15.04.2016 03:30 |

Interview auf dem roten Sofa über die FNP heute und morgen: Journalismus muss uns Spaß machen

Zwei Chefredakteure im Interview auf dem roten Sofa. Die zentrale Frage: Wie geht es mit der FNP in Zukunft weiter?

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Bild: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA

Die FNP lebt! Mit 70 hat die Frankfurter Neue Presse eine ruhmreiche Zeit hinter sich, nach Überzeugung der Verantwortlichen aber auch eine gute Zukunft. Zum runden Geburtstag nehmen ausnahmsweise zwei Chefredakteure Glückwünsche entgegen: Rainer M. Gefeller (65), der an Ostern die Verantwortung abgegeben hat und bis Ende Juni als Berater mitwirkt, und dessen Nachfolger Joachim Braun (50). NNP-Redaktionsleiter Joachim Heidersdorf sprach mit ihnen über ihr Verständnis von Journalismus, die Position der FNP und notwendige Veränderungen.

Der Altersunterschied beträgt zwar nur gut 15 Jahre, doch zwischen Ihnen liegt eine Medien-Generation. Herr Gefeller, brauchen Sie 70 Zeilen, um die Zukunft dieser Zeitung zu beschreiben? Und Herr Braun: Reichen Ihnen 70 Zeichen?

GEFELLER: Ich brauche keine 70 Zeilen. . . Ich sehe eine gute Entwicklung der FNP vor mir, die ausdrückt, dass ich diese Zeitung auch in zehn Jahren auf dem Schoß oder am Frühstückstisch lesen kann – allerdings die Inhalte in veränderter Form auch auf digitalen Medien mit mir tragen kann. Ich glaube, dass wir die Welt der FNP und das, was die FNP-Journalisten zu sagen haben, in Zukunft auch zu hören bekommen werden.

BRAUN: 70 Zeichen reichen natürlich nicht, denn das ist ja nur ein halber Tweet auf Twitter. Vier Schlagwörter bringen es aber auf den Punkt: Die Welt erklären, neugierig sein, Haltung haben, Geschichten erzählen. Das sind die Attribute, die guter Lokaljournalismus haben muss, um Leser auf allen Kanälen zu erreichen.

Herr Gefeller, mit 66 Jahren fängt für Sie bald das Leben an, da hat man Spaß daran, wie es in einem Schlager heißt. Hört dann der Spaß am Zeitungmachen auf?

GEFELLER: Es gibt Bestandteile dieses Jobs, die ich nicht vermissen werde, und andere, die ich auch als Nicht-Chefredakteur pflegen kann und wegen der man mal hier reingegangen ist. Mein Ding war immer, Geschichten zu erzählen. Ich schreibe gerne und trage das Bewusstsein in mir, dass ich das auch ganz gut kann. Es ist kein schlechtes Gefühl, auch mal Verantwortung loszuwerden.

BRAUN: Wenn Journalismus gut ist, dann ist er eine Lebenshaltung. Das hat nichts mit Alter zu tun. Es geht darum, anderen Menschen zu erzählen, was passiert ist und womöglich passieren wird. Das macht jeder Mensch, wir machen das halt professionell und mit einem wesentlich größeren Auditorium. Diese Reduzierung auf den Kern des Journalismus ist bei vielen Berufskollegen verloren gegangen, weil es anstrengend ist. Ich freue mich auf den freien Mitarbeiter Rainer M. Gefeller.

Herr Braun, Sie haben sehr forsch losgelegt und angekündigt, in diesem traditionsreichen Haus Mauern einzureißen, im Wortsinn zumindest Wände. Warum?

BRAUN: Weil Journalismus eine kommunikative Aufgabe ist. Man kann die Welt nicht erklären, wenn man in Büros sitzt und auf Wände schaut. Das kann man nur, wenn man sich im permanenten Gespräch mit all den anderen Welterklärern hier befindet. Und wenn man Mauern einreißt und miteinander spricht, dann hat man auch miteinander Spaß. Journalismus kann den Lesern nur Spaß machen, wenn er den Journalisten auch Spaß macht.

