10.11.2017 21:31 | Ulrich Feld

TV-Kritik: "Liebling, lass die Hühner frei": Was dieser Film mit "Fack ju Göthe" gemeinsam hat

Familie Teuffel macht Karriere im tiefen Osten. Und was dabei herauskommt, ist nicht nur wegen Katja Flint und Axel Milberg sehenswert.

ARD/WDR LIEBLING, LASS DIE HÜHNER FREI, Spielfilm, Deutschland 2017, Regie Oliver Schmitz, Buch Martin Douven, am Freitag (10.11.17) um 20:15 Uhr im ERSTEN.
Krisenstimmung bei Familie Teuffel: Als im Dorf der Inhalt von Steffens (Axel Milberg, re.) Buch bekannt wird, eskaliert die Situation. Empört wenden sich die Krummenwalder vom schreibenden Wessi ab. Li. Beate Teuffel (Katja Flint), im Hintergrund Kai (Martin Aselmann) und Lisa (Anke Retzlaff).
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Als der Inhalt von Steffens (Axel Milberg, re.) Buch bekannt wird, reagieren die Krummenwalder stocksauer. Li. Beate Teuffel (Katja Flint), im Hintergrund Kai (Martin Aselmann) und Lisa (Anke Retzlaff). Bild: Bild: WDR/DEGETO/UFA Fiction/Hans-Joachim Pfeiffer

Erinnert sich noch jemand an "Liebling, bring die Hühner ins Bett"? Nein? Kein Problem: Es ging darin um Beate (Barbara Rudnik) und Steffen Teuffel (Axel Milberg), ein Berliner Ehepaar, das in die brandenburgische Provinz zieht, wo Beate eine Getränke-Fabrik leiten soll. Die Ost-West-Komödie verarbeitete ihre Motive mit so durchschlagendem Erfolg, dass im Jahr 2009 eine Fortsetzung folgte: "Liebling, weck die Hühner auf". Milberg blieb in seiner Rolle, aber für Barbara Rudnik, die im Mai 2009 starb, kam Katja Flint.

Und jetzt gibt es tatsächlich noch einen dritten Teil, genau wie bei "Fack ju Göthe". Beate ist als Geschäftsführerin der hiesigen Mineralquelle  mittlerweile so erfolgreich, dass das Innenministerium von Brandenburg sie mit dem großen Verdienstorden des Landes auszeichnen will. Steffen hat einen Erzählband fertiggeschrieben und ins Netz gestellt: "Abendbrot – Ost-Ansichten einer Westlers". Die Kinder Kai (Martin Asel­mann) und Schwester Lisa (Anke Retzlaff) sind aus dem Haus.So scheint es jedenfalls.

Nichts mit intimer Zweisamkeit

Und da sich die Teuffels nach all den Ehejahren noch Lust und Liebe füreinander bewahrt haben, wäre jetzt eigentlich mal wieder Zeit füreinander da. Aber traute und ungetrübte Zweisamkeit? In einer Komödie geht so was ja gar nicht. Deswegen überschlagen sich schon ziemlich bald die Ereignisse. Tochter Lisa kommt zurück mit einem Baby im Bauch, Sohn Kai hat sein Studium geschmissen und will als Regisseur blutrünstiger Horrorfilme Karriere machen.
 

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Es geht zwar schon damit los, dass Tochter Sophie (Salome Ridder) während eines Schulausflugs ihre erste Periode bekommt. Aber richtig wild wird es, als die Netz-erfahrene Lisa die Klickzahlen für das Buch ihres Vaters im Netz manipuliert und zusammen mit ihrer Mutter ein paar überschwängliche Lobeshymnen für das Werk ins Netz stellt. Die beiden treten damit eine Lawine los – deren Folgen schnell allen über den Kopf wachsen.

Schon die Hauptfiguren machen Spaß

"Liebling, lass die Hühner frei" ist schon fast idealtypisch konzeptioniert: Die Komödie macht kräftig Lust auf die Vorgänger, aber die Figuren und ihre Verstrickungen versteht man als Zuschauer auch schnell, wenn man die beiden anderen Filme von 2002 und 2009 nicht gesehen hat. Das quirlig sympathische Paar bereitet einfach von Anfang an großen Spaß. Milberg als mit Streichelfaktor angelegte Papa-Figur und Flint als durchschlagskräftige, aber mitfühlende Karrierefrau ergänzen sich schon als Schauspieler perfekt.

Dazu glänzt das Drehbuch von Martin Douven mit einer Fülle von schönen Einfällen: Etwa zu Beginn, als Beate und Steffen, die sich endlich alleine zuhause wähnen, eine wilde Orgie zu zweit gönnen wollen, bis plötzlich die Tochter samt Lehrerin wieder vor der Tür steht und nach dem Reinkommen den Zigarettenrauch schnuppert: Eine wunderbar witzige Umkehrung einer Standartsituation vieler Teenager-Komödien, wobei Milberg und Flint der Spaß deutlich anzumerken ist.

Auch mit ernsten Zwischentönen

Daneben funktioniert auch der Spannungsbogen. Es dauert zwar eine Weile, bis Steffens Erzählband sich als literarische Bombe entpuppt, weil die Bewohner von Krummenwalde erkennen, dass sie selbst unfreiwillig die Vorlagen für die Figuren in dem Buch abgegeben haben. Regisseur Oliver Schmitz nutzt die Gelegenheit aber für einen einfühlsam inszenierten Stimmungsumschwung, ohne dass dieser als Bruch mit der Vorgeschichte erscheint.

 

Es geht dabei nämlich auch um Vertrauensmissbrauch im großen Stil: den von Petra Jänicke (Rosa Enskat) , die Steffen mit dem Dorftratsch versorgte, und den von Steffen, als er all diese Geschichten und Intimitäten aus dem Alltag der Dorfbewohner ungefragt literarisch verwertete.  Der Film stellt dabei unterschwellig sogar die unbequeme Frage nach dem Preis, den eine künstlerische Karriere – hier: die von Steffen als Autor – wert sein kann.  

 

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