26.10.2017 16:56 | dpa

Eintracht Frankfurt: Wie Boateng Frankfurt besser macht

Kevin-Prince Boateng spielt erst seit gut zwei Monaten für Eintracht Frankfurt. Er ist aber schon der neue Chef. Bislang erwies sich seine viel kritisierte Verpflichtung als gute Idee.

Kevin-Prince Boateng (Eintracht Frankfurt) - 17.10.2017: Eintracht Frankfurt Training, Commerzbank Arena
Kevin-Prince Boateng Bild: Marc Schüler

Alle in Frankfurt hören auf den Prinz. Wenn Eintracht Frankfurt am Freitag zum Südwest-Derby bei Mainz 05 antritt, wird Kevin-Prince Boateng erst sein zehntes Bundesliga-Spiel für seinen neuen Verein bestreiten. Doch der schillernde Fußball-Profi mit so illustren Karrierestationen wie dem AC Mailand und Tottenham Hotspur in seiner Vita hat bei der Eintracht in nur kurzer Zeit eine enorme Bedeutung gewonnen.

Boateng ist das neue Gesicht, der zentrale Spieler, der Antreiber und der Meinungsführer in einem. Als der Verteidiger Timothy Chandler beim vergangenen Spiel gegen Borussia Dortmund (2:2) eine schwere Knieverletzung erlitt, halfen ihm drei andere Frankfurter Spieler vom Feld. Boateng aber stellte sich in den Mittelkreis und forderte die Zuschauer zum Klatschen auf. Kurz darauf erhoben sich in der Arena tausende Fans. "Kevin ist eine absolute Führungspersönlichkeit - auf und neben dem Platz", sagte sein Trainer Niko Kovac.

Dass in Frankfurt nun alle über Boateng, den "gereiften Platzhirsch" ("Frankfurter Rundschau") oder "Boateng auf Schmusekurs" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung»" reden, hat auch nicht jeder erwartet. Rückblick um zwei Monate, in die letzten Tage des Augusts: Da verpflichtete die Eintracht kurz vor dem Ende der Transferfrist gleich zwei Spieler, die in dem Ruf stehen, nicht leicht zu führen und sehr viel mit sich selbst beschäftigt zu sein: den Kroaten Ante Rebic und eben Boateng.

Es gab damals einige Gründe, die gegen diese Transfers sprachen: Der Ruf der beiden Spieler. Der immer größer und größer werdende Kader. Oder das Signal, das man jungen Talenten wie Max Besuschkow oder Luka Jovic damit gab. Mittlerweile zweifelt aber niemand mehr daran: Die Eintracht hat alles richtig gemacht.

Boateng und Rebic geben diesem Team das, was ihm bislang fehlte. Mehr Übersicht und Ballkontrolle im Mittelfeld (Boateng). Mehr Wucht und Dynamik im Angriff (Rebic). Der Kroate wurde in dieser Woche zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren wieder für die Nationalmannschaft seines Landes nominiert. Boateng lief am Dienstag beim Pokalsieg in Schweinfurt sogar als Kapitän auf.

Beide profitieren auch davon, dass kaum jemand sie besser kennt als ihr Trainer Niko Kovac. Den jungen Rebic holte er einst in die U21-Auswahl Kroatiens. Mit dem noch jüngeren Boateng spielte er vor mehr als zehn Jahren zusammen bei Hertha BSC. "Niko weiß genau, wie man die Tiger im Zaum hält", sagte der gebürtige Berliner.

Boateng ist mittlerweile 30 Jahre alt und sagt: "Wenn du im Alter nicht reifer wirst, dann hast du ein Problem." Ja, er habe früher Fehler gemacht. Und nein, es werde von ihm keine Skandale mehr geben. "Wenn ich heute lese: Bad Boy. Dann schreibt das jemand, der einfach nur die Schublade aufmacht, weil er keine andere Idee hat. Wenn man mich jetzt kennenlernt, sollte man etwas anderes schreiben."

Zum Beispiel, dass der Halbbruder von Weltmeister Jerome Boateng einer der wenigen Fußball-Profis ist, der sich auch konsequent zu gesellschaftlichen Problemen außerhalb des Platzes äußert. In einem "Focus"-Interview forderte er einen Videobeweis für rassistische Äußerungen im Stadion. Die Kniefall-Geste der Hertha-Profis vor einem Bundesliga-Spiel verteidigte er gegen massive mediale Kritik.

"Ich frage mich, warum Stars mit ihren 10, 20 oder 30 Millionen Followern in den sozialen Netzwerken ihre Macht nicht nutzen, um wichtige Themen auch langfristig auf die Agenda zu setzen und dort zu halten", sagte Boateng in einem "GQ"-Interview dazu. "Rassismus ist meiner Meinung nach nur eine anerzogene, erlernte Ignoranz. An sich ist kein Mensch ein Rassist."

(dpa)

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