GEFELLER: Ich sehe in dem, was Joachim Braun vorhat, eine Rückkehr zu dem, was Journalismus mal war. Früher waren Journalisten vor allem Reporter, die Geschichten recherchiert und geschrieben haben. Später wurde mit der Einführung der neuen Technik der All-inclusive-Redakteur erfunden. Alles floss durch denselben Menschen, die Beherrschung des Computers, der Seitenkonfiguration, der Planung. Dabei ist das Geschichtenerzählen in vielen Teilen verkümmert. Wenn wir jetzt wieder zu einer Aufteilung der journalistischen Arbeitsform kommen, habe ich große Hoffnung, dass die Qualität steigen wird.

Was wird sich denn konkret verändern, damit der Leser etwas davon hat?

BRAUN: Wir werden versuchen, einen selbstbestimmteren Journalismus zu machen, der sich stärker an Leserinteressen ausrichtet. Selbstbestimmtheit in dem Sinne, dass wir weniger über Termine berichten als über Themen. Der Standard muss künftig sein: Irgendwo passiert etwas, und wir schreiben, was wichtig ist für den Leser, was ihn betrifft. Wir müssen selbst aktiver werden und den Ursprung von Journalismus, der ja nichts anderes ist als das vervielfältigte Gespräch auf dem Marktplatz, wiederentdecken. Ein Freund und Kollege hat mal gesagt, Journalisten gehen zu wenig in die Kneipe. Da ist was dran. Wir sind einfach zu wenig draußen bei den Leuten. Eine arbeitsteiligere Organisation soll auch dafür Kapazitäten schaffen.

Brauchen wir also mehr Trüffelschweine als Edelfedern?

BRAUN: Das eine schließt das andere nicht aus. Gerade im Lokalen brauchen wir mehr Trüffelschweine. Wir haben in der Regel immer mit den gleichen Autoritäten zu tun und verlieren den „normalen“ Leser leicht mal aus den Augen. Wir müssen deshalb stärker darauf hören, was die Menschen wollen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die aber durch die sozialen Netzwerke leichter geworden ist. Heute wird durch Facebook und Co. intensiv gespiegelt, was und wie wir was tun.

Wenn jeder im Netz alles lesen und sogar selbst schreiben kann, wofür braucht man dann noch eine Zeitung?

BRAUN: Ich glaube nicht, dass man unbedingt eine Zeitung braucht. Ich glaube, dass man unabhängigen Journalismus braucht. Alles Nichtjournalistische, das Sie im Netz finden, ist interessengetrieben – oft, ohne dass es so deklariert wird. Die Zeitungsverlage sind dagegen im besten Sinne unabhängig, unserer – eine gemeinnützige Stiftung – ganz besonders. Ich habe jedenfalls keine Sorge, dass der Journalismus durch die digitale Revolution untergeht. Wir haben einen besonderen Status, weil wir in dieser Demokratie eine so wichtige Rolle spielen. Es gibt in der digitalen Welt keine Instanz, die diese Aufgabe wirklich übernehmen kann.

GEFELLER: Ich hätte schon ein Problem damit, wenn der Journalismus keine Zukunft hätte. Wir sind in diesem Ozean der Zufälligkeiten auch ein Ordnungsfaktor, ein Erklärfaktor, ein unabhängiger Beobachter. Damit stellen wir eine glaubwürdige Bastion dar. Jenseits der digitalen Revolution ist zudem überhaupt nicht ausgemacht, ob künftig nicht immer noch Menschen da sein werden, die lieber eine Zeitung in der Hand halten als ein iPad, ein Mobilphone oder was sonst noch erfunden wird.

BRAUN: Wir sollten endlich mal aufhören, darüber zu diskutieren, ob es die Zeitung künftig noch geben wird. Das ist doch eigentlich völlig wurscht. Entscheidend ist, dass unsere Arbeit wertig ist, dass der Journalismus gut ist – aber nicht wichtig ist das Trägermedium.

GEFELLER: Wir sind uns einig in unserer Einschätzung, dass Journalismus an Bedeutung nicht verlieren wird.

