15.04.2016 03:30 |

Interview: Alles, was die Menschen bewegt

Chefredakteur Joachim Braun im Gespräch mit Geschäftsführer Oliver Rohloff über das, was Zeitung heute und in Zukunft ausmacht.

Im Gespräch über Zeitung, digitale Kanäle, die Interessen der Leser und über die Zukunft des Journalismus: Geschäftsführer Oliver Rohloff und Chefredakteur Joachim Braun.
Im Gespräch über Zeitung, digitale Kanäle, die Interessen der Leser und über die Zukunft des Journalismus: Geschäftsführer Oliver Rohloff und Chefredakteur Joachim Braun. Bild: Salome Roessler

Was lesen Sie denn am Morgen zum Frühstück für eine Zeitung?

OLIVER ROHLOFF: Muss ich jetzt ehrlich antworten?

Natürlich.

ROHLOFF: Ich lese zuerst die FNP, danach aber auch die Frankfurter Rundschau.

Das ist doch in Ordnung. Und was interessiert Sie in der FNP am meisten?

ROHLOFF: Lokales. Ich lese zuerst immer den Frankfurt-Teil. Und dann die Politik.

Und welche lokalen Themen interessieren Sie am meisten?

ROHLOFF: Menschen, alles über Menschen. Was die Menschen hier bewegt, was für Menschen hier in der Region leben. Das interessiert mich sehr. Die meisten anderen Themen, etwa die Nachrichten, habe ich ja schon mal irgendwo gehört oder gelesen.

Das sind dann also genau die exklusiven Inhalte der Lokalzeitung. Und was interessiert Sie im politischen Teil?

ROHLOFF: Da lese ich die Hintergrundtexte und die bewertenden Texte, also die Kommentare, und immer im Hinblick darauf, welche Bedeutung, welche Auswirkungen die Themen auf Frankfurt und die Region haben. Ein Thema, das mich in diesem Zusammenhang gerade umtreibt, sind die Flüchtlinge. Da stelle ich mir immer die Frage: Was bedeutet das jetzt für Frankfurt. Vor Weihnachten gab es zum Beispiel mal eine Diskussion darüber, ob am Osthafen ein Gelände für Flüchtlinge geöffnet werden soll.

Damit sind Sie ein klassischer Lokalzeitungsleser. Jemand, für den Zeitung Gemeinschaft bedeutet. Sind Sie denn nach einem Jahr in Frankfurt schon ein Frankfurter? Fühlen Sie sich hier schon zuhause?

ROHLOFF (überlegt ): Zuhause, nein zuhause fühle ich mich hier noch nicht. Aber Frankfurt ist eine tolle Stadt. Eine Stadt, die sich leider viel kleiner macht, als sie eigentlich ist.

Sie lesen die lokalen Inhalte der FNP ja auch, um Stadt und Menschen kennenzulernen. Können Sie die Artikel denn dann auch schon zuordnen?

ROHLOFF: Ja, durchaus. Zeitunglesen bringt mir ein Gefühl für die Stadt, für die Stadtbezirke, wo was ist. Aber natürlich, nach einem Jahr, kann man noch nicht heimisch sein. Das braucht einfach Zeit.

Ist diese Art der Orientierung Sinn von Lokalzeitung in der heutigen, digitalisierten Zeit?

ROHLOFF: Ja, ich glaube schon. Das ist auch eine der herausragenden Eigenschaften von Lokalzeitung, dieses Heimatgefühl zu vermitteln: Was findet in der Region statt? Was sind die großen Themen? Was bewegt die Menschen? Und so bekommt man das Gefühl, dabei zu sein, beteiligt zu sein. Für mich ist das eine der Hauptqualitäten von Lokalzeitungen.

Seit Jahren sinken langsam, aber unaufhaltbar die Auflagenzahlen. Das berührt ja auch die wirtschaftliche Basis unserer Arbeit. Hat denn Lokalzeitung eine Zukunft?

ROHLOFF: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Aber wir sollten uns nicht an der Zeitung festhalten, sondern an der Marke. Die Frankfurter Neue Presse ist eine starke Marke, aber mittelfristig nicht unbedingt nur als die gedruckte Zeitung, sondern in ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen.

Dann sind Sie auch optimistisch, dass wir künftig mehr als bisher auch junge Leute auf digitalen Kanälen erreichen.

ROHLOFF: Daran glaube ich, ja. Die Marke FNP als journalistisches Medium kennen hier in der Region auch jüngere Menschen. Die Marke ist auch ein Gütesiegel. Aber wir müssen uns sehr stark weiterentwickeln, um neue Zielgruppen anzusprechen. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Meine Kinder – mein Sohn ist 20, meine Tochter 17 – werde ich nicht dazu bekommen, eine gedruckte Zeitung zu abonnieren. Die lesen einfach keine Zeitung. Aber deshalb sind sie trotzdem sehr interessiert, am überregionalen und am lokalen Geschehen. Was um sie herum stattfindet, bewegt auch sie als junge Menschen. Und das muss ja irgendwie aufbereitet werden, auf Kanälen, die Jugendliche nutzen, die digital sind. Gerade erst haben mir meine Kinder einen Artikel gemailt, über eine Party im Nachbarort, bei der es Ärger und einen Polizeieinsatz gab. Das war das Thema, darüber wurde gesprochen. Wer war dabei? Wer war nicht dabei? Auch Schulthemen sind interessant. Das Thema ist immer die Frage nach der Betroffenheit.

