randolph Tiefenthaler/Heino Ferch das Problem nicht lösen. Dass am Ende jemand zur Waffe greift – der Film hat sich in der Beziehung noch eine Überraschung bis ganz zum Schluss aufgespart – wirkt hier denn auch weniger als Selbstjustiz, sondern wie eine allerletzte Geste der Hilflosigkeit und in gewisser Weise als endgültige Kapitulation: Das nämlich dafür jemand ins Gefängnis muss, kommt in Selbstjustiz-Krimis von der Art "Ein Mann sieht rot" normalerweise nicht vor.
 

Das Detail mit dem Brief

 
Neben Ferch macht besonders Anja Kling das Gefühl des Ausgeliefertseins deutlich. Udo Samel spielt Dieter Tiberius wirkungsvoll in einer unbewegten Massigkeit, die das Lauernde seines Charakters wirkungsvoll zur Geltung bringt. Einige Details hätte man sich aber ein wenig durchdachter gewünscht: Der Brief, in dem Dieter Tiberius sich wünscht, Rebecca beim Sterben zuzuschauen, spielt danach überhaupt keine Rolle mehr. Normalerweise ist ein solches Schriftstück für Stalking-Opfer aber wichtig, weil es ein Beweisstück darstellt.

Den ganzen Film gibt es hier

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