13.02.2016 14:33 |

Samuel Koch im Interview: „Echte Freunde sind wie Brüder“

Samuel Kochs Leben änderte sich in einem einzigen Augenblick, den Millionen Fernsehzuschauer sahen: Er verunglückte am 4. Dezember 2010, als er bei „Wetten, dass..?“ über ein fahrendes Auto sprang, und ist seitdem querschnittsgelähmt. Dennoch gab Koch seinen Traum, Schauspieler zu werden, nicht auf. Heute gehört der 28-Jährige zum Ensemble des Staatstheaters Darmstadt. Wie sehr ihm Freunde in der schweren Zeit nach dem Unfall halfen und was sie ihm heute bedeuten, erklärte er im Gespräch mit Jana Anhamm, Isabelle Noé sowie Lola und Lilian Lautenschläger.

Der deutsche Schauspieler Samuel Koch (28) gibt den Schülerinnen des Projekts Junge Zeitung ein Interview im Staatstheater in Darmstadt.
Der deutsche Schauspieler Samuel Koch (28) gibt den Schülerinnen des Projekts Junge Zeitung ein Interview im Staatstheater in Darmstadt. Bild: Sven-Sebastian Sajak

Wo fängt Freundschaft für Dich an?

KOCH: Es gibt verschiedene Formen. Ich glaube, es ist etwas dran an der Kategorisierung der Freundschaft, die Aristoteles vorgenommen hat: Danach gibt es Lustfreundschaften, bei denen man zum Beispiel ein Hobby oder eine Leidenschaft teilt. Zweckfreundschaften, etwa mit Kollegen. Und dann gibt es Herzensfreunde. Die habe ich, so lange ich denken kann und zum Glück bis zum heutigen Tag.

Und wo hört sie auf?

KOCH: Eine richtige Herzensfreundschaft sollte im Grunde keine Grenzen haben. Auch wenn man mal nicht gut behandelt wird von seinem Freund, sollte sie deshalb nicht aufhören.

Wie viele enge Freunde hast Du?

KOCH: Eine Handvoll. Es gibt etwa fünf bis sechs Menschen, denen ich alles anvertrauen würde.


Gab es Unterschiede bei der Rolle, die Freunde vor und nach Deinem Unfall gespielt haben?

KOCH: Nein. Es war nur so, dass die Intensität, Wichtigkeit und im wahrsten Sinne des Wortes die Notwendigkeit von Freundschaft mir danach klarer bewusst geworden ist. Weil die Freunde in der Lage waren, die Not zu wenden – auch wenn mir gar nicht freudig zumute war.

Hattest Du nach Deinem Unfall Angst vor den Reaktionen mancher Freunde?

KOCH: Mir war eher unwohl zumute. Bei Bundeswehrkameraden, Schul- oder Turnfreunden galt ich schließlich als der durchtrainierte Sportler – und nun war ich plötzlich das Gegenteil. Bei ihnen war das manchmal ein bisschen komisch, aber bei den Herzensfreunden hat das kein Problem dargestellt.

Hast Du auch Enttäuschungen in Freundschaften erlebt?

KOCH: In einer Freundschaft vielleicht. Da habe ich irgendwann gesagt. „Du musst nicht immer in die Schweiz reisen, um mich zu besuchen. Ich will dich nicht aufhalten.“ Und darauf wurde dann gehört.

Wie bist Du mit angeblichen Freunden umgegangen, die private Details an die Presse verkauft haben?

KOCH: Ich habe sie gemieden. Aber das waren keine wirklichen Freunde, eher Bekannte.

Gab es auch Freunde, die die neue Situation nicht verkraftet haben?

KOCH: Turnkameraden, die ich sonst jeden Tag oder bei Wettkämpfen gesehen habe, habe ich dann nicht mehr getroffen. Auch Trainer, zu denen ich ein freundschaftliches Verhältnis hatte, konnten das Häufchen Elend nicht ansehen und haben das Krankenzimmer verlassen.


