18.03.2017 03:30 |

Eintracht Frankfurt: Das historische Spiel: Lupfer ins lange Eck

1993 erleben die Frankfurter einen versöhnlichen Saisonausklang in Hamburg. Ein Titel immerhin geht dann auch doch noch an die Eintracht, die eigentlich Größeres vorhatte. Dank Anthony Yeboah.

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Bild: Frank

Am 34. Spieltag der Saison 1992/93 treffen im Hamburger Volksparkstadion zwei Mannschaften aufeinander, die eigentlich mehr erreichen wollten. Während die Gäste aus Frankfurt jedoch immerhin noch als Tabellendritter ins Ziel gelangen und damit für einen versöhnlichen Abschluss sorgen könnten, ist für den HSV der elfte Platz keine zufriedenstellende Option. Einer, der mit beiden Teams verbunden ist, ist Horst Heese. Für ihn schließt sich der Kreis. Als Spieler war er sowohl für die Eintracht als auch für den HSV in der Bundesliga aktiv, heute erlebt er sein letztes Spiel als Trainer der Eintracht – und das gegen den HSV. Bei diesem werden Kapitän Frank Rohde und Jan Furtok verabschiedet. Der gebürtige Rostocker Rohde geht nach Berlin und schließt sich dem Zweitligisten Hertha BSC an. Furtok wiederum kann heute schon einige seiner künftigen Mannschaftskameraden kennenlernen, denn der 31-Jährige wechselt zur Eintracht.

Dem HSV bläst in der Hansestadt gerade eine steife Brise ins Gesicht, die sich die Mannschaft allerdings mit der laschen Einstellung beim 0:5 in Bremen auch verdient hat. Darüber hinaus haben die Hamburger den Bremern im Finale der Deutschen Meisterschaft möglicherweise den entscheidenden Vorteil verschafft. Durch die beiden letzten Tore in der 87. und 90. Minute konnten die Bremer den bisherigen Tabellenführer Bayern überholen und gehen vor dem letzten Spieltag mit einem Treffer Vorsprung ins Fernduell mit den Münchnern, die in Schalke antreten, während Bremen beim Vorjahresmeister VfB Stuttgart um den Titel kämpft.

Die Eintracht, die vor einem Jahr am letzten Spieltag in Rostock eine nicht minder sicher geglaubte Meisterschaft aus der Hand gegeben hat, hat heuer bei sechs Punkten Rückstand mit der Titelvergabe nichts zu tun. Dennoch kann sie wie in der letzten Saison Dritter werden, wenn Borussia Dortmund, zurzeit einen Punkt und fünf Tore besser als die Hessen, beim Pokalfinalisten Karlsruher SC patzen sollte. In Hamburg interessiert das allerdings kaum einen. Lediglich 16 500 Zuschauer haben sich zum Saisonausklang im Volksparkstadion eingefunden. „Wir wollen eine profihafte Einstellung, Ihr nur unser Geld“, haben HSV-Fans plakativ auf ein Bettlaken gesprüht. Und die Heimmannschaft, so hat es den Anschein, tut alles dafür, diese These zu untermauern. Denn freuen können sich die Anhänger der Norddeutschen allenfalls an der herausragenden Darbietung eines ehemaligen HSVlers: Uwe Bein. Der hat es sich wie seine Kameraden offensichtlich zur Aufgabe gemacht, dem mit 19 Treffern gemeinsam mit Ulf Kirsten die Liste der erfolgreichsten Torschützen der Saison anführenden Yeboah die Torjägerkanone zu sichern.

Nach zwei Gelegenheiten kommt der Frankfurter Stürmer in der 25. Minute fast zum ersehnten Treffer, doch sein Kopfball landet auf der Latte. Zwei Minuten später erzielt Yeboah dann aber doch sein 20. Meisterschaftstor in dieser Runde – und Richard Golz assistiert ihm dabei unfreiwillig. Rechts neben dem Strafraum von Yeboah angegriffen, spielt Rohde den Ball zum HSV-Keeper zurück. Yeboah setzt nach, und Golz kommt auf die Idee, die Kugel über den Stürmer zurück zu einem Verteidiger zu lupfen. Der Lupfer gelingt zwar hoch, aber viel zu kurz. Yeboah erkennt das im Ansatz, eilt vier Schritte zurück und zeigt dem Keeper wie das geht, was dieser vorgehabt hat: Volley schnickt er den Ball mit dem linken Fuß über den am rechten Eck des Fünfmeterraums postierten Golz hinweg in die lange Ecke.

