Hinter den Kulissen

Marathon Stars wie Mare Dibaba nach Frankfurt zu holen, ist manchmal nicht so einfach

Von Harald Joisten
Auf dem Weg nach Frankfurt: Mare Dibaba sollte vor zwei Jahren schon kommen, diesmal klappt es.
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Aus der Ruhe bringen lässt sich Christoph Kopp nicht mehr. Zu viel hat er in den vergangenen 15 Jahren als Sportlicher Leiter des Frankfurt Marathons erlebt und dabei auch genug grundsätzliche Erfahrungen gemacht. „Bei den Afrikanern ist grundsätzlich nichts ausgeschlossen“, sagt der 70-Jährige zum Beispiel mit einem Grinsen im Gesicht und meint ganz allgemein: Bis ein Läufer bei ihm an der Startlinie steht, kann einiges Kurioses passieren. Manchmal kann es auch zwei Jahre dauern, bis dieser Weg vollendet ist. Wie bei Mare Dibaba, der Weltmeisterin von 2015.

Kopp wollte die Äthiopierin schon 2016 für den Lauf-Klassiker am Main verpflichten. Und es sah gut aus. Er war sich mit dem Management der Topläuferin nahezu einig, auch in puncto Startgeld. „Wir hatten sie an der Angel“, erinnert sich Kopp. „Doch dann sagte ihr Ehemann: Nein, das Startgeld ist zu wenig.“ Kopp konnte finanziell nicht nachlegen, er war bereits mit einer hohen fünfstelligen Summe an seine Schmerzgrenze gegangen. Und so platzte der Deal mit der Olympia-Dritten von Rio 2016. Denn Dibaba hörte auf ihren Ehemann und sagte ab.

„In solchen Ländern herrschen anderer Hierarchien als bei uns, ein anderes Verständnis“, so Kopp. Was auch dazu führen könne, dass afrikanische Ehemänner ihre erfolgreichen Frauen bitten würden, möglichst viele Marathons zu absolvieren, um viel (Start-)Geld mit nach Hause zu bringen. „Wenn Frauen durch ihren Sport in der Lage sind, Geld nach Hause zu verdienen, sind dadurch schon einige Ehen den Bach runter gegangen“, hat Kopp erlebt.

Für den erfahrenen Leichtathletik-Funktionär, der in den 80er- und 90er-Jahren auch in der Sportlichen Leitung des Berlin-Marathons arbeitete, schließt sich nun der Kreis: Bei der 37. Auflage in Frankfurt am 28. Oktober, bei der das Frauen-Feld so gut wie noch nie bestellt sein dürfte, wird Dibaba am Start stehen. Zum zweiten Mal nach 2010, als sie Fünfte wurde, am Start stehen. Hintergrund: Nach eher durchwachsenen Ergebnissen in den vergangenen zwei Jahren ist ihr „Antritts-Preis“ um ein Viertel gefallen. Selbst ihr Ehemann hat offenbar keinen Einspruch eingelegt. „Fünfstellig bekommt sie ja immer noch“, so Kopp. Im Vergleich zu einer aktuellen Weltmeisterin oder Olympiasiegerin, die mitunter mehr als 300 000 Euro Startgeld kassieren, ein durchaus guter Preis.

Eine Frage des Alters

Und bei Dibaba weiß Kopp buchstäblich, was er bekommt. Sowohl ihr Alter (28) als auch ihre persönliche Bestzeit (2:19:52 Stunden) sind legitimiert. Das ist nicht immer so bei afrikanischen Athleten. Kopp und sein Frankfurter Organisations-Team durchleuchten daher die Sportler vor einer Vertragsunterzeichnung genau: Stimmen deren persönliche Bestzeiten? Stimmt deren Alter? Waren sie schon einmal gesperrt? „Bei Frauen kontrollieren wir alle bis zu einer Bestzeit von 2:40 Stunden“, berichtet Kopp. „Die Kontrolle ist aufwendig. Aber es gibt gute Quellen. Da bekommt man relativ lückenlose Nachweise. Wer einmal gedopt hat, darf bei uns nicht starten. “

Überraschungen sind dennoch immer möglich. „Manche afrikanische Läufer werden in abgelegenen Busch-Gebieten entdeckt. Ein Läufer, den ich kennen lernte, war offiziell 1974 geboren. Dann ist er leider früh verstorben – wegen einer Herzattacke beim Laufen, vermutlich durch einen verschleppten Virus. Dadurch kam sein echtes Geburtsjahr raus. Auf seinem Grabstein stand 1971.“ Sein Bruder, so Kopp, laufe immer noch. Er habe sich bei Wettkämpfen anfangs als Jahrgang 1977 ausgegeben. Derzeit laufe er unter 1983 – weil die Gage oft auch eine Frage des Alters ist: Wer jünger ist, kann auf mehr Geld hoffen. „Tatsächlich ist er jedoch 1975 geboren“, weiß Kopp. Ein Name? Kopp schweigt höflich, sagt nur: „Wenn afrikanische Läufer sportlich erfolgreicher werden und international antreten, wird natürlich gefragt, wie alt sie sind. Haben sie keinen Pass, wird das Alter geschätzt. Aber die Geburtenkontrollen werden etwas beständiger.“

Freilich sind es nicht nur Afrikaner, die für besondere Erfahrungen sorgen. Für den diesjährigen Frankfurter Marathon hat Kopp etwa auch mehrere japanische Spitzenläufer verpflichtet. Das wiederum führt zu einem anderen Problem. „Die Japaner wollen für Übernachtungen alle ein Einzelzimmer haben. Die kriegt man nicht in ein Doppelzimmer rein. Das hängt mit ihrer Kultur zusammen.“ Doch Einzelzimmer sind rund um das Start-Gebiet an der Festhalle rar.

Übernachtung zu Hause

Umso einfacher verhält es sich bei Katharina Heinig. Die deutsche Spitzenathletin, die am vergangenen Donnerstag ihren langjährigen Lebenspartner Robert Steinruck heiratete, spricht sich mit Kopp persönlich über Vertragsmodalitäten ab: Kopp ist zugleich ihr Manager. Einfacher geht es nicht. Zumal Heinig zu Hause übernachten kann. Sie wohnt in Frankfurt.

Harald Joisten