17.02.2017 03:30 | Panagiotis Koutoumanos

Bilanzvorlage: Carsten Kengeter: Börsen-Chef unter Beschuss

Frankfurt Die Geschäfte der Deutschen Börse laufen gut. Doch das interessiert zurzeit kaum jemanden. Stattdessen sieht sich ihr Vorstandschef mit bohrenden Fragen zum Streit mit der Londoner Börse und zu den Ermittlungen wegen Insiderhandels konfrontiert

Den zahlreichen unangenehmen Fragen versuchte der Vorstandschef der Deutschen Börse auszuweichen.
Den zahlreichen unangenehmen Fragen versuchte der Vorstandschef der Deutschen Börse auszuweichen. Bild: Arne Dedert (dpa)

Carsten Kengeter ist ein Mann, der Herausforderungen sucht: Bergmarathon, lange Touren, Ski-Rennen, Ausdauersportarten – „alles mit Erschöpfungspotenzial“, wie er mal erzählt hat. Der physische Kampf schien den groß gewachsenen Mann gestählt zu haben, der eine Bilderbuchkarriere als Investmentbanker machte, sich im Londoner Haifischbecken durchbiss, bei der schweizerischen UBS zum bestdotierten Banker aufstieg – und seit Frühjahr 2015 in Frankfurt die Deutsche Börse führt. Auch dort hat man den gebürtigen Heilbronner bislang äußerst extrovertiert, kommunikationsstark und tatkräftig erlebt. Aber von dem ungeduldigen Kraftpaket, das dabei ist, durch die geplante Fusion mit der London Stock Exchange (LSE) die Grundfesten der Deutschen Börse zu erschüttern, ist an diesem Donnerstagmorgen in der alten Frankfurter Börse nichts zu sehen. Heute wirkt der 49-Jährige tatsächlich erschöpft. Die Widerstände gegen den Zusammenschluss mit der Londoner Börse und die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen ihn wegen des Verdachts des Insiderhandels scheinen ihm gehörig zugesetzt zu haben.

Stimme versagt

Bedächtig, jedes einzelne Wort betonend, arbeitet sich Kengeter durch sein Redemanuskript, in dem es zunächst um den erfolgreichen Geschäftsverlauf des vergangenen Jahres geht: Die Nettoerlöse seien auf 2,39 Milliarden Euro gestiegen; der bereinigte Gewinn auf 811 Millionen Euro, berichtet der Vorstandschef. Ihm ist wohl bewusst, dass die Zahlen heute kaum jemanden interessieren. Als er zu dem Verdacht des Insiderhandels Stellung nehmen will, versagt ihm dann die Stimme. Er braucht einen großen Schluck Wasser. „Die Verdächtigung des Insiderhandels hat mich persönlich sehr getroffen“, bekennt er, „Insiderhandel widerspricht allem, wofür ich stehe.“ Kengeter hatte im Dezember 2015 – nur zwei Monate vor Bekanntwerden der Fusionsgespräche mit der LSE – für 4,5 Millionen Euro Aktien des eigenen Unternehmens gekauft.

In einem eigens für ihn geschaffenen Co-Investitionsplan hat ihm die Deutsche Börse Aktien im Wert von 4,5 Milliarden Euro dazugegeben. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt geht aber davon aus, dass der ehemalige Investmentbanker im Dezember 2015 schon seit Monaten Fusionsgespräche mit der LSE geführt hatte – und deshalb wusste, dass der Aktienkurs der Deutschen Börse deutlich steigen würde. Kengeter muss die Aktien zwar bis 2019 halten. Aber wie Finanzvorstand Gregor Pottmeyer bei der Bilanzvorlage darlegt, kann Kengeter ein Vielfaches der eingesetzten 4,5 Millionen Euro einstreichen, wenn sich Gewinn und Aktienkurs bis dahin gut entwickeln.

