15.04.2016 03:30 |

Wie die FNP zur Hilfsorganisation wurde: Leberecht hilft Kindern in Not

Ein Junge guckt uns an. Verängstigt, trotzig, unglücklich. Der Junge ist barfuß. Die linke Hand hat er zur Faust geballt; er presst sie gegen das Kinn. Das verwaschene Schwarzweiß-Foto aus dem Jahr 1949 berührt uns noch heute, fast 70 Jahre später – damals, im Nachkriegs-Winter, hat das Schicksal dieses verwahrlosten, allein gelassenen Kindes eine unvergleichliche Hilfsaktion ausgelöst.

1949: Ein „Bunkerkind“ rührt die Frankfurter
1949: Ein „Bunkerkind“ rührt die Frankfurter

Der Junge, dessen Namen wir nicht kennen, war ein Frankfurter Bunkerkind. Wie viele andere Gleichaltrige lebte er in den Trümmern dieser ausgebombten Stadt. Ohne Eltern, ohne Familie blieb vielen hundert Kindern nur die Kraterlandschaft der ehemaligen Altstadt als Zuflucht, ein Tiefpunkt des Elends in der von Elend heimgesuchten Bevölkerung.

Am 3. Dezember 1949 veröffentlichte die Frankfurter Neue Presse das Foto des Jungen und rief die Leser zur Hilfe auf. Die Antwort war überwältigend. Im Verlagshaus stapelte sich, was die Frankfurter vorbeibrachten: „Bücher und Kaufläden, Blechautos und Puppenstuben, Holzpferdchen und Süßigkeiten, Kinderstrümpfe und Puppenmützchen ... Der Verlag gleicht zunehmend einem Versandhaus“, notierte ein Reporter. Am 22. Dezember war Bescherung für 400 Kinder. Es war die eigentliche Geburtsstunde der großen Hilfsinitiative Leberecht.

„Guckt, wie viel Elend es
in der Welt gibt“

Und wer hat’s erfunden? Madlen Lorei, die nach außen gern hartleibige Gerichtsreporterin der Nachkriegs-FNP, war eine unermüdliche Kämpferin gegen die heimische Armut. „Geht enaus unn guckt, wie viel Elend es in der Welt gibt“, sagte sie gern und schrieb serienweise Artikel über hilfsbedürftige Kinder. Vor allem aber Richard Kirn, von 1946 an Lokalchef, Feuilletonist und Sportberichterstatter in einer Person, war die treibende Kraft dabei, den Einfluss seiner Zeitung für die Schwächsten zu nutzen. Kirn, ein überragender Journalist, erfand die „Leberecht“-Glosse, die insgesamt 15 000-mal erschien und Alltäglichkeiten aus dem Frankfurter Stadtleben abhandelte. Die Glosse gab der großen Hilfsinitiative, der Stiftung Leberecht, ihren Namen.

Zu Beginn war Leberecht lediglich eine Weihnachtsaktion. In seinem 13. Spendenaufruf, am 23. November 1963, schrieb Kirn: „Die Krankheit hört nie auf, und es hört auch die Armut nicht auf. Die Autos vor den vielen Türen und die Fernsehantennen auf den Dächern können täuschen. Jede längere Krankheit kann einen Familienetat erschüttern, zumal wenn teure Medikamente, Kuren, Krankenhausaufenthalte erforderlich sind. Warum erregt das kranke Kind unser besonderes Mitleid? Weil es so wehrlos ist. Seine Augen wandern zum Himmel, zu den grauen Wolken oder dem Flockenwirbel. Es hört, wie die Kinder spielen. Vielleicht ziehen sie mit ihren Schlitten vorbei, oder man hört ihre Schlittschuhe klirren: sie sind auf dem Weg zur Eisbahn. Das Kind liegt und grübelt. Vielleicht hat es Fieber, quälende Schmerzen, es hört vielleicht das Wort ’Operation’ – und es ängstigt sich. Es sind diese Kinder, denen Leberecht eine Weihnachtsfreude machen will...“

Die Sätze sind so wahr wie vor über 50 Jahren (wenn man davon absieht, dass inzwischen der Klimawandel echte Winter nur noch als Ausnahme gestattet). Das Bekenntnis des Richard Kirn prägt das Selbstverständnis der Leberecht-Stiftung bis heute. Es ist die älteste Stiftung, die von einer Redaktion gegründet wurde. Leberecht hilft behinderten und benachteiligten Kindern in der Region. Die Hilfe ist selbstlos: Jeder Euro an Spendengeld kommt direkt bedürftigen Kindern zugute; sämtliche Verwaltungs- und sonstigen Kosten werden von Redaktion und Verlag getragen.

Richard Kirn hat noch erlebt, wie sein Leberecht immer größer und bedeutsamer wurde. 1961 wurde enthüllt, dass das Beruhigungsmittel Contergan zu Missbildungen bei Neugeborenen führte, eine Tragödie für Tausende Opfer und deren Familien. Leberecht half schnell und unbürokratisch.

Dabei fand die Stiftung für Jahrzehnte auch ihren Schwerpunkt. Spastisch gelähmte oder auf andere Weise behinderte Kinder und Jugendliche und deren Familien waren vielfach auf sich selbst angewiesen. Leberecht half und wurde für viele Familien, Betreuungseinrichtungen und Schulen ein verlässlicher Partner in der gesamten Region zwischen Neu-Isenburg und Limburg, Hofheim, Bad Homburg und Frankfurt. Leberecht finanziert Therapien, Spezialfahrzeuge und Lernmittel, beteiligt sich an der Einrichtung von behindertengerechten Wohnungen und Betreuungshäusern. Seit einigen Jahren kümmert sich Leberecht zudem verstärkt um verarmte Kinder, die ohne Betreuung, ohne Verpflegung, ohne familiären Rückhalt wenig Chancen haben, ihr Schicksal zu meistern.

Viele tausend Menschen haben Leberecht ihr Vertrauen geschenkt und den Stiftungszweck mit ihrem Geld finanziert – anonyme Spender genauso wie Prominente, Unternehmen genauso wie Vereine. So ist Leberecht mehr geworden als die große Hilfsaktion der FNP; sie ist das gemeinsame Projekt der gesamten Region.

„Wissen Sie“, sagt Jutta W. Thomasius, die nach Kirn seit Jahrzehnten das Gesicht von Leberecht ist, „das Helfen ist ja eigentlich eine andere Form des Egoismus. Denn es macht eine so grenzenlose Freude, die man auf keinem anderen Weg bekommen kann.“ Rainer M. Gefeller

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