15.04.2016 03:30 |

Liebling Frankfurt

Es gibt Augenblicke, die man nur in Frankfurt erleben kann. Momente, in denen sich urplötzlich eine überraschende Perspektive auftut auf die Stadt und in denen plötzlich ganz klar vor Augen tritt. Die Stadt Frankfurt muss man einfach lieben. Warum? Christoph Schröder klärt uns auf.

Zu den drei Steubern – legendäre Apfelweinkneipe in Sachsenhausen
Zu den drei Steubern – legendäre Apfelweinkneipe in Sachsenhausen Bild: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA

Es gibt Augenblicke, die man nur in Frankfurt erleben kann. Momente, in denen sich urplötzlich eine überraschende Perspektive auftut auf die Stadt und in denen plötzlich ganz klar vor Augen tritt, was Frankfurt ist: Eine Großstadt auf kleinem Raum. Eine Metropole und ein Dorf zugleich. Vom Goetheturm aus zum Beispiel, knapp 45 Meter hoch und bis 1999 der höchste öffentlich zugängliche Holzbau Deutschlands (danach hat Magdeburg uns den Titel weggeschnappt; das ist in Ordnung, die haben sonst nicht so viel). Vom Goetheturm aus im Sachsenhäuser Stadtwald also hat man es vor sich, das gesamte Gepräge der Stadt. Viel Grün im Vordergrund, dann die Skyline, hübsch geordnet von West nach Ost, von der charismatischen Bleistiftspitze des Messeturms bis hin zum neuen östlichen Abschluss, der Europäischen Zentralbank. Und dahinter die Taunus-Hügel, die den Horizont strukturieren. Dicht gedrängt sieht das alles aus, zum Greifen nah. Und im Grunde ist es das ja auch. Vom Seckbacher Lohrberg aus, also genau von der anderen Seite, hat man einen ähnlichen Blick, nur wirkt die Stadtsilhouette irgendwie merkwürdig verschoben, geradezu entrückt.

Wolfgang Wagner in Aktion Foto: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA
Wolfgang Wagner in Aktion

Frankfurt ist keine große Stadt. Die Faustregel, nach der man mit öffentlichen Verkehrsmitteln (wenn sie denn planmäßig verkehren) innerhalb von 30 Minuten an jedem beliebigen Punkt der Stadt sein kann, hat nach wie vor Gültigkeit. Frankfurt ist noch nicht einmal eine Millionenstadt. Was waren wir stolz, dass wir vor nicht allzu langer Zeit endlich die Grenze zu den 700 000 überschritten hatten. Frankfurt ist nicht groß, aber Frankfurt ist wichtig. Das dürfte ein Grund sein, warum die Stadt einen schlechten Ruf hat. Jedenfalls innerhalb Deutschlands. Wie oft lernt man Menschen kennen, die es aus beruflichen Gründen nach Frankfurt verschlagen hat. Aus Stuttgart, Hamburg oder gar, man traut sich kaum, das Wort auszusprechen: Berlin. Die dafür von ihrem Umfeld bedauert wurden. Kalt soll sie sein, diese Stadt mit den vielen Hochhäusern, unfreundlich und unattraktiv. Das Kapital regiere hier, und sonst gar nichts. Von wegen. Nach einem halben Jahr bemerkt der Zugezogene dann, dass es sich hier nicht nur wohnen, sondern auch leben lässt, und zwar ganz ausgezeichnet. Dass Frankfurt einen Charme hat und eine Qualität, die sich möglicherweise nicht gleich auf den ersten Blick offenbart. Einen Reiz, dessen Wirkung man sich erarbeiten muss. Wir sind eben nicht in München mit seinem dauerblauen Himmel und der Alpenkulisse im Hintergrund und den Biergärten. Auch die Münchener Mietpreise haben wir noch nicht ganz erreicht, aber wir arbeiten daran.

