18.03.2017 03:30 | Roland Stipp

Eintracht Frankfurt: Taleb Tawatha: "Das war schon ein Wow-Erlebnis"

Taleb Tawatha ist in Dschisr az-Zarqa aufgewachsen – eine kleine arabische Stadt an der israelischen Mittelmeerküste. Von dort wurde der Sohn eines aus dem Sudan stammenden Vaters und einer arabischen Israelin schon als Jugendlicher zu Maccabi Haifa geholt, einem der Top-Clubs in Israel. Der Außenverteidiger der Frankfurter Eintracht war Junioren-Nationalspieler. Inzwischen ist er 24 Jahre alt und hat fünf A-Länderspiele absolviert.

Taleb Tawatha
Taleb Tawatha Bild: imago sportfotodienst

Taleb, wie ist das Leben in Deutschland bisher für Sie?

Inzwischen gut, aber am Anfang war es schon schwierig. Ich bin ja das erste Mal von zu Hause weg und es ist schon vieles ganz anders hier, nicht nur das Wetter und das Essen. Vor allem weg von meiner Familie zu sein, das war erst einmal sehr ungewohnt und schwierig für mich.

Was ist eigentlich Ihre Alltagssprache?

Arabisch sprechen wir zu Hause. Und dann natürlich Hebräisch. Und Englisch gehört auch dazu. Es ist sehr angenehm, dass in Frankfurt so gut wie jeder Englisch spricht.

Wie war Ihr erster europäischer Winter?

Schon hart. In Israel wird es im Winter auch mal kühler, aber das hier, das ist schon etwas anders. Manchmal habe ich gedacht, das kann doch nicht sein, wenn es hieß, dass wir jetzt rausgehen und trainieren.

Um die Bundesliga herrscht ein ganz schöner Rummel. Auch das dürfte für Sie etwas Neues sein?

Ach, das ist gar nicht so viel anders in Israel. Mein Ex-Verein Maccabi Haifa gehört zu den größeren und erfolgreicheren dort, da ist es auch normal, dass immer Journalisten da sind und das Fernsehen. Und ich stehe ja hier auch noch nicht so im Mittelpunkt wie andere Spieler.

Also entspricht Deutschland alles in allem Ihren Erwartungen? Und woran müssen Sie sich noch gewöhnen?

Im Großen und Ganzen ist es so, wie ich mir das vorgestellt habe, auch wenn ich ganz andere Bilder im Kopf hatte.

Erzählen Sie von Ihrer Heimat: Wie ist das Leben in einer arabischen Stadt in Israel?

Es ist nicht so, wie sich das viele Leute vorstellen, dass keiner mit keinem kann. In Israel leben wir im Alltag auch ganz normal zusammen, Israelis, Araber, Afrikaner, Europäer. Natürlich gibt es Konflikte in bestimmten Gebieten und das Land steht sehr im Fokus, aber es ist ein schönes Land mit vielen guten Menschen.

Kommen wir zum Fußball: Schlecht kann die Ausbildung bei Maccabi Haifa nicht gewesen sein, wenn Sie ein Bundesligist verpflichtet ...

Das ist wahr. Es kommen immer mehr Trainer aus anderen Ländern oder mit der Erfahrung, auch anderswo gearbeitet zu haben. Und so wird die Ausbildung immer besser. Ich denke, da ist noch einiges möglich. Man sieht es ja teilweise auch schon an den Erfolgen unserer Jugend-Nationalmannschaften. Und die Top-Clubs, die im Europapokal spielen, bringen auch immer mehr Erfahrung mit nach Hause.

Der Unterschied zwischen der israelischen Liga und der Bundesliga ist dafür wohl umso größer?

Ja, das ist schon noch etwas anderes. Ich denke, Haifa könnte eine Mannschaft wie die Eintracht oder ähnliche Kaliber auch mal schlagen, in einem von fünf, sechs Spielen, aber über eine gesamte Saison in der Bundesliga zu bestehen, dass wäre für sie wahrscheinlich nicht möglich.

Allein das Training dürfte schon eine andere Welt sein?

Auf jeden Fall. Da ist zum einen das Tempo, da ist die Robustheit und da ist – zumindest bei der Eintracht – die Tatsache, dass es auf jede einzelne Trainingseinheit ankommt, ob du am Wochenende spielst. Aus Israel kannte ich das so, dass es gereicht hat, wenn man im letzten Spiel gut drauf war. Darauf wurde geachtet, nicht so sehr auf das Training.

Jetzt hatten Sie schon sieben Erstliga-Einsätze und durften bei den Bayern wieder von Anfang an ran. Das war dann auch noch einmal etwas anderes, oder?

Das kann man wohl sagen. Gerade in den ersten paar Minuten war das schon ein Wow-Erlebnis. Man hat sich dann langsam daran gewöhnt, auch weil wir schnell gut drin waren im Spiel, aber man musste die ganze Zeit hellwach sein. Wenn einer wie Arjen Robben den Ball hat, musst du auf alles gefasst sein. Besser sogar schon, wenn er den Ball auch nur bekommen könnte.

Stimmt, trotz der Niederlage war das zumindest ein vielversprechender Beginn der Eintracht in München. Aber die Ergebnisse sind zuletzt nicht wirklich befriedigend ...

Nein, sind sie nicht. Wir haben vielleicht nicht unseren besten Fußball gespielt, aber uns hat auch ein bisschen das Glück gefehlt, das wir in der Hinrunde noch hatten. Sogar in Leverkusen und in München hätten wir in Führung gehen können, aber der Ball wollte einfach nicht rein. Solche Phasen gibt es leider, da müssen wir durch. Ich bin sicher, dass es auch wieder bessere Tage geben wird.

Wie lautet Ihre Bilanz insgesamt nach einem halben Jahr in Deutschland?

Ganz ehrlich: Am Anfang habe ich manchmal gedacht, ich schaffe das nicht. Aber ich habe eine tolle Mannschaft, da entstehen Freundschaften und meine Familie besucht mich ... Ich freue mich auf alles, was da noch kommt.

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