15.04.2016 03:30 |

Ode an die 70: Auch mit 70 ist noch Rock ’n’ Roll drin

Kulturredakteur Michael Kluger zum 70. Geburtstag der Frankfurter Neuen Presse: "70 ist ein beglückendes Alter. Mit 70 besitzt man Erfahrung und hat schon ein bisschen Verstand."

Diese Herren, alle um die 70, nennen sich „Rolling Stones“ und spielen nach wie vor: Mick Jagger (72), Nesthäkchen Ron Wood (68), Charlie Watts (74) und Keith Richards (72).
Diese Herren, alle um die 70, nennen sich „Rolling Stones“ und spielen nach wie vor: Mick Jagger (72), Nesthäkchen Ron Wood (68), Charlie Watts (74) und Keith Richards (72). Bild: dpa

Früher war alles schlechter. Da wirkten die meisten schon mit 50, als wären sie 70. Es war furchtbar. Überall lagen Häkeldeckchen. Die Leute hatten immer einen Regenschirm dabei. Am Samstag mähten sie Rasen oder wuschen das Auto. Auf der Hutablage nickte ein Plastik-Dackel mit Fell, auf dem Fensterbrett döste der Kaktus, und im Garten stand ein Essigbaum. Der eine sammelte Briefmarken, der andere Münzen. Sonntags gab’s einen Schweinebraten und danach eine Sahnetorte. Alles war ordentlich, behäbig und langweilig.

Heute ist alles besser. Da wirken die meisten mit 70, als wären sie noch nicht 50. Es ist herrlich. Überall liegt Laminat. Die Leute haben immer ein Smartphone dabei. Am Samstag gehen sie joggen oder machen Yoga (unter der Woche natürlich auch). Eine Hutablage gibt’s nicht mehr, auf dem Fensterbrett sind Muscheln und Kunsthandwerk aus Übersee hingebreitet, im Garten steht das Trampolin für die Enkel. Der eine sammelt Baumrindenmalerei aus Mexiko, der andere Wagner-Büsten aus Bayreuth. Sonntags gibt’s Asiatisches aus dem Wok und danach ein Walnuss-Eis. Alles ist dynamisch, fantasievoll und aufregend.

So wie die Zeitung.

70 ist ein beglückendes Alter. Mit 70 besitzt man Erfahrung und hat schon ein bisschen Verstand. Man ahnt bereits manchmal, wie das Leben funktioniert, lässt sich aber trotzdem gern und immer wieder überraschen. Man rennt nicht mehr jeder Mode hinterher, fürchtet jedoch nichts mehr als das Immergleiche. Man prüft kritischer und mit unbestechlichem Blick, weil man weiß, dass man sich schon hin und wieder vom Großsprecherischen oder allzu Gefälligen hat täuschen lassen. Nicht jeder Fettnapf ist eine Einladung, nicht jeder Wichtigtuer eine Autorität. Gelassenheit erfüllt den Geist, eine Art Buddha-Souveränität. Zugleich hat man Nerven für raffiniertere Gerüche und Geschmäcker ausgebildet. Die Seele besitzt jetzt Flimmerhärchen auch für subtilere Reize. Was man einst übersah, dem schenkt man jetzt Aufmerksamkeit, selbst wenn dazu eine Brille nötig ist. Man lässt sich nicht mehr so leicht blenden, verlangt aber gleichwohl nach neuen Einsichten. Man ist schon ein wenig herumgekommen und weiß deshalb die Heimat zu schätzen. Mag ihn auch bisweilen ein kleines Gebrechen plagen, ein Rheumatismus hier, ein lästiger Katarrh dort, der 70-Jährige hat viel zu viel Lebensmut, um sich Pessimismus und Gejammer hinzugeben. Da ist Aufbruch, Neugier, verwegene Abenteuerlust, Vergnügen am Wandel, die Heiterkeit dessen, der der Welt entgegengeht – und noch immer ohne Satisfaction ist.

Der 70er spürt: Das war’s noch nicht, da geht noch was. Noch mal raus aufs Meer, noch mal zum Pol oder auf den Berg. Noch mal eine Welttournee, noch mal nach Kuba, mit den alten Songs und Riffs im Gepäck und ein paar neuen. Selbst wenn das Gesicht so zerknittert ist wie das von Keith Richards, sein Beispiel zeigt: Auch wer mal von der Palme fällt, kann wieder aufstehen.

Die Zahl 70 hat etwas Magisches – und etwas Merkwürdiges. „Eine natürliche Zahl heißt merkwürdig, wenn sie abundant, aber nicht pseudovollkommen ist. Sie lässt sich also nicht als Summe einiger ihrer echten Teiler darstellen, obwohl die Gesamtsumme ihrer echten Teiler die Zahl übersteigt.“ Definiert die Mathematik. Liegt ja auf der Hand. 70 ist die kleinste merkwürdige Zahl. Einfacher gesagt: Auch mit 70 ist noch Rock ’n’ Roll drin. „It’s Only Rock ’N’ Roll (But I Like It)“, wie der angelsächsische Philosoph Mick Jagger bis heute nicht nur zu sagen, sondern zu singen pflegt. Tja, früher war eben alles schlechter. Michael Kluger

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