15.04.2016 03:30 | Andreas Burger

Unsere Leser: Schmuser und Anwälte

„Panta rhei“, sagte der Grieche Heraklit und umschrieb philosophisch die steten Veränderungen im Leben. Ja, alles fließt, konstatiert auch der Redakteur und muss sich auf ständig veränderte Ansprüche seiner Leser einstellen. Wo er sich doch noch vor 30 Jahren wortreich so gerne selbst feierte ob der wohlfeil formulierten Betrachtungen zwischen Hasenzucht und Bundeskanzler. Der neue Leser – das unbekannte Wesen?

In Ruhe seine Zeitung schmökern – der Anblick wird seltener.
In Ruhe seine Zeitung schmökern – der Anblick wird seltener. Bild: Peter_Kneffel (dpa)

Du Dabbes. Woas fär en ausgemeschte Bläjdsinn hebt ihr doa gschrewwe?“: Er war durchaus prägend, mein erster Kontakt zu einem Leser. Und natürlich tobte der Bornheimer Kleintierzüchter damals, vor knapp 30 Jahren, zu Recht durchs Frankfurter Redaktionsbüro. Hatten wir doch den Zwergschecken havannafarbig-weiß mit einem Farbenzwerg verwechselt. Frevel.

Es blieb nicht der einzige Kontakt. Die Erfindung der Mail stand noch aus, Fax war weitgehend unbekannt („Isch mech kee Faxe, des bisse ist mit de Händ’ schneller gschrewwe!“), und so war reger Verkehr in den Redaktionsstuben. Nicht verkehrt. Ob Grantler, fundierter Kritiker oder nur der Kaffeebesucher – man kannte sich. Der Frankfurter Elternbeirat, der durchaus trinkfeste FDP-Chef oder Theatergrößen – sie alle wussten um den flüssigen Inhalt in der Chefschublade (das bei manchem Autoren zur völligen Einfallslosigkeit führende Alkoholverbot tauchte erst vor 20 Jahren auf. Leider.)

So gestalteten sich gemeinsame Nächte von Lesern und Journalisten zur Quelle bester Informationen. Mit einigen Promille entstand aus dem bekannten „Ich saach ja nix, ich meen halt nur“ nach kurzer Nachrecherche manch qualifizierter Aufmacher für den nächsten Tag. Das Büro diente als Newsroom, Kneipe und Arbeitsplatz in einem. Der Leserkontakt war direkt (ein ehemaliger Polizeireporter rühmte sich wochenlang fürs blaue Auge nach einer Rotlichtstory).
Der Berliner Flughafen entsteht schleichend. Oder die Hamburger Elbphilharmonie. Die Veränderung des Lesers in den vergangenen 20 Jahren war nicht schleichend. Den direkten Kontakt mit dem Zeitungskonsumenten spülte die Welle des Internets und der Mail flugs über Bord, fortan grummelt, informiert und lobt der Leser mit einem @. Angetrieben durch die Informationsbreite im www jagt er die Redaktionen vor sich her, der zunehmend geforderte Taktschlag im Informationsfluss erinnert an Galeeren: Trommelt schneller, der Chef fährt Wasserski. Und so bleiben dem Journalisten am Ende zwei Hüte: Die oft ungeprüften Nachrichten der Leser zu verarbeiten und den Kontakt pfleglich zu pflegen, ohne den Tiefgang aus dem Auge zu verlieren. Doch bei allen Veränderungen – der Leser ist in seiner ihm eigenen Art den Zeitungen und ihren Machern treu geblieben. Versuchen wir, mit schmunzelnden Augen, eine Kategorisierung.

Der Buchhalter

Zeichnet sich durch fundiertes Wissen über den Duden aus und hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Liebt schriftstellerische Ouvertüren wie „Haben Sie heute schon Ihre Zeitung gelesen?“ oder „Sie müssten wissen ...“. Tritt mindestens viermal im Monat auf, ist niemals zufrieden zu stellen.

Der Maulwurf

Kommt vor allem im ländlichen Raum vor, ist in 15 Vereinen aktiv, würde gerne Vorsitzender werden und beginnt Mails mit „Lassen Sie bitte meinen Namen raus“. Unterhaltungswert ist hoch.

Der Fleißige

Liefert Leserbriefe nicht unter fünf Seiten Din-A-4 und beginnt stets mit „Ich bitte, dies ungekürzt zu übernehmen“. Schwer zu beurteilen, da die Schachtelsätze mit fünf Einschüben und drei Gedankenstrichen verhindern, dass man im vierten Absatz noch weiß, was im ersten stand.

Der Gartenzaunfreund

Interessiert sich für nichts außer den eigenen vier Wänden. Ist muffig, wenn die Redaktion nicht selbst die überhängenden Äste des Nachbarn schneidet oder den Flugverkehr überm Haus umleitet.

Der Deutschlehrer

Schläft auf der neuen Rechtschreibung und schickt ein Mal im Monat die ausgeschnittenen Artikel mit Druckfehlern (rot umrandet). Immer mit dem Hinweis: „Das haben Sie doch gelernt ...) (Anmerk. der Red: Hier einige Kommata zum Einsetzen, falls wir einige vergessen haben: ,,,,,,,)

Der Anwalt

Hat auf jeden Fall mindestens einen echten Anwalt im Bekanntenkreis, was er der Redaktion auch nicht verheimlicht. Droht, gerne auch grundlos, und hält es mit Agatha Christie: „Ich habe Journalisten nie gemocht. Ich habe sie alle in meinen Büchern sterben lassen.“

Der Schmuser

Lobt viel, meldet sich regelmäßig und freut sich auf seine Zeitung. Ist aber etwa mit der Häufigkeit des Yetis zu vergleichen.

Das Phantom

Ihn kennen wir nicht. Leider. Kein Kontakt, keine Briefe, keine Interessensbekundungen. Dürfte gleichwohl zur Mehrheit unserer Leser zählen. Wollen ihn auch gerne kennenlernen. Deshalb: Bitte mal melden, unbedingt.

Andreas Burger

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