15.04.2016 03:30 |

Ernst Gerhardt ist 70 Jahre Abonnent: Lust am Leben und Lesen

Ernst Gerhardt ist treuer Leser der Frankfurter Neuen Presse. Der ehemalige Stadtkämmerer und Frankfurter CDU-Ehrenvorsitzende liest die Zeitung seit 70 Jahren.

Er behält immer die Ruhe, auch wenn es mal nicht so läuft: Ernst Gerhardt 1981 beim Fassanstich.
Er behält immer die Ruhe, auch wenn es mal nicht so läuft: Ernst Gerhardt 1981 beim Fassanstich.

Kein Chefredakteur kennt die FNP so gut wie der ehemalige Stadtkämmerer und Frankfurter CDU-Ehrenvorsitzende Ernst Gerhardt. Das hat einen einfachen Grund: Keiner liest sie so lange. Der 94-jährige Gerhardt ist Abonnent der ersten Stunde. Seit 15. April 1946 bezieht er die Zeitung. Wegen seiner politischen Ämter war und ist er oft Gegenstand der Berichterstattung. Noch immer ist er als Berater tätig. Er nimmt an Vorstandssitzungen seiner Partei teil und ist in der Stadtgesellschaft aufs Beste vernetzt.

In seinem Zwei-Zimmer-Büro in der Innenstadt herrscht kreatives Durcheinander. Was Gerhardt damit entschuldigt, dass er während seiner Lehre als Industriekaufmann niemals in der Registratur gearbeitet habe. Auf den Schreibtischen liegen Papiere und Bücher. In einem Regal bewahrt er wie große Jahrbücher alle seine Terminkalender seit 1971 auf. In der Ecke steht seine Sporttasche mit den Trainingsutensilien. Denn der 94-Jährige geht regelmäßig ins Fitness-Studio, um zu trainieren. An den Wänden hängen Urkunden und Auszeichnungen, eine Collage mit alten Fotos, darauf Ernst Gerhardt mit der jungen Petra Roth, deren großer Förderer Gerhardt einst war.

Gerhardt ist der Sohn eines Schneiders und legt Wert auf seine Kleidung. Er trägt einen hellbauen Anzug mit Weste, passender Krawatte und Einstecktuch. Verlässt er das Haus, gehören in der kühlen Jahreszeit Mantel, Schal und Hut zu seinem Outfit. Gerhardt achtet auf Stil. So kennen ihn die Frankfurter. Bei den Empfängen im Römer ist er ein gerngesehener Gast. Es ist fast wie in seiner Amtszeit: Nicht selten gehört er zu den letzten, die das Rathaus verlassen, was ihm den heimlichen Ruf eines „Feierbiestes“ eingetragen hat.

Als der 23-jährige Gerhardt nach dem Krieg aus englischer Gefangenschaft in seine Heimatstadt zurückkehrte, hatte er große Erwartungen an die nun freie Presse. Als die Rundschau als erste Zeitung in Frankfurt erschien, bemühte er sich gleich um ein Abonnement. Zufrieden war er nicht. „Das Blatt war einseitig, linkssozialistisch, ja sogar kommunistisch geprägt“, erinnert er sich. Die Zeitung sei ein Ärgernis für viele Frankfurter gewesen.

<span></span> Foto: Christian Christes (CHRISTES)

Auf den Druck der Bevölkerung hin hätten die Amerikaner dann die FNP als zweite Zeitung lizensiert – und Gerhard wurde sofort Leser. Dass die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg Verantwortung übernahmen und sich nicht wie nach dem Ersten „davonschlichen“, hält Gerhardt „für einen Segen für die Gestaltung Nachkriegseuropas“. Auch die Weltpolitik erlebte der Alt-Kämmerer in der FNP: Den Sputnik-Schock der Amerikaner, die Mondlandung und den Zerfall des Eisernen Vorhangs.

Die Zeitungsträger mussten Gerhardt die Neue Presse nur an drei Adressen liefern. Seit 1957 landet sie bei ihm im Briefkasten seines Hauses in der Licher Straße. Die Berichte in den Hunderten von Artikeln bezeugen Gerhardts kluges politisches Handeln und dass er stets über den Tellerrand hinausblickt. 29 Jahre und zwei Monate, so lange wie keiner, war Gerhardt hauptamtlicher Stadtrat, erst Sozial- und Gesundheitsdezernent, dann Kämmerer. In seinem politischen Leben hat er alle Kanzler der Bundesrepublik persönlich kennengelernt, selbstverständlich auch die amtierende Kanzlerin, von der er eine hohe Meinung hat. Dagegen ist er auf den bayerischen Ministerpräsidenten sauer, weil dieser der Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik in den Rücken falle.

Ernst Gerhardt im Mittelpunkt einer Feier im legendären „Dorian Gray“. Links Michel Friedman.
Ernst Gerhardt im Mittelpunkt einer Feier im legendären „Dorian Gray“. Links Michel Friedman.

In seiner Amtszeit und darüberhinaus hat der CDU-Politiker zahlreiche Schlagzeilen produziert. „Die FNP hatte immer eine objektive Haltung zu mir, war aber auch sehr kritisch – was ich einer Zeitung nicht verübeln kann“, sagt er. Nachtragend ist Gerhardt ohnedies nicht. „Der Ärger sitzt bei mit nicht tief, weil ich weiß, dass die Zeitung in 24 Stunden Vergangenheit ist. Und weil man auch nichts ändern, kann, wenn man sich ärgert.“ Die Zeitung liest er morgens beim Kaffee. Kritik an den Artikeln? „Das nutzt doch sowieso nichts“, winkt er ab. Zudem hält er es mit Adenauer: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.“ An der FNP schätzt er die Bodenhaftung. Zudem habe sich das Blatt stets wandlungsfähig gezeigt, um 70 Jahre am Markt bestehen zu können. „Ich glaube, die Zukunft ist abgesichert“, sagt er über die FNP. In diesem Jahr stehen im Hause Gerhardt große Familienfeiern an: Sohn Martin wird 70 Jahre alt, Tochter Hiltrud 60, Gerhardts Frau Anni 95. Gerhardt wird weiterhin die FNP lesen und darin natürlich weiterhin einiges über sich: Spätestens am 10. September, wenn er seinen 95. Geburtstag feiert, wird es so weit sein. Thomas Remlein

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