12.10.2017 03:30 |

NS-Verbrechen: Irrfahrt ins KZ Dachau

Limburg Über den Holocaust und weitere Gräueltaten der Nazis gibt es immer wieder neue Erkenntnisse. Gerhard Bökel, ehemaliger hessische Innenminister und früherer Landrat des Lahn-Dill-Kreises, wurde im Ruhestand in Frankreich eher zufällig mit der Existenz eines 1944 von dort in das KZ Dachau rollenden Geisterzuges konfrontiert und hat in seinen Recherchen unglaubliche Ereignisse erfahren.

Gerhard Bökels Buch „Der Geisterzug und die Résistance“ (Widerstand) gilt als weiterer Beleg dafür, dass die Nazis nicht nur Millionen Menschen aus rassistischen, sondern auch Zehntausende aus politischen Gründen ermordet haben. Es ist also viel mehr als ein Beitrag aus Frankreich, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse. Der historisch bedeutsame Lesestoff ist ein Sinnbild für die deutsch-französische Aufarbeitung und Versöhnung nach einer gemeinsamen leidvollen Vergangenheit.

Der SPD-Mann war häufiger in Avignon, einer Partnerstadt Wetzlars, und in dortigen Umlandgemeinden, die mit Kommunen seines früheren Wahlkreises verschwistert sind. Weil es ihm dort so gut gefiel, kaufte er sich für den Ruhestand ein Haus und erlernte an der Universität in Avignon die französische Sprache. Zufällig hatte er im Sommer 2010 in Roquemaure an der Rhone an den Überresten einer zerstörten Brücke eine Gedenktafel für die Opfer eines Eisenbahntransports entdeckt. Weil der Zug wegen der zerstörten Brücke nicht weiterfahren konnte, hatten dort 700 Gefangene den Zug bei glühender Hitze verlassen und durch die Weinberge nach Sorgues marschieren müssen.

Was hatte sich dort zugetragen? Bökel wollte das genau wissen und lernte einen Gefangenen kennen, traf später weitere Überlebende. „Ich habe in meiner beruflichen und politischen Laufbahn nie die Chance gehabt, mich so gründlich mit einem Thema zu befassen“, verriet der 71-jährige Jurist, der sich im Land des Gaumengenusses fortan einer schweren historischen Kost hingab, indem er fünf Jahre in Archiven und Bibliotheken verbrachte. Daraus entstand eine Arbeit, die er seiner Uni zu gesellschaftlichen beziehungsweise historischen Themen vorlegte – und nun ein packendes Buch.

Seine Schilderungen beginnen im Internierungslager im südwestfranzösischen Le Vernet d’Ariège, in dem einstmals 40 000 Häftlinge aus 58 Nationen festgehalten wurden, darunter Intellektuelle, Kulturschaffende und Politiker aus ganz Europa. Bökel: „In meinen Recherchen tauchten zunehmend Deutsche auf, Gefangene Hitlers unter französischer Bewachung, die mich näher interessierten.“

Der Autor berichtet, dass die Nazis im März 1941 mit dem Abtransport begannen. Die NS-Organisation „Todt“, eine paramilitärische Bautruppe, holte Arbeitskräfte zur Zwangsarbeit heraus. Ab dem 9. Juni 1944 hatte das Konzentrationslager Le Vernet direkt den Nazis unterstanden. Es wurde also ein Lager des Dritten Reiches: Das einzige Lager, das von den Nazis wieder übernommen wurde, um es selbst leiten zu können.

„Am 30. Juni 1944 begann die Evakuierung des gesamten Lagers“, so Bökel. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie hatten die Deutschen kein Vertrauen mehr in die französische Verwaltung. Die letzten internierten Häftlinge wurden auf Lastwagen und in Bussen nach Toulouse gebracht und dort in einen bereitstehenden Zug gezwängt. Es waren Vieh- und Güterwaggons. Auf Tafeln stand draußen zu lesen „Pferde 8, Männer 40“. In jeden Waggon, dessen Luken mit Brettern und Stacheldraht vernagelt waren, wurden jeweils 65 bis 70 Menschen eingepfercht: Insgesamt 700 politische Gefangene, die meisten krank, verkrüppelt und alt, traten eine mörderische Irrfahrt an; doch nur 536 von ihnen sollten nach zwei Monaten das KZ Dachau erreichen.

Bökel beschreibt eindrucksvoll eine acht Wochen dauernde grausame Reise durch Kampfgebiete, immer wieder unterbrochen durch Zwangsaufenthalte wegen erheblicher Kriegszerstörungen an Bahnstrecken und Brücken. Immer wieder sei einzelnen Insassen die Flucht gelungen. „Deutsche setzten sich ab und nahmen Gefangene als Geiseln“, berichtet er, und dass der Zug bombardiert wurde. „Man wusste nicht, dass es ein Gefangenentransport war, glaubte es seien Soldaten. Es war ein schleichender Zug, der in einer Woche 130 Kilometer zurücklegte“, berichtet Bökel. Einer der Zeitzeugen verglich die Gefangenen mit „einer Hundertschaft ausgehungerter Tiere, denen man einen Eimer Suppe hingeworfen hat“.

Der Autor schildert Hitzemärsche durch Weinfelder zum nächsten Bahnhof, wie bewaffnete Gendarmen, Polizisten und Gestapo-Leute die Gefangenen auf den Bahnsteigen antrieben und Gefangene das Gepäck ihrer Peiniger mitschleppen mussten. Die örtliche Bevölkerung unterstützte die Fliehenden und versorgte Gefangene bei längeren Aufenthalten des Zuges und Fußmärschen mit Wasser und Nahrung. Dank dreier betagter Zeitzeugen, die Bökel ihre bis dahin geheim gehaltenen erschütternden Erlebnisse mit dem Vermächtnis anvertrauten, dass sich ähnliches nicht wiederholen dürfe, wirkt das Buch sehr authentisch und erzeugt immer wieder Gänsehaut.

Als der Geisterzug am 28. August in Dachau einlief, waren alle deutschen Begleiter verschwunden. Von den über 700 Deportierten waren schließlich 536 in Dachau angekommen, 473 Männer und 63 Frauen. Die Frauen fuhren weiter ins KZ Ravensbrück, mussten dort arbeiten. Viele von ihnen sind gestorben.

Gerhard Bökel

„Der Geisterzug und die Résistance“, Verlag Brandes & Apsel, 272 Seiten, 29,90 Euro

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Welcher Monat folgt auf den Mai?: 

Weitere Artikel aus Rhein-Main & Hessen

Weitere Artikel aus Rhein-Main & Hessen

9,7 Millionen Jahre alte Zähne gefunden
Mainz
|
Spektakuläre Funde

Wiege der Menschheit in der Pfalz?

Rubrikenübersicht