05.11.2017 21:07 | Ulrich Feld

TV-Kritik: "Der Fall Holdt": Der Kampf der Verlierer

Ein Entführungsfall entwickelt sich für Kommissarin Lindholm zum Alptraum an allen Fronten. Inspiriert wurde die Geschichte vom realen Mord an Maria Bögerl.

ARD/NDR TATORT: DER FALL HOLDT, am Sonntag (05.11.17) um 20:15 Uhr im ERSTEN.
Charlotte Linholm (Maria Furtwängler) fühlt Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) auf den Zahn.
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Charlotte Linholm (Maria Furtwängler) fühlt Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) auf den Zahn. Was hat er seiner Frau angetan? Bild: (NDR Presse und Information)

Ein fröhlicher Abend hat für Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) unangenehmste Folgen. Mal schnell die Blase heimlich auf dem Parkplatz entleeren, weil die Toilette völlig überfüllt ist? Prompt gerät sie ins Blitzlicht, wird fotografiert. Und zusammengeprügelt, als sie in Panik die Männer attackiert, die sie fotografiert haben. Und sie kann nicht darüber reden, nicht mit ihrem Freund und nicht mit ihren Kollegen - weil das so entsetzlich peinlich war.
 
Noch halb unter Schock muss sie sich um einen Entführungsfall kümmern: Julia  Holdt (Annika Martens)wird auf einer Autofahrt durch den Wald von zwei maskierten Männern gestoppt und überwältigt. Ihr Mann Frank (Aljoscha Stadelmann) findet bei seiner Rückkehr von der Arbeit als Filialleiter einer Bank ein Päckchen mit einer abgeschnittenen Haarsträhne seiner Frau. Kurz darauf der Anruf: Die Entführer fordern 300.000 Euro und keine Polizei, sonst würde seine Frau sterben.
 

Die junge Konkurrentin

 
Er hat nur kurze Zeit, das Geld zu beschaffen. Sein Schwiegervater (Ernst Stötzner) wollte die Polizei einschalten, seine Schwiegermutter lieber auf die Forderungen der Entführer eingehen. Schwer lädiert macht sich Charlotte Lindholm an die Arbeit. Und nicht nur die Undurchschaubarkeit der Geschichte macht ihr zu schaffen, sondern auch Frauke Schäfer (Susanne Bormann), eine jüngere und deutlich fittere Kollegin.
 
Einen richtigen Klasse-Krimi haben Jan Braren (Drehbuch) und Anne Zohra Berrached (Regie) hier abgeliefert. Was zunächst wie eine der üblichen Privatgeschichten um einen TV-Ermittler anfängt, hat in diesem Krimi – dem 25. "Tatort"-Film mit Charlotte Lindholm – sehr viel weitreichendere Auswirkungen. Und fesselt besonders, weil eben diese Privatgeschichte nicht nur als Füllmaterial dient, sondern eng mit der Haupthandlung verzahnt wurde.
 
Lindholms Verletzbarkeit macht sie extrem dünnhäutig, sie verhält sich unprofessionell. Immer wieder arbeitet sie weniger am Fall an sich, sondern muss mit allen Mitteln darum kämpfen, noch einen Rest Autorität im Team zu behalten. Auf der Toilette hört sie schambebend mit an, wie draußen über ihr mögliches Alkoholproblem gekichert wird oder ob sie richtig vermöbelt wurde. Und je schwächer Lindholm agiert, desto stärker und emotionaler spielt Maria Furtwängler. Während sie ihre letzten Lindholm-Auftritte eher als Pflichtübung absolvierte, zeigt sie hier endlich mal wieder schauspielerische Präsenz.
 

Wenn der Hund mehr zählt als die Ehefrau

 
Die Geschichte um die Ermittlerin gewinnt aber nie so stark an Präsenz, dass dabei der eigentliche Fall zu kurz kommt. Es sind nur wenige Szenen, die verdeutlichen, welche Stimmung in der Familie Holdt herrschen, aber die sprechen eine eindeutige Sprache. Wenn etwa Frank Holdt liebevoll den Hund herzt, aber seine Frau dabei kaum beachtet. Was bald seine Fortsetzung darin findet, wenn er an der Leiche seines Hundes fast einen Nervenzusammenbruch bekommt, während er bei einem Appell an die Entführer viel zu beherrscht erscheint.
 
Stück für Stück setzt das Drehbuch die Welt des von Aljoscha Stadelmann toll gespielten Frank Holdt zusammen – einen veritablen Alptraum: Verschuldet, ein gehörnter Ehemann, ein schwammiger Verlierer, ein aggressiver Schläger in seiner Ehe. Mit am stärksten in diesem Film sind die Szenen, in denen sich Lindholm und Holm begegnen: Im Grunde zwei Verlierer, die um einen letzten Rest Würde kämpfen. Lindholms Lage gewinnt auch dadurch an Eindringlichkeit, dass Susanne Bormann gezielt ein Aussehen verpasst wurde, dass sie wie eine jüngere Kopie von Maria Furtwängler wirken lässt.
 
In diesem Kampf zwischen den beiden Verlierern kann es keine Sieger geben: Dass dieser "Tatort" keine herkömmliche Krimi-Auflösung bietet, ist auch dem realen Vorbild geschuldet – dem Fall um die entführte und ermordete Bankiersgattin Maria Bögerl. Wie die Geschichte hier Fakten und Fiktionalität verbindet und spannend verdichtet, macht "Der Fall Holdt" zu einem Höhepunkt der laufenden "Tatort"-Saison.
 
Den Tatort in voller Länge gibt es hier

Kommentare

  • endlich mal wieder ein sehentswerter Tatort
    geschrieben von armutsrentner (1 Beiträge) am

    mich stört das viele Kommisare zu klein sind, wirkt für mich unrealistisch. aber dieser Tatort war 2+

  • Krank
    geschrieben von taunus (135 Beiträge) am

    Da sieht man mal wieder, wie desaströs es enden kann, wenn Arbeitnehmer sich trotz Krankheit zur Arbeit schleppen. Wer krank ist, gehört zu hause ins Bett! Das müssen auch Vorgesetzte respektieren.

    Und der Film hatte ein Wetterphänomen: erst Schnee-Gezucker, dann sonniger Frühherbst, dann wieder tiefster Winter, dann wieder regnerischer Herbst, zum Schluss dann doch noch ein paar Schneeflocken. ... alles in 3-4 Tagen Anfang November. Na ja...



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