Waren es vor allem langjährige Freundschaften, die Dir geholfen haben, die Zeit nach dem Unfall zu überstehen?

KOCH: Nicht nur. Es waren Freunde aus dem Sandkasten darunter, aber auch einige aus dem Schauspielkontext, die ich erst später getroffen hatte.

Wie unterscheiden sich Deine alten Freundschaften von Beziehungen zu Menschen, die ähnliche Schicksale erlitten haben?

KOCH: Nicht grundlegend. Mit den einen kann ich mehr fachsimpeln. Aber für die Beziehung macht das keinen Unterschied.

Wie wichtig ist es Dir, dass Deine Freunde Dich nicht schonen und bemitleiden?

KOCH: Das ist tagesformabhängig. Grundsätzlich sage ich, dass sie mich nicht verschonen sollen. Es wäre ja Quatsch, wenn sie nicht snowboarden, trainieren oder tanzen würden, nur weil ich es nicht kann. Auf der anderen Seite brauche ich es manchmal nicht, dass sie mir ihre neu gedrehten Snowboard-Videos schicken. Dann bitte ich sie schon mal, das nicht zu tun.

Wie wichtig ist Ehrlichkeit für Dich?

KOCH: Extrem wichtig, Lügen haben in einer Freundschaft nichts verloren. Wenn eine brutale Wahrheit aber verletzend sein könnte, dann schweigt man lieber mal ein paar Tage und überlegt sich seine Worte genau.

Du schreibst sehr viel über Chris, mit dem Du schon seit Sandkasten-Zeiten befreundet bist. Was macht ihn zu Deinem besten Freund und die Freundschaft so besonders?

KOCH: Wir kennen uns schon seit dem Kindergarten, waren dort schon unzertrennlich und sind seitdem durch dick und dünn gegangen. Wir wissen um die Stärken, vor allem aber um die Schwächen des anderen. Wir sind uns ähnlich und können über alles reden – egal ob es Beziehungen, Frustration oder ernste Themen sind. Und es ist wichtig, dass man sich auch korrigieren lässt. Von vielen Leuten nehme ich nicht gerne Ratschläge an oder sträube mich dagegen. Aber wenn ein Ratschlag von ihm kommt, hat er für mich einen hohen Wert.

Wie unterscheiden sich familiäre und freundschaftliche Beziehungen?

KOCH: Die familiären kann man sich nicht aussuchen. Bei mir ist auf diese Beziehungen auch Verlass, sie sind bedingungslos. Aber das ist in der idealen Freundschaft auch so. Wenn ich Chris nehme: Ich bin bei ihm und er ist bei mir aufgewachsen. Deswegen verschwimmt da diese Definition zwischen Freund und Familie. Wir nennen uns auch gerne Brüder – und ich würde einige Freunde in den Status des Bruders emporheben. Eine gute Freundschaft ist in der Lage, die Grenze zur Familie zu überschreiten.

Was für ein Freund möchtest Du gerne sein?

KOCH: Ein guter. Einer, der nicht die anderen zulabert oder vollheult. Einer, der gut und ausdauernd zuhören kann, ohne ständig Ratschläge zu geben, die sind manchmal auch nur Schläge. Das weiß ich aus Erfahrung. Und ein Freund, der immer da ist – bei Tag und bei Nacht. Das habe ich aber geschafft, glaube ich. Die meisten Freunde rufen mich nachts an.

Ist Deine Verlobte auch Deine beste Freundin?

KOCH: Nein, sie ist meine Verlobte, meine zukünftige Frau, meine Liebste, mein Mädchen usw. aber nicht meine beste Freundin. Allerhöchstens die BESTE Freundin.

Ist Gott eine Art Freund für Dich?

KOCH: Eine Art Freund vielleicht. Aber obwohl ich Freunde sehr hochhebe, würde ihn das kleinmachen. Für mich gibt es zwischen Gott und den Menschen eine Hierarchie, in die ich mich bewusst und gerne einordnen darf.

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