15.04.2016 03:30 |

Streitgespräch zwischen Journalistengenerationen: Früher war alles besser – oder?

Zugegeben, es sind nicht ganz 70 Jahre, die diese beiden Herren voneinander trennen. Immerhin haben Georg Haupt (65), bis Februar mehr als 24 Jahre lang bei dieser Zeitung Redakteur in verschiedenen Funktionen, und Mirco Overländer (30), bis Ende Mai dieses Jahres noch Auszubildender bei der FNP, ganz verschiedene Sichtweisen auf ihren Beruf, wie das Streitgespräch zwischen Rentner und vielversprechendem Volontär zeigt.

Ein bisschen Spaß muss sein. Generationsübergreifend versichern sich Georg Haupt (links) und Mirco Overländer ihre Liebe zum Journalismus. Im Hintergrund lächeln milde die Chefredakteure der FNP-Ahnengalerie dazu.
Ein bisschen Spaß muss sein. Generationsübergreifend versichern sich Georg Haupt (links) und Mirco Overländer ihre Liebe zum Journalismus. Im Hintergrund lächeln milde die Chefredakteure der FNP-Ahnengalerie dazu. Bild: Salome Roessler

HAUPT: Du tust mir richtig leid, Mirco!

OVERLÄNDER: Warum denn?

HAUPT: Weil wir jetzt hier nur für dieses Foto gemütlich rauchend herumsitzen dürfen und dabei eine Flasche Sekt trinken. Beides ist ja heutzutage geradezu verpönt und gehörte doch früher eher zum Alltag des Journalistenlebens.

OVERLÄNDER: Ist denn dafür mehr herausgekommen als heute?

HAUPT: Immerhin gab es mal den „Internationalen Frühschoppen“ eines gewissen Werner Höfer, eine Sendung, die zum Pflichtprogramm des deutschen Fernsehzuschauers gehörte, und in der von der ersten bis zur letzten Minute geraucht und getrunken wurde. Diese Urform aller politischen Talkshows ist heute Kult.

OVERLÄNDER: Stimmt. Lief bei uns zu Hause Sonntags um 12 auch. Interessierte mich aber noch nicht – war zu klein.

HAUPT: Auch heute ist das Interesse an unserem Beruf noch ungebrochen groß.

OVERLÄNDER: …von Menschen, denen es ziemlich egal ist, wo sie am Ende arbeiten. Und die Zeiten rauchender Journalisten mit einer Flasche Whisky in greifbarer Nähe sind ja wohl überall vorbei, wir sind ja eine hyper-korrekte Gesellschaft geworden. Ist ja wohl auch gar nicht so verkehrt. Der Beruf des Journalisten hat in der Gesellschaft ohnehin den Stellenwert eines Versicherungsvertreters. War das früher anders?

HAUPT: Durchaus. Damals lag das Renommee von Journalisten zwar auch am Ende der beruflichen Anerkennung, aber wir konkurrierten dort wenigstens noch mit den Politikern. Es stimmt, dass einem die Redaktion damals viel mehr Zeit gelassen hat, Geschichten zu recherchieren und zu schreiben. Das war sicher angenehmer als heute. Im übrigen liegt die Glaubwürdigkeit des gedruckten Wortes immer noch an der Spitze aller Medien.

OVERLÄNDER: Das ist die eine Seite, dass alles schnell fertig werden muss. Was ich dabei gut finde, ist, dass durch den Druck der Online-Medien mehr Tempo in den Beruf gekommen ist. Heute muss eine Story am Abend fertig sein, sonst steht sie am anderen Tag bei der Konkurrenz. Das ist anstrengend, aber diese Dynamik ist andererseits sehr reizvoll.

HAUPT: Dynamik war bei uns auch. Ich erinnere mich an eine mir bekannt gewordene Geschichte über Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher, den eine Prostituierte des Betrugs bezichtigte, und schon bald danach glühten die Drähte zwischen Chefredaktion, Geschäftsleitung und Anwaltskanzleien – bis Redaktionsschluß.

OVERLÄNDER: Was wurde denn daraus?

HAUPT: Wir haben darüber berichtet, auf Seite eins. Aber weder der Hessische Rundfunk, der an der Recherche beteiligt war, noch andere Medien haben sich getraut, das Thema anzufassen. Das waren ein paar Nächte, in denen ich schlecht geschlafen habe, doch wir mussten weder widerrufen noch richtigstellen. Auch im wirklich wichtigen Leben haben Journalisten früher viel bewegt. Da gab es in Deutschland die „Spiegel“-Affäre, die dem damaligen Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß den Kopf kostete; oder man denke nur an die Watergate-Enthüllungen in den USA, die Präsident Richard Nixon zum Rücktritt zwangen. Da zeigte sich dann die große Macht, aber auch die Verantwortung der Medien.