BRAUN: Aber er wird sich extrem verändern müssen. Bei der Zeitung geht es um das Gesamtprodukt, im Internet geht es immer um den Beitrag. Das Vertrauen in die Marke ist im Netz geringer als bei der gedruckten Zeitung. Die jungen Leute, die im Internet sind, kennen keine Zeitung.

Herr Gefeller spricht von der glaubwürdigen Bastion, Herr Braun hebt das Vertrauen in die Zeitung hervor. Was sagen Sie zum Vorwurf Lügenpresse?

GEFELLER: Die Glaubwürdigkeit der Zeitung ist im Medienvergleich immer noch hoch. Es stört mich immens, dass Leute einem so aggressiv entgegentreten. Man muss aber unterscheiden zwischen denen, die brüllen, und sachlichen Kritikern. Ich spüre aber auch bei Menschen, die uns nahestehen, eine Erosion an Vertrauen in alle Institutionen, die für die Gesellschaft stehen. Das beschäftigt mich sehr, weil dies an unseren Grundfesten sägt.

Sind wir an dieser Entwicklung schuldlos?

GEFELLER: Wir müssen kritisch hinterfragen: Wo haben wir Fehler gemacht? Nur ein Beispiel: Es ist heute üblich, dass Interviews autorisiert und dabei im Nachhinein oft erheblich verändert werden. Das Ergebnis wird dadurch langweilig.

BRAUN: Das hat mit dem Missbrauch des Autorisierens zu tun. Ich verzichte in solchen Fällen lieber auf das Interview.

GEFELLER: Ein zweites Beispiel: Bei Straftaten von Kinderbanden mit Migrationshintergrund schreiben wir manchmal nicht, um wen es geht; entweder weil es die Polizei verschweigt oder weil wir uns das nicht trauen, um keinen Rassenhass zu erzeugen. Das ist falsch. Wir müssen schreiben, was wahr ist.

Wie will der neue Chefredakteur Vertrauen zurückgewinnen?

BRAUN: Wir können ja nichts anderes tun als schreiben, was ist. Ich zitiere da gerne Franz-Josef Strauß: Wir müssen dem Volk aufs Maul schauen, ohne ihm nach dem Mund zu reden. Das ist ein guter Leitsatz für Journalisten; daran hat es vielfach gefehlt. Das Internet macht diese Schwächen transparent. Hier lauert aber eine andere Gefahr, die in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt wird: Im Netz lesen die Menschen oft nur das, was sie selber glauben – und nehmen uns dann die geprüfte Information nicht mehr als wahr ab. Diese Leute kann man nicht bekehren.

Was halten Sie von anonymen Leserkommentaren im Internet?

BRAUN: Ich bin dafür, dass jeder alles sagen und schreiben darf, allerdings nicht anonym. Wir müssen die Kommentare auf der Homepage und in sozialen Netzwerken moderieren und den Leuten die Grenzen aufzeigen. Wir sind die Gastgeber, müssen uns also nicht alles gefallen lassen.

Was müssen wir besser machen?

GEFELLER: Ich war auf meinen vielen Stationen in Deutschland auch lange auf dem Boulevard unterwegs. Dort habe ich gelernt, welche Bedeutung Gefühle haben. Wir sollten nicht nur kopfgesteuert handeln, sondern auch auf den Bauch hören – auch in einem Blatt, das sich an intelligente Menschen wendet.

BRAUN: Gefühle sind ein gutes Stichwort. Das größte Problem vieler Lokalzeitungen ist, dass sie belanglos sind und ihre Leser nicht emotional berühren. Mir ist der Leser, der sich über meinen Kommentar tierisch aufregt, genauso lieb wie der Leser, der meinen großartigen Leitartikel lobt. Das Schlimmste sind Leser, die einen Text gleich wieder vergessen, weil sie emotional nicht angesprochen werden. Weil es eben auch viele Journalisten gibt, die keinen Spaß haben an dem, was sie machen.

Wie sind Sie zur Zeitung gekommen?

BRAUN: Das war 1982. Ich bin mit dem Entwurf eines Artikels über einen Graffiti-Sprayer zur Lokalzeitung gegangen, weil ich ein Praktikum haben und meiner damaligen Freundin imponieren wollte. Die haben das dann als Kommentar veröffentlicht. Als ich das Praktikum hinter mir hatte, wusste ich, dass das mein Ding ist.

