08.11.2017 22:37 | Ulrich Feld

TV-Kritik: "Meine fremde Freundin": Wenn eine Lüge zur tödlichen Waffe wird

"Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile" heißt der Themenabend in der ARD. Zum Auftakt gibt es dieses Drama, das auf einem realen Fall beruht.

Anfangs sieht es noch so aus, als würde sich Judith (Ursula Strauss) von den Anzüglichkeiten ihres Kollegen Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) nicht aus der Ruhe bringen lassen. Bild: NDR/Christine Schroeder
Anfangs sieht es noch so aus, als würde sich Judith (Ursula Strauss) von den Anzüglichkeiten ihres Kollegen Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) nicht aus der Ruhe bringen lassen. Bild: NDR/Christine Schroeder Bild: (NDR Presse und Information)

Es ist ein höchst heikler Stoff, auch ohne aktuellste Beispiele aus der Film- und Theaterwelt zu bemühen: Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) wird der Vergewaltigung beschuldigt und es gibt jede Menge Indizien, die gegen ihn sprechen. Er neigt gegenüber Arbeitskolleginnen zu derben Anzüglichkeiten, liebt es, sadistisch zu provozieren, verhält sich oft saugrob und genießt es offensichtlich, seine Macht zu nutzen, um Mitarbeiterinnen zu demütigen. Ein echter Kotzbrocken also.

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Aber auch ein Vergewaltiger? Judith Lorenz (Ursula Strauss), die Neue im Gesundheitsamt, scheint zumindest anfangs durchaus souverän mit seinen Redensarten umgehen zu können, obwohl sich Lehmann verbal oft unter der Gürtellinie bewegt. Ihre Vorgängerin hat deswegen sogar gekündigt. Allerdings war sie auch komplett inkompetent – sagt zumindest Lehmann. Andrea Bredow (Valerie Niehaus) ist sogar von Judith Lorenz ziemlich angetan und freundet sich mit ihr an.

Erst Mitleid, dann Zweifel

Und bekommt die tragische Vorgeschichte erzählt: Judith hatte Krebs, ihre Tochter starb an plötzlichem Kindstod. Aber dann der dickste Hammer: Volker Lehmann hat sie vergewaltigt, und das im Büro! Andrea ist nur allzu sehr geneigt, ihrer Kollegin zu glauben. Zwar kommen ihr schon bald Zweifel, aber es vergehen Jahre, bis die zur schmerzhaften Gewissheit werden: Ihre Freundin hat nicht nur ein übergroßes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, sondern ist auch noch eine notorische Lügnerin, die sich mit Vorliebe in der Opferrolle darstellt.
 
Bei "Meine fremde Freundin" handelt es sich zwar um eine erfundene Geschichte, aber die orientiert sich am Fall des Lehrers Horst Arnold. Der Pädagoge saß nach einem Prozess volle fünf Jahre ab, obwohl es im Prozess viele Widersprüche gab. Wie Judith Lorenz neigte auch Heidi K, die Horst Arnold der Vergewaltigung beschuldigte, zu haarsträubenden Aufschneidereien: Sie erfand Krankheiten, verlor eine Tochter, die nie existierte, und pflegte einen Lebenspartner im Rollstuhl, der in Wirklichkeit kerngesund war und nie etwas mit ihr hatte.

Die unfreiwillege Komplizin

Eine zwanghafte Lügnerin also – aber solche Märchenerzähler könnten nicht existieren ohne bereitwillige Zuhörer. Der Film widmet viel Zeit dem schillernden Verhältnis zwischen Judith und Andrea und spart dabei auch die Faszination nicht aus, die von der attraktiven und so selbstsicher agierenden Judith auf die eher angepasste Andrea ausgeht. Eine unheilvolle Symbiose entsteht daraus für Volker Lehmann. Der sich seinerseits aber auch gegenüber Lorenz' Vorgängerin nicht nur verbal in einer Grauzone zum Übergriff bewegt haben könnte, wie er andeutet.

Lehmann ist schon jemand, der es seinen Feinden ziemlich leicht macht. Spät, sehr spät muss Andrea erkennen, dass sie sich zum Werkzeug hat machen lassen und bereitwillig mitgeholfen hat, das Leben eines Kollegen zu zerstören, den viele – wenn auch mit guten Grund – nicht mochten. Ja, es geht in dem Film auch um Vorurteile. Wobei die Autoren Daniel Nocke und Katrin Bühlig mit Regisseur Stefan Krohmer sich klugerweise auf viele Andeutungen beschränken, um dem Zuschauer eigene Gedanken zum Thema zu ermöglichen.

Der Widerling wird zum Wrack

Mit Ursula Strauss, Valerie Niehaus und Hannes Jaenicke standen Krohmer drei hervorragende Charakterdarsteller zur Verfügung. Gerade Jaenicke, sonst auf dem Bildschirm in eher sympathischen Macho-Rollen unterwegs, gelingt es hier sehr subtil, zuerst Widerwillen und gegen Ende des Films allmählich Mitleid für seine Figur zu wecken. Wie sich durch hervorragendes Schauspiel die Beurteilung der Figuren in diesem Drama allmählich wandelt, erzeugt eine Spannung, die mühelos mit einem Thriller mithält. 

Mitleid und die Wahrheit hilft Volker Lehmann aber nicht mehr lange, wie man am Ende sieht. Horst Arnold, seinem Vorbild in der Realität, erging es am 29. Juni 2012 ebenso. Trotz eines Freispruchs erster Klasse blieb er anschließend pleite - sein Vermögen samt Haus war bei dem Prozess draufgegangen - und lebte von Hartz IV. Die Entschädigung erreichte ihn nicht mehr. Horst Arnold wurde 53 Jahre alt.
 

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