10.11.2017 03:00 | Panagiotis Koutoumanos

Neuer Chef: Stada will Ladival zurückkaufen

Bad Vilbel/Frankfurt Ein neuer Eigentümer, drei Wechsel auf dem Posten des Vorstandschefs, zwei Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats und jede Menge Querelen. Nach dem Chaos der vergangenen anderthalb Jahre will die neue Stada-Führung Ruhe in den Konzern bringen und ihn auf Profit trimmen.

Seit 1. Oktober ist der gebürtige Tiroler Claudio Albrecht Vorstandschef der Bad Vilbeler Stada AG.
Seit 1. Oktober ist der gebürtige Tiroler Claudio Albrecht Vorstandschef der Bad Vilbeler Stada AG. Bild: MICHAEL DANNENMANN

Mühsam arbeiten sich die Truppen des neuen Stada-Vorstandschefs Claudio Albrecht durch die schmutzige Vergangenheit seiner Vorgänger, deren Vorstandskollegen und Kontrolleure. Untersuchungen laufen unter anderem wegen „schwerwiegender Pflichtverletzungen“ um Transaktionen in Serbien, Vertriebsgeschäfte in Asien und Beraterverträgen ohne erkennbare Leistungen. Hinzu kommen rechtliche Auseinandersetzungen um Abhör-Aktionen und angeblichen Geheimnisverrat.

„Die Untersuchungen laufen zwar noch. Aber zumindest aus heutiger Sicht können wir sagen, dass anscheinend keine kriminellen Handlungen wie Korruption oder Bestechung oder andere schwere Verfehlungen stattgefunden haben“, sagte Albrecht gestern in einer Telefonkonferenz. „Pflichtverletzungen könnte es aber tatsächlich gegeben haben. Und die werden wir nachverfolgen, wenn das Unternehmen Schaden genommen hat.“

Zu den Beschuldigten zählt vor allem der langjährige Vorstandschef Hartmut Retzlaff, der „aus einem besseren Hasenstall einen veritablen MDax-Konzern geschaffen“ hatte, wie er selbst zu sagen pflegte – aber das Unternehmen nach Gutsherren-Art führte und sich dabei den Vorwurf der Vetternwirtschaft und Korruption eingehandelt hat. Im Visier der internen Ermittlungen stehen aber auch Retzlaffs langjähriger Finanzvorstand Helmut Kraft, sein Aufsichtsratschef Martin Abend, Retzlaffs Nachfolger Martin Wiedenfels und dessen Chefaufseher Carl Ferdinand Oetker.

Sie alle mussten nacheinander gehen. Nach der Übernahme der Stada AG durch die Finanzinvestoren Bain Capital und Cinven im Sommer dieses Jahres ist dann auf den Interims-Vorstandschef Engelbert Willink Anfang Oktober Claudio Albrecht gefolgt, der sich nun mit den rechtlichen Altlasten plagt. „Diese Arbeit bindet sehr viel Energie, die wir eigentlich fürs Geschäft brauchen“, so der 58-Jährige gestern.

Abschied von der Börse

Endgültige Resultate der internen Ermittlungen verspricht Albrecht zwar erst für Anfang kommenden Jahres. Aber eine Entscheidung hat er bereits getroffen: die Ende 2013 von Retzlaff heimlich zu einem Spottpreis verkauften Markenrechte am Sonnenschutzmittel Ladival zurückzukaufen. „Stada hat sowohl ein Vorkaufs- als auch ein Rückkaufsrecht“, betonte der frühere Ratiopharm-Chef, „und die werden wir nutzen“. Heißt: Spätestens wenn der Vertrag zum 1. Januar 2021 ausläuft, sollen die Rechte an dem hierzulande bekanntesten deutschen Sonnenschutzmittel zurück zur Stada.

Ob Albrecht dann noch an der Spitze des Stada-Vorstands stehen wird, ist zwar offen. Aber der Tiroler mit dem unverkennbaren Dialekt gibt kräftig Gas, um den Bad Vilbeler Traditionskonzern auf den von Bain und Cinven gewünschten Kurs zu bringen –, der Stada in maximal fünf Jahren unter die Top Five der weltweiten Anbieter von Nachahmer-Medikamenten (Generika) führen soll. Dieses Geschäftsfeld macht nach wie vor das Gros des Konzernumsatzes aus und liegt auch beim Gewinn noch knapp vor dem profitableren Geschäft mit Markenprodukten wie Grippostad, Mobilat.

Wie Albrecht gestern ausführte, wollen die neuen Eigner noch im ersten Quartal eine außerordentliche Hauptversammlung veranstalten, um dort die Voraussetzungen zu schaffen für den Abschluss eines Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrags. Der würde die Stada dann verpflichten, all ihre Erträge abzutreten. Dafür brauchen Bain und Cinven aber mindestens 75 Prozent der Stimmrechte, während sie derzeit nur auf 63,85 Prozent kommen. Also werden sie zusehen, noch möglichst viele Stada-Aktionäre loszuwerden. Ein großzügiges Abfindungsangebot von mindestens 74,40 Euro pro Aktie hat das Unternehmen – auf Druck des Großaktionärs Paul Singer, der auf rund 14 Prozent kommt – bereits in Aussicht gestellt. Klar, dass Bain und Cinven am liebsten gleich die 95-Prozent-Schwelle erreichen würden. Dies würde es ihnen erlauben, die restlichen Anleger aus dem Unternehmen hinaus zu quetschen – und dann das Unternehmen von der Börse zu nehmen. Dieses „Delisting“ ist laut Insidern für den Sommer geplant.

Mittelfrist-Prognose steht

Unterdessen hält Albrecht an den ambitionierten mittelfristigen Finanzzielen fest, die sein Vor-Vorgänger Wiedenfels im Sommer vergangenen Jahres ausgegeben hatte, um den damaligen, aktivistischen Investor AOC zufriedenzustellen. „Ich kann diese Ziele für 2019 bestätigen“, sagte der studierte Jurist gestern. Demnach soll in dem Gesamtjahr 2019 ein um Währungs- und Portfolioeffekte bereinigter Konzernumsatz von 2,6 Milliarden Euro, ein bereinigtes operatives Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 510 Millionen Euro und ein bereinigter Konzerngewinn von 250 Millionen Euro erzielt werden. Zumindest in diesem Jahr ist Stada da auf einem guten Weg: Da sowohl das Geschäft mit den Markenprodukten als auch den Nachahmer-Medikamenten insgesamt gut läuft, ist der bereinigte Konzernumsatz von Januar bis September um sieben Prozent auf 1,641 Milliarden Euro gestiegen; das bereinigte Ebitda kletterte um 16 Prozent auf 347,5 Millionen und der bereinigte Nettogewinn um vier Prozent auf 145,6 Millionen Euro. Gedrückt wurde der Gewinn durch die Beratungskosten im Zusammenhang mit der 5,3 Milliarden Euro teuren Übernahme, die sich auf 20 Millionen Euro nach Steuern beliefen.

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Auf welchem Kontinent liegt Spanien?: 

Weitere Artikel aus Wirtschaft

Weitere Artikel aus Wirtschaft

Rubrikenübersicht