Dieses Tor bleibt ein recht einsames Highlight der ersten Hälfte. Die Zuschauer auf den Rängen sind mehr damit beschäftigt, das Geschehen in Stuttgart und Schalke zu verfolgen, wo es für die Bayern und die Werderaner im Fernduell um die Meisterschaft geht. Lauter wird es im Stadion nur, wenn die Bremer ein Tor geschossen oder die Bayern eines kassiert haben. „Jedes Mal wenn der Pegel im Stadion hochging, musste ich zur Anzeigetafel sehen“, wird der heute wieder überragende Spielmacher Uwe Bein später berichten.

Auch in der zweiten Hälfte dominieren die Gäste. Bein, Bommer & Co. setzen alles daran, Yeboah bei der Jagd nach der Torjägerkanone zu unterstützen. Yeboah allerdings will und will der zweite Treffer nicht gelingen. Auch Schmitt, Bein und Okocha schaffen es nicht, den Ball zum zweiten Mal im Kasten des HSV unterzubringen. Und so kommt nun eine andere Fußballweisheit des Weges, die besagt, dass es sich meist rächt, wenn du gar zu viele Chancen auslässt. Nach einem Einwurf von der linken Seite, den von Heesen im Strafraum trotz Bewachung volley auf Babbel ablegen kann, fällt das 1:1. Der Versuch des Yeboah-Bewachers vom linken Strafraumeck ist für Stein nicht zu halten, weil er von Binz, der den Schuss wenige Meter später mit einer Grätsche stoppen will, abgefälscht wird. Keine 120 Sekunden später geht die deutlich überlegene Mannschaft wieder in Führung. Ein langer Ball auf den rechten Flügel legt Yeboah im Kopfballduell an den Seitenlinie auf den nach vorne stürmenden Roth ab. Der geht im Sprint in den Strafraum, passt nach einem Übersteiger quer in den Fünfmeterraum auf Schmitt, der Golz überwindet.

Die letzte Viertelstunde sind die Riederwälder nochmals bemüht, Yeboah einen weiteren Treffer zu ermöglichen, scheitern aber mit diesem Vorhaben. Da auch der HSV nicht mehr Zählbares zustande bringt, geht für die Eintracht die Saison mit einem Auswärtssieg zu Ende. Letztlich wird man wie im Vorjahr Dritter, weil der BVB beim KSC mit 0:3 verliert. Meister wird Werder Bremen, das beim VfB Stuttgart klar mit 3:0 gewinnt, während die Bayern in Schalke nicht über ein 3:3 hinauskommen.

Ein Titel geht in dieser Saison immerhin wieder nach Frankfurt. Allerdings muss sich Anthony Yeboah diesen Titel des Torschützenkönigs mit dem Leverkusener Kirsten teilen, der wie der Eintracht-Stürmer auf 20 Treffer gekommen ist: „Zum Glück hat Ulf auch nur eins gemacht“, ist Yeboah erleichtert. Den Titel hätte er sich in Normalform vor Kirsten gesichert, doch zum einen ließen Verletzungen und die Gelb-Rote Karte aus dem Spiel in Bochum nur 27 Bundesligaspiele zu. Und zum anderen spielten in Hamburg die Nerven nicht mit: „Ich hatte so gute Chancen, aber ich war heute sehr nervös.“

Endgültig verabschiedet sich Horst Heese, der in 66 Trainer-Tagen so viel Gegenwind erlebt hat wie andere nicht in einer ganzen Saison: Hier war es seine angeblich zu lasche Arbeitseinstellung, dort seine teils antiquierte Art, Fußball spielen zu lassen. Unvergesslich bleibt sein Wechselfehler in Uerdingen, der der Eintracht zwar zwei Punkte gekostet, aber einen Eintrag in die Fußballgeschichtsbücher gesichert hat.

Kommentare

  • Yeboah
    geschrieben von ALI_GATOR (20 Beiträge) am 18.03.2017 12:20

    Wenn der weiße Rassist bemerkt, dass Antony Yeboah Afrikaner war, gibt´s einen Suizid.



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