Was hat Sie so fasziniert?

Als Oberbayer mit Migrationshintergrund musste ich schon als Jugendlicher eine gewisse Renitenz und Widerstandsfähigkeit entwickeln. Das konnte ich in diesem Beruf immer wunderbar ausleben. Außerdem habe ich einen starken Drang nach Gerechtigkeit. Der Job macht einfach Spaß. Und Journalisten sind nun mal prinzipiell eitel und freuen sich über Anerkennung, die sie bekommen – selbst wenn es wütende Briefe sind.

GEFELLER: Wir haben einen der großartigsten Jobs dieser Welt. Wir können auf die Welt schauen und sehen das, was wir tun, am nächsten Tag.

BRAUN: Wir haben Wirkung und extrem viele Freiheiten als Journalisten, nutzen sie jedoch viel zu selten.

Inwiefern?

BRAUN: Indem wir oft mit zu wenig Fantasie an Themen herangehen. Und: Viele Kollegen nutzen das Internet privat, setzen ihr Wissen aber nicht im Beruf um.

Bad Tölz, Bayreuth, Frankfurt – ein schöner Aufstieg. Können Sie auch Großstadt?

BRAUN: Das wird sich herausstellen. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte; wo immer sie sich abspielt.

Sie haben in beschaulichen, schönen und hübschen Städten gearbeitet . . .

BRAUN: Frankfurt ist schön, aber nicht hübsch. Hier ist alles größer und anonymer als in Bayreuth oder Bad Tölz.

Wie haben Sie sich persönlich in Frankfurt zurechtgefunden?

BRAUN: Dank des iPhones – wunderbar. Diese Stadt muss man zu Fuß und/oder mit der Straßenbahn entdecken. Ich bin noch nie so viel marschiert wie in den letzten zehn Wochen.

Ihr Eindruck?

BRAUN: Frankfurt ist total unterschätzt. Was mir am meisten auffällt: Das Selbstverständnis einer multikulturellen Gesellschaft wird hier großartig gelebt.

GEFELLER: Das ist eine Stärke dieser Stadt. Es gibt keine dynamischere als Frankfurt. Hier sind die Besten aller Nationen versammelt.

Was stört Sie am meisten?

BRAUN: Die Mietpreise.

Sehen Sie die FNP als Großstadt-, Regional- oder Heimatzeitung?

BRAUN: Als Heimatzeitung in der Großstadt. Es ist egal, wo Journalismus stattfindet, Hauptsache, er ist interessant.

Welche Bedeutung haben die Kopfblätter?

BRAUN: Eine sehr hohe. In den Landkreisen ist die Bedeutung unserer Zeitung wesentlich größer als in Frankfurt. Und damit auch die Verantwortung, eine gute Lokalzeitung zu machen. Die Außenredaktionen tragen diese Zeitung.

GEFELLER: Wir sind die publizistische Macht dieser Region. Wir sind die Stimme und das Sprachrohr dieser Region.

BRAUN: In Frankfurt hat die FNP eine Wirkung bei den Eliten, aber keine so herausragende Breitenwirkung. In Limburg, Bad Homburg und Hofheim erreichen wir die meisten Menschen, die dort leben.

Wie wollen Sie die Leser einbeziehen?

Das, was in der Zeitung steht, schreiben Journalisten. Und die müssen mehr raus zu den Lesern, um dem Slogan des Hauses gerecht zu werden: „Näher dran“.

Was werden Sie in der FNP am meisten vermissen, Herr Gefeller?

GEFELLER: Im Moment überwiegt die Freude, mich nach fast 30 Jahren in Chefredaktionen mal auf andere Sachen stürzen zu können, ohne auf den Kalender zu schauen. Irgendwann kommt vielleicht der Phantomschmerz . . .

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger?

GEFELLER: Dass er seinen Offensivgeist, seine Energie und seine Konzentration auf den Journalismus immer wachhalten möge. Und dass er beim Beschreiten des Weges ein Tempo einschlägt, das es den Mitwirkenden erlaubt, Schritt zu halten.

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