Tagsüber eine
Millionenstadt

Und das mit der Millionenstadt stimmt auch nicht so ganz: Tagsüber ist Frankfurt sehr wohl eine Millionenstadt. Hier herrschte Transit, schon immer, historisch bedingt. Messestadt, Flughafen, Umschlagplatz. Am Tag halten sich hier mehr als eine Million Menschen auf. Bloß gehen die am Abend auch wieder. Und böse Zungen behaupten, das sei auch gut so, dass all die Banker und Unternehmensberater und all die anderen Anzugträger, von denen man nie ganz genau weiß, was sie beruflich so machen, außer dass es mit Geld zu tun hat, am Abend in den Tiefgaragen des Bankenviertels in ihre Autos steigen und wieder hinaus in den Speckgürtel fahren, nach Kronberg, Königstein oder Buchschlag. Man darf nur nie vergessen, dass Frankfurt ohne diese Menschen auch wiederum nicht die Stadt wäre, die es heute ist. Es gehört alles zusammen. Frankfurt ist ein Mosaik. Und natürlich nach wie vor die deutsche Hauptstadt der Kriminalität. Auch das werden wir nicht mehr los. Kunststück: Wenn jedes Zoll- und Passvergehen am Flughafen in die Kriminalitätsstatistik hineingerechnet wird, lässt sich das ganz einfach erklären. Wenigstens haben wir einen funktionierenden Flughafen. Kann auch nicht jeder von sich behaupten.

Der Ruf der Stadt ist übrigens nur innerhalb Deutschlands schlecht. Der Personalchef der Europäischen Zentralbank weiß von internationalen Mitarbeitern zu berichten, die anfangs ein wenig zögerlich geplant hatten, zunächst nur die Woche über in der Stadt zu bleiben und am Wochenende zurück zu ihren Familien zu fliegen, nach Rom, Madrid oder London. Und die kurz darauf ihren Entschluss änderten und die Familien nachholten: So sicher sei die Stadt, so grün und übersichtlich. So effizient. Das ist mit Sicherheit im Vergleich zu einer Stadt wie Rom eine treffende Feststellung, aber noch nicht unbedingt ein Kompliment. Aber Frankfurt hat ja weitaus mehr als ein effizientes Verkehrssystem. Wobei der Frankfurter an sich die Effizienz seines Verkehrssystems geradezu naturgemäß bestreiten würde. Und da sind wir beim Knackpunkt: der Frankfurter. Der Frankfurter ist ein kompliziertes Wesen. Rau, aber noch nicht einmal auf den ersten Blick herzlich. Aber mit Sicherheit auf den zweiten oder dritten.

Das Magazin „Travel and Leisure“ hat Frankfurt kürzlich unter den unfreundlichsten Städten der Welt auf Platz 14 gesetzt. Ein Rang in der oberen Tabellenhälfte. Das sollte der Eintracht mal passieren. Aber dazu gleich mehr. Der Frankfurter jedenfalls ist eine höchst kuriose Mischung. Er ist kommunikativ. Er will, nein, er muss reden. Zugleich ist er aber auch misstrauisch. Sein Motto ist doppeldeutig: „Da kann ja jeder kommen.“ Kann auch. In Frankfurt leben mehr als 170 Nationen im Großen und Ganzen friedlich zusammen. Man ist es gewohnt, dass Transit stattfindet. Die Leute kommen, die Leute gehen. In Frankfurt wird das und der Fremde ohne großes Gewese akzeptiert. Es braucht nicht die große Willkommenskultur, nicht die demonstrative Umarmung. Leben und leben lassen. Man kann es auch Toleranz nennen. Frankfurt ist nur schwer zu erklären ohne das Frankfurter Nationalgetränk, den Apfelwein. Wenn man nicht sofort die unfreundlichste Seite an einem Frankfurter hervorkitzeln will, dann nennt man den Apfelwein entweder genau so oder Äpfelwein, Ebbelwei oder Äppelwoi. Nie dagegen nennt man ihn bitte Äppler. Ein Äppler ist ein geiler, alter Sack, der den jungen Mädchen ungefragt an die Äppel greift, wie Wolfgang Wagner , der legendäre Wirt der nicht minder legendären Wirtschaft „Zu den drei Steubern“ einmal erklärte. Aber das nur nebenbei.

