15.04.2016 03:30 | arc,itt

Zweiter Weltkrieg: Neu gebaut aus Trümmern

Nach dem zweiten Weltkrieg sollte es in Frankfurt einen Gegenpol für die Frankfurter Rundschau geben: So wurde die Frankfurter Neue Presse ins Leben gerufen und erschien im April 1946.

Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb packt mit an beim Wiederaufbau.
Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb packt mit an beim Wiederaufbau.

Vor Kriegsbeginn zählte Frankfurt etwa 550 000 Einwohner. Nach den Bomben der Zerstörung waren es kaum mehr als 200 000. Nur allmählich erwachten in der Stunde null neue Hoffnung und Leben. Der Schwarzmarkt blühte. Die Besatzungsmächte organisierten das tägliche Leben neu und suchten politisch unbelastete Helfer. Sie trieben den Aufbau demokratischer Institutionen voran, vergaben Lizenzen für Rundfunk und Zeitungen.

Die amerikanische Militärregierung erteilte im August 1945 der „Frankfurter Rundschau“ die erste Zeitungslizenz. Die Linkstendenz des Blattes führte zwischenzeitlich dazu, dass ihr vorübergehend die Lizenz wieder entzogen wurde. Colonel James Newman, Direktor der damaligen Militärregierung in Hessen, störte sich weniger an der Linksausrichtung des Blattes als vielmehr an dessen „Unfähigkeit, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen“.

Deshalb sollte ein politisches Gegengewicht zur Rundschau entstehen – mit einer weiteren Zeitung für Frankfurt. Die 32. Zeitungslizenz ging an die „Frankfurter Neue Presse“ – im ersten Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ihr Geburtstag ist der 15. April 1946. An diesem Tag erschien die erste Ausgabe der FNP. Und an diesem Tag bekamen Dr. Hugo Stenzel und Heinrich Berning offiziell die Lizenz in der amerikanischen Besatzungszone (Lizenznummer GH 201), in einer kleinen Feierstunde in der Frankfurter Rahmhofstraße 4, einem notdürftig ausgebesserten Haus.

Religiöse Toleranz, sozialer Fortschritt

Die Lizenzträger der Frankfurter Neuen Presse formulierten 1946 das Ziel und die Aufgabe ihrer Arbeit selbst wie folgt: „Für Völkerversöhnung, religiöse Toleranz, sozialen Fortschritt und Politik einer breiten sozialen Mitte. Gegen Nationalismus, Totalitarismus und Kollektivismus. Für Demokratie, gegen verderbliche Vorurteile, für kulturellen Neubau aus echten Kräften und gegen die Zersetzung des Lebens.“

Fünf Tage vor dem Erst-Erscheinungstermin der FNP war noch kein Redakteur ausgewählt; selbst der Name der Zeitung stand noch nicht fest. Erst nach und nach fanden sich die Redakteure: Paul Friedrich Weber, der von der CDU vorgeschlagen worden war – in der Annahme, es entstehe eine Parteizeitung; Friedrich Karl Müller, gerade war er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt; der Sozialist Karl Brinkmann, der bald wieder ausschied; und Richard Kirn, der zuvor der Redaktion der Frankfurter Rundschau angehört hatte und von den Amerikanern vorgeschlagen worden war. Kurz darauf stieß Emily Kraus-Nover dazu.

Die Redaktion richtete sich in der von Schutt übersäten Ruine in der Rahmhofstraße ein, in der noch die Bauhandwerker regierten; die Räume waren zunächst nicht verputzt, auch das Dach musste erst geflickt werden. Erich Friedrich, der erste Hauptbuchhalter der FNP, berichtete später zum 50-jährigen Bestehen des Blattes: „Als ich am 15. April, einem Montag, in ein Büro ohne Schreibtisch kam, musste ich feststellen, dass wir zwar 30 Mitarbeiter, aber kein Blatt Papier, nur vier Schreibmaschinen für Redaktion, Schriftleitung und Verwaltung und keineswegs in allen sechs Räumen Telefone besaßen. Von Restrollen, die uns die Rundschau überließ, schnitten wir Manuskriptpapier zurecht.“

Anfangs brachten die Mitarbeiter noch die Bleistifte selbst mit, und das Redaktionsteam saß im Flur. Gedruckt wurde die FNP bei der Konkurrenz: Die Amerikaner hatten 1945 alle Maschinen und technischen Anlagen der „Frankfurter Societäts-Druckerei“ an die Frankfurter Rundschau verpachtet. Die Ausstattung ging erst im Oktober 1953 an die FSD zurück. General Robert McClure, der Leiter des US-Nachrichtenkontrollamts, hatte den beiden Lizenzträgern und einigen geladenen Gästen zum Start der FNP eine Rede über die Aufgabe der Presse gehalten und dabei immer wieder die Worte betont, die lange Zeit aus dem Sprachschatz der Deutschen gestrichen waren: „Freiheit der Meinung und Freiheit der Kunst“.