Zur Zeit, in dieser Übergangsphase, bekommen die Internetnutzer die meisten dieser Informationen ja kostenlos. Der Knackpunkt wird sein, ob sie jemals dafür bezahlen.

ROHLOFF: Ich denke schon, dass sie das tun werden, dann nämlich, wenn wir es schaffen, quasi als Dienstleistung eine Vorsortierung zu machen, die die Interessen der Leser auch richtig einschätzt. Da geht es um journalistisches Können: Die Themen aufzuspüren, die Themen vorzusortieren und sie aufzubereiten. Für diese Hilfe bei der Orientierung wird auch im Digitalen bezahlt werden. Davon bin ich überzeugt.

Die Funktion von Lokalzeitung ist damit natürlich eine völlig andere als zur Vor-Internet-Zeit. Wir sind nicht mehr die Chronisten, die nur berichten, was geschehen ist, was irgendwo gesagt wurde, die dafür sorgen, dass bestimmte Leute – je nach Wichtigkeit für die Gemeinschaft – öfter und andere weniger oft in der Zeitung erscheinen. Nein, wir sind nun dafür zuständig, die Themen zu finden, die für unsere Leser relevant sind und die sie interessieren sollten.

ROHLOFF: Absolut. Das liegt natürlich daran, dass wir nicht mehr allein dafür zuständig sind, dass die Menschen morgens um 6 Uhr Informationen bekommen und sonst nicht. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es Wettbewerb gibt. Und wir müssen es schaffen, attraktiver zu sein als die Wettbewerber. Dem müssen wir uns stellen und für entsprechende Angebote sorgen.

Für wie wichtig halten Sie soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co.?

ROHLOFF: Für sehr wichtig. Dort spiegelt sich ja wider, was die Menschen in der jeweiligen Region bewegt. Dem kann sich kein Journalist verweigern. Unsere Leistung muss dann sein, diese Themen zu transportieren, einzuordnen, zu bewerten. Diese Netzwerke muss man als Informationsquellen ernst nehmen. Die funktionieren wie eine Nachrichtenagentur.

Muss ein Journalist also in Facebook sein?

ROHLOFF: Ich glaube ja. Nur so bekommt er mit, wie dort auch die Kommunikation stattfindet. Das ist ja eine ganz andere Art des Austauschs, als wir sie von früher kennen. Viel direkter und vor allem gleichberechtigt, in beide Richtungen. Sie können ja auch niemandem erklären, dass er Inhalte fürs iPad produzieren soll, er aber gar kein iPad hat. Das funktioniert nicht.

Sie sind seit einem Jahr einer der beiden Geschäftsführer der Frankfurter Societät. Die ist weit mehr als die FNP. Was fasziniert Sie denn an diesem Unternehmen?

ROHLOFF: Faszinierend finde ich, welche starken Marken – ich komme wieder zu diesem Begriff zurück – wir haben. Die Frankfurter Neue Presse, die Frankfurter Rundschau, Mix am Mittwoch, unser Societäts-Buchverlag, die Corporate-Publishing-Einheit. Wir sind breit ausgerichtet und stellen für die Region alle möglichen Inhalte zur Verfügung und haben sehr, sehr viel Kompetenz. Unser Buchverlag zum Beispiel bringt regionale Themen mit regionalen Autoren, hat starke Produkte. Diese Vielfalt ist großartig. Die Herausforderung ist nun, sie organisatorisch zeitgemäßer aufzustellen und die Marken miteinander zu vernetzen, um eine stärkere Wirkung zu erreichen. Das reizt mich schon, an diesem Prozess mitzuwirken.

Wie machen Sie das?

ROHLOFF: Ich sage es mal an einem Beispiel, was dieses themenbezogene Arbeiten heißt: Wir planen ja für den Frühsommer bei der FNP wieder eine Radserie. Zu überlegen ist dann: Können wir daraus ein Magazin machen oder am Ende gar ein Buch? Wir werden das Thema Fahrrad weiterspielen über eine Messe, die „Velo“. Unser Thema ist also: Wie können wir Themen besetzen und die Kompetenzen, die wir haben, nutzen?

Wir reden hier ja anlässlich des 70. Geburtstags der FNP. Wo sehen Sie denn die Zeitung, wo sehen Sie den Verlag in zehn Jahren?

ROHLOFF: Wir werden uns in zehn Jahren viel stärker als regionales Medienhaus präsentieren, das den Lesern die Informationen auf deren Bedürfnisse zugeschnitten in verschiedenen Kanälen zur Verfügung stellt – gedruckt, als E-Paper, auf der Website, als Newsletter, in sozialen Netzwerken und was da sonst noch kommen wird. Und ein solches Angebot werden wir auch unseren Werbekunden machen können, als Medien- und Kommunikationspartner. Heute liegt der Fokus noch auf unseren Printprodukten, aber das wird sich sehr schnell ändern. Und natürlich werden wir Teil des Wandels sein und den sich auseinander entwickelnden Zielgruppen bei den Lesern eigens zugeschnittene Angebote machen müssen.


INFO: Oliver Rohloff, 48, ist seit März 2015 Geschäftsführer der Frankfurter Societäts-Medien. Joachim Braun, 50, startete im April 2016 als Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse.

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