Apfelweinkneipen
als Gradmesser

Das Wesen des Frankfurters in all seiner als Unfreundlichkeit getarnten Offenheit lernt man also am besten in einer Apfelweinwirtschaft kennen. Die Kellner der Apfelweinwirtschaften sind selbst wiederum lebende Symbole der Frankfurter Schizophrenie: hart, aber gerecht. Treu, aber unerbittlich. In Apfelweinwirtschaften wird nicht gelesen. Und auch im Regelfall nicht gewürfelt. Dies ist ein Ort der Kommunikation. Hier wird geschwätzt. Für Fremde ist das oft eine zunächst verwirrende, dann beglückende Erfahrung: Der Frankfurter lässt sein Gegenüber erstmal kommen. So etwa nach dem dritten oder vierten Schoppen macht er dann mit. Das muss nicht unbedingt ein herzliches Gespräch werden, aber interessant wird es in jedem Fall.

Zurzeit schwätzt man natürlich über die Eintracht. Das ist gerade nicht so schön, aber auch dieser Verein passt zur Stadt. Unerklärlich in seinen Schwankungen. Rätselhaft im Erfolg wie in der Erfolglosigkeit. Dass dem Eintracht-Präsidenten in den 80er-Jahren bei einer wilden Party die Spielerverträge aus dem Safe geklaut wurden, war ebenso wenig überraschend wie die Entlassung eines Cheftrainers nach einer durchaus beachtlichen Saison. In Frankfurt denkt man in anderen Maßstäben. Auch wenn die Entscheidungsträger diese Maßstäbe nicht immer genau kennen. A propos Entscheidungsträger: Als Petra Roth, die gefühlte Übermutter der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte, ihren Amtssessel räumte und mit dem neuen Oberbürgermeister ein Mann das Regiment übernahm, dessen Charisma, um es vorsichtig zu sagen, ausbaufähig schien, dachten viele, dass die Stadt nun ein wenig aus der Bahn geraten könne. Von wegen. Läuft alles weiter wie vorher.

Uns wirft offenbar so leicht nichts aus der Bahn. Eine Beobachtung, die sich an vielen Stellen machen lässt: Als der Suhrkamp Verlag im Jahr 2010 dem Ruf der Subventionen nach Berlin folgte, ging eine kulturelle Ära zu Ende. Nicht wenige Menschen standen mit Tränen in den Augen vor dem riesigen Schutthaufen im Westend, der noch kurz zuvor das Verlagshaus gewesen war. Und sicher, Suhrkamp hat eine bestimmte Atmosphäre in die Stadt gebracht, eine Atmosphäre, die beflügelt war vom aufklärerischen Geist der 60er-Jahre. Frankfurter Schule & Co. Aber das Frankfurter Kulturleben hat den Umzug verkraftet. Der S. Fischer Verlag, beheimatet in Sachsenhausen, ist möglicherweise der wichtigste deutschsprachige Verlag. Verleger Klaus Schöffling hat nicht nur das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ auf die Beine gestellt, sondern kürzlich beim Preis der Leipziger Buchmesse auch noch zwei der drei Preise abgeräumt. Das Frankfurter Literaturhaus ist eines der größten und programmatisch stärksten seiner Art in Deutschland. Die Museumsszene ist intakt (und auch für diesen Herrn Hollein werden wir schon einen Nachfolger finden). Die Buchmesse konnte uns bislang auch noch niemand wegnehmen. Einen Versuch gab es mal vor Jahren. Aber nicht mit uns.

Frankfurt definiert sich über seine Stadtteile. Der Bornheimer ist ein anderer als der Sachsenhäuser. Der Bornheimer hat mit dem FSV sogar seinen eigenen Zweitligaverein. Und erstaunlicherweise gibt es auch in jedem Frankfurter Stadtteil etwas zu entdecken: Die Ernst-May-Bauten im Riederwald, der sich etwas schüchtern versteckt. Die Wiesen und Pferdekoppeln hinter Berkersheim, wo die Landschaft ganz allmählich in die Hügel der Wetterau übergeht. Im Gallus, wo das chaotische Nebeneinander von Einnahmequellen und Lebensstilen ein nicht selten explosives, aber auch spannendes Gemisch ergibt. Vom Bahnhofsviertel, das permanent in Bewegung ist, gar nicht zu reden. Frankfurt ist eine kleine Großstadt, die sich aus vielen Dörfern zusammensetzt. Jederzeit kann man angefallen werden von so einem Frankfurter Augenblick. Und dann versteigt man sich zu der so verwegenen wie wahren Behauptung: Frankfurt ist eine schöne Stadt. Man muss ihr nur die Chance geben, das zu zeigen.

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