Colonel James Newman, der Direktor der Militärregierung in Hessen, hatte die Bedeutung Frankfurts als Zeitungsstadt hervorgehoben und an das Ansehen der Frankfurter Zeitung erinnert, die bis zu ihrer Einstellung durch die Nationalsozialisten im August 1943 zu den großen, international renommierten Blättern gehört hatte. Die Frankfurter Zeitung war im Verlag der Frankfurter Societäts-Druckerei erschienen, in der noch heute auch die Frankfurter Neue Presse erscheint.

Dass die Amerikaner in Frankfurt relativ früh eine zweite Zeitung nach der bereits am 1. August 1945 lizensierten Frankfurter Rundschau gestatteten, hatte mit dem Widerspruch zu tun, auf den die Frankfurter Rundschau damals in weiten Teilen der Bevölkerung stieß. Ihre Lizenzträger-Gruppe bestand bei Gründung aus sieben Personen: drei Sozialdemokraten, drei Kommunisten und einem „Linkskatholiken“, einem Sympathisanten der Kommunistischen Partei.

Die Rundschau galt
als kommunistisch

Der Linkstendenz der Frankfurter Rundschau wurde erst damit begegnet, dass den Kommunisten die Lizenz wieder entzogen wurde. Die Begründung der US-Militärs lautete: „Politisch ungeeignet“. Auf den Protest eines der so geschassten Lizenzträgers – Emil Carlebach – antwortete Colonel Newman 1947: „Ihre politische Auffassung, die denen anderer Deutscher in Hessen entgegengesetzt ist, hat mich nicht so sehr gestört als ihre offensichtliche Unfähigkeit, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen.“ Die Frankfurter Rundschau war in den Augen der Bevölkerung – das ergab eine Umfrage der „Information Control Division“ im April 1947 – eine „Anti“-Zeitung: anti-nationalistisch, anti-konservativ, gegen alle Parteien mit Ausnahme der KPD, kurz: Die Rundschau galt als kommunistisch.

Eine zweite Zeitung, so wurde kolportiert, sollte ein Gegengewicht setzen, „einen Stich bürgerlicher sein“, wie es der spätere Chefredakteur Marcel Schulte noch in seiner Funktion als Beamter der hessischen Landesregierung Ende 1945 erfuhr.

Pünktlich
ausgeliefert

Trotz aller Schwierigkeiten und mit einer finanziellen Basis von nur 30 000 Reichsmark wurde die erste Nummer der Frankfurter Neuen Presse pünktlich zum vorgesehenen Termin ausgeliefert, ein Sechs-Seiten-Blatt in einer Gesamtauflage von 50 000 Exemplaren.

Der Aufmacher der ersten Ausgabe trug die Überschrift „Der Mensch ist Diener des Rechts“ und behandelte die Amtseinführung des neuen Rektors der Frankfurter Universität, des Juristen und Staatsrechtlers Professor Walter Hallstein (siehe Seite 42).

Bewusst hatte die Redaktion in dieser Ausgabe lokale Akzente gesetzt, sich als Frankfurter Zeitung vorgestellt. Zunächst erschien die Frankfurter Neue Presse drei Mal in der Woche, dann täglich. Sie berichtete von der Gründung der SED im östlichen, unter sowjetischer Besatzung stehenden Sektor Deutschlands und vom Beginn des Indochina-Kriegs, beides noch 1946.

Im Jahr darauf begann der „Kalte Krieg“, die Auseinandersetzung der Westmächte mit der Sowjetunion Stalins. In der Truman-Doktrin wurde 1947 verankert, dass West-Deutschland finanziell und wirtschaftlich unterstützt werden sollte, um den Einfluss der USA in Europa zu stärken. Eine Zeit voll internationaler Spannungen begann – die die FNP ausführlich begleitete.

(arc,itt)

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