Kristina Vogel vor Leben im Rollstuhl: Viele wollen helfen

Von Von Stefan Tabeling und Andreas Zellmer, dpa
Kristina Vogel ist nach einem Trainingsunfall querschnittssgelähmt.
Kin Cheung/FNP

Die Sportwelt bewundert den Durchhaltewillen der querschnittsgelähmten Kristina Vogel.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann sagte der verunglückten Bahnrad-Olympiasiegerin Unterstützung zu: „Sportdeutschland und wir alle stehen seit dem schweren Trainingssturz hinter Kristina und ihrer Familie.” Keirin-Weltmeisterin Nicky Degrendele aus Belgien twitterte: „Verheerende Nachrichten, die mir Schüttelfrost machen. Ich bewundere dich, jetzt noch mehr als zuvor”. Für Radprofi Marcel Kittel, der seine verkorkste Saison abbrach, ist Kristina Vogel „die größte Inspiration”. Der fünfmalige Tour-Etappensieger des Vorjahres staunte: „Was für eine Powerfrau.”

Auf Instagram schrieb Kristina Vogel über ihre ersten öffentlichen Aussagen zu ihrer Verletzung im „Spiegel”: „Ich habe mir überlegt, wie ich mich äußere, wie es mich belasten kann und wie schützen. Aber auch wie ich euch am meisten zurückgeben kann - daher das Interview mit dem Spiegel. Ich musste so nur einer Journalistin mein Herz ausschütten und meine verletzbarste Seite zeigen.” Nach Mitteilung ihres Managers Jörg Werner wird sie das Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn, in dem sie seit fast drei Monaten behandelt wird, „frühesten Weihnachten” verlassen. Die Reha-Maßnahmen dort seien optimal.

Am kommenden Mittwoch könnte sich die 27-Jährige in einer anberaumten Pressekonferenz an der Seite von Chefarzt Andreas Niedeggen auch zu ihren Zukunftsplänen äußern. „Je schneller ich die Situation akzeptiere, desto schneller kann es wieder bergauf gehen und mich auf Positives einlassen”, sagte die erfolgreichste Bahnfahrerin in einem vom „Spiegel” veröffentlichten Video. Vorher hatte sie in dem Magazin ihre schlimme Diagnose publik gemacht.

Michael Hübner, ihr Teamchef beim Chemnitzer Erdgas-Team glaubt, dass sie auch im Rollstuhl sportliche Höchstleistungen vollbringen wird. „Sie wird zurückkommen - das Thema Paralympics ist noch nicht durch”, sagt der siebenmalige Weltmeister. So weit wollte Vogel zehn Wochen nach ihrem Schicksalsschlag noch nicht blicken. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder in den Leistungssport will und, wenn ja, in welche Disziplin”, sagte Vogel.

Sie könne sich auch andere Dinge vorstellen, mithelfen, dass die Sicherheit im Bahnradsport erhöht wird: „Vielleicht ist das meine Aufgabe im Leben. Sicherzustellen, dass so etwas wie mir nie wieder passiert.” Auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) will sie „uneingeschränkt und mit ganzer Kraft unterstützen”, wie Verbandspräsident Rudolf Scharping sagte. Der BDR könnte in Zukunft auf ihr Know-How zurückgreifen.

Vogel ist seit langem bei der Bundespolizei tätig. „Streife laufen mit Waffe geht jetzt ja nicht mehr”, sagt Vogel, die aber zumindest abgesichert ist: „Ich kann nur froh sein, dass ich auf Lebenszeit verbeamtet bin.” Ihr ebenfalls dort angestellter Lebenspartner, der ehemalige deutsche Sprint-Meister Michael Seidenbecher, wurde in die Nähe von Berlin abgeordnet, um täglich bei ihr sein zu können.

Finanziell geholfen hat ihr Chemnitzer Erdgas-Team mit der Spendenaktion unter dem Motto #staystrongkristina, bei der bereits rund 120.000 Euro zusammengekommen sind. Vogel zeigte sich überwältigt von der Unterstützung. Das Geld könne sie gut gebrauchen, für ein Spezialauto etwa oder „einen geilen Rollstuhl mit „Carbonfelgen”, sagte sie. „Außerdem muss unser Haus in Erfurt noch umgebaut werden, die Badezimmer, die Küche, eine Lösung für die Treppe muss her. Ich will so wenig wie möglich auf Hilfe angewiesen sein”, sagte sie.

Dass sie bereits wieder zu lockeren Sprüchen aufgelegt ist, freut ihre langjährige Teamsprint-Partnerin Miriam Welte, mit der sie Gold in London geholt hatte. „Es tut mir für sie unendlich leid, dass sie den Sport nicht mehr ausüben kann”, sagte Welte, glaubt aber, „dass sich für Kristina jetzt neue Ziele ergeben”. Sie sei eine absolute Kämpferin „und wird sich mit Sicherheit, egal in welchem Bereich absolut reinknien und mit viel Kraft alle Aufgaben bewältigen”.

Kittel wusste seine momentanen sportlichen Schwierigkeiten in Relation zu Vogels Schicksal zu setzen. „Wenn ich darüber nachdenke, werden meine Probleme so winzig klein und jeder Frust über meine Saison 2018 wirkt auf einmal lächerlich. Wenn sie nach so einem tragischen Erlebnis so viel Kämpferherz und Optimismus zeigt, dann kann ich ja wohl mal 2018 schnell vergessen und 2019 wieder voll angreifen”, sagte der Topsprinter.

(Von Stefan Tabeling und Andreas Zellmer, dpa)
Von Stefan Tabeling und Andreas Zellmer, dpa