15.04.2016 03:30 |

Lügenpresse: Vertrauen heißt ernst nehmen

Ein kleiner Diskurs zum Thema „Lügenpresse“ und deren Ursachen, geschrieben von unserem Chefredakteur Joachim Braun.

Vorurteile: Journalisten sind gekauft und manipulieren die Bürger. Der Vertrauensverlust der deutschen Medien ist ein Problem.
Vorurteile: Journalisten sind gekauft und manipulieren die Bürger. Der Vertrauensverlust der deutschen Medien ist ein Problem. Bild: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)

Dass „Lügenpresse“ Anfang 2015 Unwort des Jahres wurde, wunderte vermutlich keinen der damaligen Demonstranten in Dresden, in Leipzig und sonst wo. Dass die Systempresse im Gleichklang mit den von ihr gestützten Systempolitikern versuchen würde, die einschlägigen Vorwürfe ad absurdum zu führen, war auch klar. So ist eben die Lügenpresse. Und dann kam Köln. Hunderte, nein wohl an die tausend Migranten aus Afrika und sonst wo begrabschten und missbrauchten Dutzende von Mädchen und jungen Frauen, die dem Mob auf der Kölner Domplatte in die Falle gegangen waren. Und was machten die Medien? Sie berichteten erst gar nicht und dann zu wenig und verschwiegen auch noch, wo die Täter herkamen. Lügenpresse, natürlich, wer hätte von der auch etwas anderes erwartet?

Die Zeiten sind rau geworden für Journalisten. In der gesellschaftlichen Spaltung, die sich in der Flüchtlingskrise manifestiert hat, werden „die“ Journalisten zu Dienern eines korrupten Systems erklärt. Die ehemalige Dresdner Oberbürgermeisterkandidatin Tatjana Festerling forderte vor einiger Zeit bei einer Pegida-Demo die Bürger auf, „zu Mistgabeln“ zu greifen und „diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten ... aus den Pressehäusern zu prügeln“. Ein Reporter des Berliner Tagesspiegels wurde im vorigen Herbst unweit seiner Wohnung als „linke Drecksau“ beschimpft und niedergeschlagen. Fernseh-Teams werden attackiert, und ein Mitarbeiter der Dortmunder Ruhr-Nachrichten las auf Twitter seine eigene Todesanzeige. Außergewöhnliche Ereignisse gewiss, aber tätliche Angriffe auf Journalisten waren in Deutschland 71 Jahre lang unbekannt gewesen.

Selbst bei bürgerlichen Zeitungen wie der FNP verändert sich der Ton in Leserbriefen und auf der Online- und der Facebookseite. Menschenverachtende Kommentare über Flüchtlinge werden mittlerweile hingenommen. Wo früher noch anonym gehetzt wurde, stehen die Menschen nun immer öfter sogar mit ihrem vollen Namen. Sie schämen sich nicht einmal mehr für ihren Rassismus und ihre Menschenfeindlichkeit.

Auch der Autor dieser Zeilen kennt diese Art von Schmähungen. Als an seinem vorherigen Arbeitsort bekannt wurde, dass er nach Frankfurt wechselt, schrieb ein „Leser“: „Und wenn Ihre Frau (sofern Sie eine haben) oder Ihre Tochter (sofern Sie eine haben) demnächst in Frankfurt am Main abend ausgeht und es etwas später wird und sie von einer Horde arabischer Jünglinge am Gesäß, am Busen und im Schritt betatscht und zum ,Ficki-Ficki’ aufgefordert werden, dann unbedingt den Rat der selbsternannten Experten befolgen: Keine Angst zeigen, denn die tun ja nichts! Die wollen nur spielen! Das ist halt Multi-Kulti!“ (Anmerkung: Sprache und Grammatik des anonymen Schreibers wurden exakt wiedergegeben.)

Was ist also los in unserem Land? Wo kommt dieses Misstrauen gegen demokratische Institutionen her, gegen Politiker, gegen Journalisten und gegen angebliche Kartelle von beiden? Klar machen Journalisten Fehler. Jeden Tag. Aber die allerwenigsten Journalisten (und gerade die für seriöse Verlage wie diesen hier arbeiten) tun dies vorsätzlich. Niemals. Gar nicht.

Auch Köln war keine Lüge. Die dortigen Lokalmedien hatten nämlich schon sehr früh darüber berichtet, was auf der Domplatte wirklich passiert war, und zwangen dadurch die Behörden dazu, zuzugeben, was sie nicht zugeben wollten, wodurch erst die Wahrheit ans Licht kam. Dass manche Fernsehsender ihre Aufklärungsaufgabe schlecht wahrnahmen, ist allerdings auch korrekt. Aber das sind eben auch nicht „die“ Journalisten.

Trotzdem schüren natürlich solche Fehler das Misstrauen. Zugleich ermöglicht es das Internet, seine Informationen nicht mehr aus unabhängigen Quellen zu beziehen, sondern aus – wie es der Tübinger Medienforscher Prof. Bernhard Pörksen nennt – „Beziehungsmilieus“. Anders formuliert: Immer mehr Menschen googeln sich auf Webseiten, auf denen – ihrem Suchbegriff sei Dank – genau die Thesen vertreten werden, an die sie schon glauben. Und andere ja offensichtlich auch. Der naheliegende Schluss: Die Zeitungen lügen. Dass man exakt das findet, was man sucht, zählt dabei nicht.

Tatsache ist auch, dass sich die Politik und viele der von ihr vertretenen Bürger auseinanderentwickelt haben. In der Flüchtlingskrise wurde das besonders deutlich. Sie schürt bis heute große Ängste, und wenn es die um den eigenen Wohlstand sind. Die Einbindung deutscher Politik in ein europäisches, aber auch weltweites Kräftesystem wird dabei ignoriert, ebenso die Not der Menschen, die bei uns Zuflucht suchen.

Gleichwohl sind diese Ängste nicht verhandelbar. Sie sind da, und auch wir Journalisten haben diese Gefühle oft nicht ernst genug genommen – bis sie in Hass umgeschlagen sind. Was wir tun können? Die Menschen ernst nehmen und ausschließlich sachlich und unvoreingenommen über die wichtigen gesellschaftlichen Themen berichten. Und nichts verschweigen. „Dem Volk aufs Maul schauen, aber ihm nicht nach dem Mund reden“, hat Franz-Josef Strauß mal gesagt. Keine leichte Aufgabe, aber eine der wichtigsten, um im 71. Jahr der FNP Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Joachim Braun

Kommentare



zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Auf welchem Kontinent liegt Spanien?: 

Weitere Artikel aus Fnp-70

<span></span>
Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert

Engagierter Lokaljournalismus

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
Ministerpräsident Volker Bouffier gratuliert

Zeitungsjournalismus bleibt unverzichtbar

Weitere Artikel aus Fnp-70

<span></span>
Oberbürgermeister Peter Feldmann zum FNP-Geburtstag

Kritisch, dabei aber immer fair

Rubrikenübersicht