Verweis auf Aufsichtsrat

„Ich habe den Aktienkauf nicht zu einem selbst gewähltem Zeitpunkt getätigt, sondern in einem mir vorgegebenen Zeitrahmen zwischen dem 1. und 21. Dezember 2015, den der Aufsichtsrat festgelegt hatte“, verteidigt sich Kengeter nun. „Ich bin sicher, dass sich die Vorwürfe nach eingehende Prüfung als unbegründet erweisen werden.“ Mehr ist an diesem Donnerstag zu den Aktienkäufen, den Ermittlungen und möglichen Folgen nicht von Kengeter zu erfahren – trotz bohrender Fragen. Würde er bei einer Anklage zurücktreten oder erst bei einer Verurteilung? Wann hat er erstmals mit LSE-Chef Xavier Rolet über die deutsch-britische Börsenhochzeit gesprochen? Kengeter windet sich, nimmt immer wieder einen Schluck Wasser zu sich, mit dem er seinen Mund kräftig von links nach rechts durchspült. „Ich würde gerne darüber reden“, sagt er ein ums andere Mal verlegen, „aber wegen der laufenden Ermittlungen ist das rechtlich nicht möglich.“

Nicht viel besser ergeht es den Journalisten, die kritisch nach Details der geplanten Fusion der Deutschen Börse und der LSE zum weltweit umsatzstärksten Börsenkonzern fragen. Bis zum 3. April will die EU-Kommission ihre Prüfung des Fusionsvorhabens abschließen, danach muss vor allem das hessische Wirtschaftsministerium als zuständige Börsenaufsicht zustimmen. In Wiesbaden wie auch am Finanzplatz Frankfurt wird jedoch lautstark kritisiert, dass die beiden Konzerne London als rechtlichen Sitz der Dachgesellschaft vereinbart haben – zumal der Sitz der Holding nach dem Brexit außerhalb der EU läge. So hat Hessens Finanzminister Thomas Schäfer bereits klargestellt, dass die Fusion nur mit einem Hauptsitz in Frankfurt infrage kommt. Ob denn abweichend vom Fusionsvertrag, dem die Aktionäre zugestimmt haben, Frankfurt doch noch Hauptsitz werden könne, wird Kengeter deshalb gefragt. „Das ist eine spekulative Frage, die ich im Moment nicht beantworten kann“, antwortet dieser zum Verdruss der Pressevertreter. Ob er auf den Vorstandsvorsitz des fusionierten Unternehmens verzichten würde, wenn sich die Briten im Gegenzug bereiterklärten auf den Holdingsitz zu verzichten, lässt Kengeter ebenfalls offen.

Europas Schicksalsfrage

Stattdessen versucht der Manager erneut herauszustellen, dass der Deutschen Börse und damit auch dem Finanzplatz Frankfurt ohne den Zusammenschluss ein schleichender Bedeutungsverlust droht. „Das größte Risiko für Frankfurt ist nichts zu tun“, warnt Kengeter und erhebt die Frage der Fusion zur Schicksalsfrage für den ganzen Kontinent: Ganz Europa geriete gegenüber Amerika und Asien ins Hintertreffen, denn dort seien derzeit die drei größten Börsen-Organisationen angesiedelt, und weitere strebten dort nach oben. Nach seiner Darstellung ist die Fusion der beiden Konzerne die Fortsetzung der europäischen Kapitalmarkt-Union: Das deutsch-britische Prestigeobjekt werde Unternehmen der EU leichteren Zugang zu Kapital verschaffen, so Kengeter. Denn London sei nun mal die größte Kapitalsammelstelle der Welt, und das werde die Stadt auch nach dem Brexit bleiben. Deshalb sei es gerade vor dem Hintergrund des Brexit wichtig, eine Brücke nach London zu schlagen. Viel Zeit bleibt für den Brückenbau aber nicht mehr: Laut Fusionsvereinbarung mit der LSE muss der Zusammenschluss spätestens Ende Juni unter Dach und Fach sein.

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