21.03.2017 03:30 | Christoph Barkewitz

Hessische Umweltlotterie: Ein Glücksspiel, das keiner versteht

Ordentlich Geld gewinnen und auch noch der Natur helfen – mit dieser Idee sollten die Hessen zum Loskauf animiert werden. Das taten aber nicht genügend, die vor einem Jahr eingeführte Umweltlotterie „Genau“ hat die hohen Erwartungen bisher nicht erfüllt. Deshalb hat sich Lotto Hessen eine neue Spielform ausgedacht – mit einer Million Euro Gewinn.

Die Umsatzziele waren ambitioniert, als Lotto Hessen vor einem Jahr die Pläne für die neue Umweltlotterie „Genau“ vorgestellt hat: Auf sechs Millionen Euro hofften die Verantwortlichen im ersten Jahr, bereits mit zehn Millionen Euro – dann ohne Anlaufkosten – im zweiten Jahr. Die Bilanz knapp ein Jahr nach der ersten Ziehung am 15. April vergangenen Jahres fällt ernüchternd aus. 2,16 Millionen Euro weist die Landeslotteriegesellschaft mit Sitz in Wiesbaden für das Jahr 2016 aus, rund 50 000 Euro wird im Moment mit den „Genau“-Losen erlöst – das wären Ende dieses Jahres hochgerechnet gut zweieinhalb Millionen Euro.

Die Umweltlotterie ist ein Produkt, das die Grünen in den Koalitionsvertrag mit der CDU hineinverhandelt haben – und damit auch ein Politikum. Deshalb hatte bereits im Herbst vergangenen Jahres der FDP-Abgeordnete Jürgen Lenders mittels einer Kleinen Anfrage im Landtag eine „bisherige Bilanz“ der Lotterie erbeten. Von Marketingkosten für die Einführung in Höhe von 458 000 Euro und monatlichen Fixkosten von 34 000 Euro berichtete Staatssekretärin Beatrix Tappeser aus dem von der Grünen Priska Hinz geführten Umweltministerium. Die monatlichen Umsätze waren von April bis August 2016 von zunächst gut 395 000 Euro auf knapp 154 000 Euro gesunken.

Dass die Umsatzerwartungen offenbar zu hoch angesetzt waren, räumt Heinz-Georg Sundermann, Geschäftsführer der Lotto Hessen GmbH, inzwischen ein. Dabei habe man sich an den Anfangserlösen von zuvor neu eingeführten Lotterien wie „Keno“ oder „Eurojackpot“ orientiert, aber außer Acht gelassen, dass die einen deutschlandweiten Aufschlag gehabt hätten. „Wir haben unterschätzt, dass wir mit einer Regionallotterie diese Marketingmacht nicht haben“, so Sundermann.

Die sechs Millionen Euro seien nicht utopisch, glaubt der 61-Jährige nach wie vor, hat aber dennoch die Wunschkennziffern deutlich reduziert. Ab einem Umsatz von 70 000 Euro pro Woche arbeite die Lotterie wirtschaftlich, „wenn wir auf 3,5 bis 4 Millionen Euro kommen, sind wir auf dem richtigen Weg“.

Um dies zu erreichen, sollen Spielverfahren und Gewinnsummen in zwei Schritten erheblich verändert werden. Bislang ist ein einmaliger Hauptgewinn in Höhe von 10 000 Euro garantiert (je nach Zahl der verkauften Lose könnte er theoretisch höher liegen) – der kann nun von Mitte Mai an um eine zusätzliche Million ansteigen. Dazu sollen nach den bisherigen Überlegungen nochmals drei Zahlen gezogen werden: Hat der Hauptgewinner diese Endziffern richtig, bekommt er die Million. Für die richtigen letzten beiden Zahlen winken immerhin noch 100 000 Euro.

„Damit bedienen wir diejenigen, die eine Million gewinnen wollen, wie auch diejenigen, die der Umwelt helfen wollen“, glaubt Sundermann. Die Relation fünf Euro Einsatz zum (garantierten) Höchstgewinn 10 000 Euro sei zu wenig, sagt Sundermann mittlerweile. Dass viele Leute bereit seien, sich per Loskauf für die Umwelt zu engagieren, glaubt er aber nach wie vor. Allerdings hätten auch viele Kunden gesagt, die Idee sei gut, aber fünf Euro Einsatz seien ihnen zu viel. Dem will die Lottogesellschaft mit einer zweiten Neuerung begegnen, deren Einführung nach den Sommerferien erfolgen soll: Ein sogenanntes Vario-Los bietet gestaffelte Preise zwischen voraussichtlich einem und fünf Euro für die Teilnahmescheine. „Damit gehen wir mehr in die Breite, mehr Leute können spielen“, sagt Sundermann. Wer nicht bereit sei, auch nur einen Euro für die Umwelt zu investieren, dem könne es auch nicht wirklich ernst damit sein.

Ein Hindernis könnte allerdings weiterhin das vielfach als sehr kompliziert wahrgenommene Spielsystem sein. Auf dem Spielschein muss der Tipper eine (hessische) Postleitzahl angeben, daraufhin erhält eine sogenannte Los-ID, die im Glücksfall zum Hauptgewinn führt. Daneben erhalten auch alle Teilnehmer aus den Kreisen/kreisfreien Städten, zu denen die Postleitzahl gehört, gestaffelte Gewinne zwischen (garantierten) fünf und 5000 Euro. Darüberhinaus bekommt ein konkretes Umweltprojekt, das der Hauptgewinner aus einer Vorschlagsliste auswählen kann, 5000 Euro.

„Die Thematik ist viel zu komplex, das System erschließt sich nicht auf den ersten Blick“, urteilt der SPD-Landtagsabgeordnete Timon Gremmels, der die Umweltlotterie bereits bei ihrer Einführung heftig kritisiert hatte. Auch nach einem knappen Jahr bleibt der umweltpolitische Sprecher der Fraktion bei seiner grundsätzlichen Kritik. Die Gewinne seien zu gering, für die Umwelt komme zu wenig rum – es sei eben ein Prestigeprojekt der Grünen. Außerdem kannibalisierten sich die vielen Angebote von Lotto Hessen: „Der Lottospieler spielt nur einmal.“

Das sieht Geschäftsführer Sundermann anders: „Wir brauchen Nischenprodukte, die spezielle Interessen abdecken.“ Die Spieler der traditionellen Produkte wie „6 aus 49“ oder „Eurojackpot“ seien im Durchschnitt 60 Jahre alt – mit der Umweltlotterie werde ein anderes, nämlich jüngeres Publikum angesprochen.

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