15.04.2016 03:30 |

Klaus Meyer-Gasters war 1946 Zeichner der FNP: Für die FNP im Nürnberger Prozess

In einem winzigen Dorf am südlichen Rand des Vogelsbergs lebt der Maler Klaus Meyer-Gasters (90). Der Künstler war vor 70 Jahren dabei, als die erste Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse unter schwierigen Nachkriegsbedingungen entstand. Im Impressum vom 15. April 1946 standen die fünf Männer der ersten Stunde: Die Redakteure Karl Brinkmann, Richard Kirn, Friedrich K. Müller und Paul Fr. Weber sowie Klaus Meyer-Gasters als Hauszeichner.

Der Maler in seinem Atelier. Am 15. Mai wird er 91 Jahre alt.
Der Maler in seinem Atelier. Am 15. Mai wird er 91 Jahre alt.

Damals war er gerade mal 20 Jahre alt. Heute, mit fast 91, genießt der vielseitige Künstler die Ruhe und Natur des Mittelgebirges und erinnert sich gern an seine drei Jahre (1946 bis 1949) als Pressezeichner der FNP. „Die Zeit war für mich eine gute Berufsgrundlage“, sagt Meyer-Gasters. In den vergangenen fünf Jahrzehnten hat er sich vor allem einen Namen als Maler von wunderbaren Tier- und Pflanzenbildern gemacht, die als Aquarellkalender von Apotheken in Deutschland an ihre Kunden verschenkt werden.

Porträt vom neuen
Rektor der Uni

Als Anfang April 1946 für die FNP ein Hauszeichner gesucht wurde, sah der 20-Jährige seine große Chance gekommen, bewarb sich und wurde eingestellt. Die Redaktion nahm in den ehemaligen Räumen des „General-Anzeigers“ in der Rahmhofstraße 4 die Arbeit auf. Lokalchef Richard Kirn gab seinem zeichnenden Kollegen bereits für die erste Ausgabe einen wichtigen Auftrag: Meyer-Gasters sollte Prof. Walter Hallstein, neu gewählter Rektor der Frankfurter Universität, bei der Amtseinführung porträtieren. Die Zeichnung illustrierte am 15. April 1946 den Aufmacher auf der ersten Seite der neuen Zeitung (siehe Seite 42).

Bekannte Zeichnung: Kolbs Hinterkopf
Bekannte Zeichnung: Kolbs Hinterkopf

Der Schreiber und der Zeichner hatten die gleiche Philosophie: Das, was man ausdrücken will, präzise und klar verständlich auf den Punkt bringen – ohne überflüssiges Beiwerk. Kirn gelang dies meisterhaft in seinen Artikeln und Kolumnen, Meyer-Gasters brauchte nur wenige Striche für aussagekräftige Porträts. Im Frühjahr 1949 ist dem Künstler wohl die optimale Übereinstimmung von eigenem Anspruch und gezeichnetem Ergebnis gelungen: Der markante Hinterkopf des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Kolb (unten). „Er saß bei einer Feier in der Paulskirche drei Reihen vor mir“, erinnert sich Meyer-Gasters. In der Redaktion war Kirn von der Tuschezeichnung fasziniert. Der Lokalchef druckte sie in der FNP ab, verbunden mit der Frage: „Wer ist das?“ Die Reaktion der Leser war überwältigend, alle erkannten den beliebten OB.

Ganz besonders geehrt fühlt sich Klaus Meyer-Gasters noch heute, dass er 1946 von der Redaktion zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher geschickt wurde. In der FNP vom 2. Oktober 1946 wird auf der ersten Seite über die Urteile gegen die Nazis vor dem Internationalen Militärgerichtshof berichtet. Der Artikel wird ergänzt durch eine Porträtzeichnung der amerikanischen Richter Francis Beverley Biddle und John Johnston Parker, ein Zeitdokument vom jungen FNP-Mitarbeiter.

Als Zwölfjähriger kam Klaus Meyer-Gasters mit seiner Familie von Ludwigshafen nach Frankfurt. Früh entdeckte er sein Zeichentalent und porträtierte in der Ziehenschule, wo er 1943 Abitur machte, heimlich die Lehrer. Die Zeichnungen kamen bei seinen Mitschülern so gut an, dass er sie Anfang 1946 als Büchlein mit dem Titel „Skizzen unter der Schulbank“ für 5,80 RM in der Buchhandlung Mühlhausen in der Schillerstraße verkaufte. Dort entdeckte Richard Kirn zufällig die Zeichnungen und war begeistert. Das verriet der exzellente Schreiber dem jungen Künstler, nachdem die beiden wenige Wochen später FNP-Kollegen geworden waren.

Richard Kirn: Ein
begnadeter Künstler

Im Sommer 1979, ein halbes Jahr vor Kirns Tod, malte Meyer-Gasters ein Porträt des Journalisten. Der langjährige Lokalchef bedankte sich überschwänglich für das Geschenk: „Da ist Ihnen etwas ganz Bedeutendes gelungen. Sie haben den ,eigentlichen Kirn’ präsentiert und gesehen, was nur ein begnadeter Künstler sehen und wiedergeben kann.“

Nach den drei Jahren bei der FNP arbeitete der frei schaffende Künstler Klaus Meyer-Gasters nur noch einmal für eine Tageszeitung: In den 1960er Jahren zeichnete er 243 Porträts für die F.A.Z.-Serie „Frankfurter Gesichter“. Sein letztes Werk am 2. September 1967: ein Selbstporträt.

Jürgen Walburg

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