Eintracht

Frankfurt gelingt beim SC Freiburg eine Überraschung

Von Thomas Kilchenstein und Daniel Schmitt
Danny da Costa, Sebastien Haller und Mijat Gacinovic (l-r) von Frankfurt bejubeln das 2:0.
dpa/FNP

Hinterher entzündeten sich die Gemüter an der einen Szene unmittelbar vor dem 2:0 für die Eintracht. Der dieses Mal tadellos haltende Frankfurter Torhüter Frederik Rönnow hatte den Ball sieben, acht Minuten vor dem Ende, ins Aus schlagen wollen, weil sich Lucas Torro in seinem Strafraum vor Schmerzen krümmte. Es war Rönnow nicht ganz gelungen, der Ball wäre vermutlich nicht ins Aus gerollt, wenn nicht der Freiburger Pascal Stenzel ihn über die Linie befördert hätte. Jetro Willems schnappte sich die Kugel auf Höhe der Mittellinie, und auf den ersten Blick war nicht ganz klar, ob er den Ball nun der Fairness halber wieder zu einem Freiburger werfen sollte oder doch zu einem Frankfurter. Nach einem kurzem Gespräch mit dem Linienrichter und einigen SC-Spielern war klar: Alle Beteiligten hatten sich darauf geeignet, das Spiel normal weiterzuführen. Willems warf also zu einem Eintracht-Kollegen; und ein paar Spielzüge später zappelte der Ball im Tor der Breisgauer. Jonathan de Guzman hatte Sebastian Haller freigespielt, der dann eiskalt und überlegt das 2:0 (82.) erzielte. „Der Schlüssel zum Sieg“, wie Eintracht-Trainer Adi Hütter hinterher sagte. Das Freiburger Publikum sah in dieser Aktion aber ein Verstoß gegen die Fairness, legte die Finger in den Mund und pfiff lautstark. Aber selbst Lars Voßler, der Co-Trainer, der den an einem Bandscheibenvorfall leidenden Cheftrainer Christian Streich vertrat, wollte den Frankfurtern „keinen Vorwurf“ machen, „wir hätten es immer noch verteidigen können.“

Mit diesem unerwarteten Erfolgserlebnis im Breisgau hatte in Frankfurt ernsthaft niemand gerechnet. Die beiden Schlappen zuletzt waren den Hessen arg aufs Gemüt geschlagen, umso größer sei nun „die Genugtuung“, in Freiburg gewonnen zu haben, sagte Hütter. „Als Österreicher im ersten Spiel in der deutschen Bundesliga nach all der berechtigten Kritik einen Sieg zu landen, tut gut“, sagte Hütter erleichtert. Es sei „Balsam auf die Wunden“. Auch Nicolai Müller, der nach zehn Minuten und feiner Vorarbeit des guten Haller mit einem satten Flachschuss die Frankfurter Führung besorgt hatte, war überglücklich. „Es gibt nichts Schöneres, als mit einem Dreier in die Bundesliga zu starten.“ Nach seinem Tor reckte er ein Trikot von Timothy Chandler in die Höhe, der Rechtsverteidiger erholt sich gerade von den Folgen eines Knorpelschadens. Der Jubel von Müller über seinen Treffer fiel dieses Mal dezent aus, mit gutem Grund: Genau vor einem Jahr hatte Müller, damals noch für den Hamburger SV spielend, ebenfalls am ersten Spieltag ein Tor erzielt und diesen Treffer mit einem Hubschrauberjubel derart enthusiastisch gefeiert, dass er sich einen Kreuzbandriss zugezogen hatte. Der HSV, auch das sei nicht vergessen, war im Übrigen im vergangenen Jahr sogar mit zwei Siegen in die Saison gestartet und dennoch am Ende abgestiegen.

Mit diesem Treffer aber hatten die Frankfurter ihre anfängliche Unsicherheit abgelegt, die Führung hat dem Team Flügel verliehen. „Dieses Tor“, sagte Hütter, „hat die Mannschaft erlöst.“ Niemand wusste ja so genau, in welcher Verfassung das Team auftreten würde, die Sorgen vor dem Spiel jedenfalls waren groß.

Trainer Adi Hütter überraschte darüber hinaus schon vor dem Spiel: Mit dieser Aufstellung hatte keiner gerechnet, Taleb Tawatha etwa, allenfalls ein Hinterbänkler, spielte Linksaußen, Neuzugang Filip Kostic blieb erst einmal auf der Bank, ebenso wie Jonathan de Guzman. Die Stopper David Abraham (Pferdekuss) und Makoto Hasebe, der sich einen grippalen Infekt zugezogen hatte, gehörten erst gar nicht zur Reisegruppe in den Schwarzwald. Dafür hatte Hütter auf eine Viererkette umgestellt und neben Carlos Salcedo den blutjungen Evan Ndicka aufgeboten, einen Verteidiger, der bislang allenfalls Kurzeinsätze in den Testspielen hatte, weder im Supercup noch im Pokal spielte. Und der junge Franzose, vor ein paar Tagen erst 19 Jahre alt geworden, machte seine Sache ausgesprochen gut. Er wirkte souverän, ließ wenig anbrennen, war stark im Kopfball. Hütter bescheinigte ihm völlig zu Recht „eine hervorragende Leistung“. Er habe einen prima Job erledigt, lobte Landsmann Haller den jungen Kerl. „Er ist groß und clever.“

Auch Lucas Torro, der in den beiden jüngsten Spielen so gar keine Bundesligatauglichkeit hatte erkennen lassen, lieferte – bis auf einen beinahe schwerwiegenden Ballverlust in der ersten Halbzeit – eine richtig gute Partie ab, er war vor allem ungemein kopfballstark.

Natürlich hatte Eintracht Frankfurt auch das nötige Spielglück. Ehe Müller die Führung erzielen konnte, hatten die Hausherren das 1:0 auf dem Fuß. Nils Petersen aber schaffte es nicht, einen von Rönnow zu kurz abgewehrten Schuss über die Frankfurter Linie zu drücken. Dazu fiel das Frankfurter Tor praktisch mit der ersten gelungenen Kombination. Noch einmal Petersen (22.) köpfte knapp am Tor vorbei. Die Gäste überließen weitgehend dem SC den Spielaufbau, die mehr vom Spiel hatten, auch einige Möglichkeiten – Florian Niederlechner drosch kurz nach der Pause freistehend noch einmal übers Tor – doch insgesamt agierte der Sport-Club viel zu harmlos. Die Eintracht selbst agierte nahezu ausschließlich mit langen Bällen. Von einem geordneten, ruhigen Spiel von hinten heraus war lange, sehr lange nichts zu sehen. Geplant war das nicht, räumte Hütter hinterher ein, eher der Not geboren. Doch Sebastien Haller hatte einen guten Tag erwischt, der lange Schlaks, oft genug kritisiert, machte ein gutes Spiel und viele dieser langen Bälle fest und ermöglichte damit den Kollegen, nachzurücken. Dass er ein Tor vorbereitet und das andere selbst erzielt hatte, sprach zudem für ihn. „Dieser Sieg“, sagte er später bei der Analyse, „ist mehr wert als drei Punkte.“ Er gebe der Mannschaft das nötige Selbstvertrauen, das zuletzt so gefehlt habe. „Nach den zwei Niederlagen war klar, dass wir mehr machen müssen, dass wir als Team zusammenstehen müssen.“ Das sei zum Auftakt prima gelungen.

Thomas Kilchenstein und Daniel Schmitt