OVERLÄNDER: Gelernt ist gelernt. Aber man sollte nicht die „Stinkefinger-Affäre“ um den ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis vergessen, die von Jan Böhmermann aufgedeckt wurde und für die er den Grimme-Preis bekommen hat. Oder auch die Snowden-Enthüllungen, die die internationale Medienlandschaft ein halbes Jahr lang schwer erschütterte, und jetzt eben die Panama Papers. Es gibt heute einfach viel mehr Quellen, an denen sich viel mehr Medien bedienen können. Den Old-School-Journalisten, der sich ein Jahr in eine Geschichte vergräbt und dann strahlend vor die Öffentlichkeit tritt, gibt es wohl nicht mehr.

HAUPT: Klar, nicht nur die Inhalte, sondern auch die Form der Präsentation hat sich verändert. Als ich anfing, hieß es mal: Kein Text länger als 60 Zeilen, sonst ermüdet der Leser. Heute muten die boomenden Wochen- und Sonntagszeitungen ihren Lesern bis zum Zehnfachen zu.

OVERLÄNDER: Und hängen auch noch Hintergründe dran, wenn auch nur per Verweis auf das Internet, was ich jetzt wieder gut finde als zusätzliches Angebot. Wenn man sich nur nicht davon abhängig macht, dass laut Klick-Zahlen der Online-Ausgaben politische Berichterstattungen weit hinter solchen etwa über dem Liebes-Aus von Oliver Pocher rangieren.

HAUPT: Von einer derartigen Hörigkeit halte ich ohnehin nicht viel und viele Kollegen meiner Generation auch nicht.

OVERLÄNDER: Mag ja sein, aber ich denke an die vielen jungen Menschen meiner Generation, die nicht mehr ein paar hundert Euro im Jahr für eine Tageszeitung ausgeben wollen, deren Inhalte sie im Wesentlichen am Tag zuvor bereits online lesen konnten. Ganz ohne ein Schielen nach dem Publikumsgeschmack geht es wohl in der Print-Branche auch nicht mehr. Und da stehen die Zeichen wohl auf Exklusivität, interessanten Hintergrundberichten und lokalen Berichterstattungen, die viele Menschen eben nicht im Internet finden können.

HAUPT: Lass uns zum Schluss mal über Fehler reden: Welches war Dein größter?

OVERLÄNDER: Da fällt mir spontan eine Geschichte über Streitigkeiten innerhalb eines Frankfurter SPD-Ortsvereins ein. Da haben sich Alt- und Neumitglieder wochenlang in ziemlich beleidigendem Tonfall um die künftige Ausrichtung gestritten. Leider hat sich eine Dame im Gespräch mit mir bezüglich eines wichtigen Zeitpunkts geirrt, was mir übel angelastet wurde. Ich hätte das vielleicht noch einmal überprüfen müssen. Und Deiner?

HAUPT: Ich bin in einem Leitartikel mal auf ein angebliches Ereignis hereingefallen, bei dem ein sechsjähriges Zuwandererkind in einem Schwimmbad von Sachsen zu Tode gekommen war – ertränkt von Neonazis. Stimmte alles nicht, war inszeniert. Und mit ein bisschen kritischer Distanz hätte man das auch erkennen können. Außerdem habe ich mal den damaligen hessischen Innenminister Gerhard Bökel in einem Kommentar mit dem Vornamen „Wolfgang“ versehen. Zwei Tage später hatte ich Herrn Bökels Brief auf dem Schreibtisch, der freundlich darauf hinwies, dass er sich leider meiner Bewertung seiner Leistungen nicht anschließen könne, aber er ganz sicher sei, dass er nicht Wolfgang, sondern Gerhard hieße. Ganz souveräner Konter. Hat mir gut gefallen, auch wenn die ganze Angelegenheit für mich mehr als peinlich war.

HAUPT: Danke Mirco, die Flasche ist jetzt auch leer. Na dann viel Glück auf Deinem weiteren Weg. Ich hoffe, ich lese noch viel von Dir.

OVERLÄNDER: Wenn es nach mir geht, gerne.

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